Es gibt 2018 nur noch wenig Gründe, sich für neue Gitarrenrockmusik zu interessieren. Gerade wenn sie von deutschsprachigen Musikern stammt, muss man sich schon freuen, wenn sie nicht politisch reaktionär oder trübe vergangenheitsselig ist, sondern – das ist der beste Fall – bloß als Soundtrack für die öden Nöte weinerlicher Mittelschichtsmänner dient. Umso größer ist die Überraschung, dass die schönste und schlaueste, wärmste und kühnste, traurigste und lustigste deutsche Pop-Platte des Frühjahrs von einer Gitarrenmusikgruppe stammt. Die nennt sich The Screenshots, und auf ihrem Debütalbum Ein starkes Team hat sie uns sieben Songminiaturen geschenkt, in denen ein verzweifelter, aber nie jammernder Mann mit dramatisch sich überschlagender Stimme über Einsamkeit, Liebe, Helmut Kohl, Sehnsucht und die Angst vor dem Ende der europäischen Einigung singt, und all dies zu scharfkantig zersplitterten Kraftrock-Akkorden.

Die drei Mitglieder der Screenshots, deren erstes Album nur digital erhältlich ist (auf Spotify und anderen Plattformen), nennen sich Susi Bumms, Kurt Prödel und Dax D! Werner. Streng geheim gehalten wird, wer hinter den Pseudonymen steckt. Zumindest die beiden Letztgenannten sind aber als Netz-Figuren keine Unbekannten. Kurt Prödel wurde in den vergangenen Jahren als deutscher Walt Disney des Post-Internet-Pop bekannt, er schuf Videoclips, in denen mit den fortgeschrittensten Mitteln der digitalen Datenverarbeitung die Ästhetik der alten Analog-Ära simuliert wird; Zeichentrickfilme für Digital Natives, die sich aus unserer utopie- und zukunftslosen Epoche in eine Vergangenheit zurückträumen, die es nie gab.

Bei öffentlichen Auftritten lässt Prödel sich von einem Avatar mit einem Hipster-Kastenbart vertreten, der einen Fischerhut mit dem Windows-Logo und einigen japanischen Schriftzeichen trägt. Dax D! Werner wiederum stürzt seine Leserinnen und Leser als Twitter-Poet und Influencer-Darsteller in die reine Gegenwart des Gründerszene-Geschwätzes, ein Meister des wertlosen Zeichengebrauchs und der strudelnden Bedeutungsentleerung. Beide Figuren konnte man leicht als versierte Zyniker deuten; doch wer genauer hinsah, hinhörte und las, entdeckte in ihren Werken, in den vom Kurznachrichtenformat zerfetzten Texten schon immer eine innere Unruhe und Melancholie.

Als The Screenshots implementieren sie die Oberflächenästhetik des digitalen Zeichengestöbers nun in den Gitarrenrock – also in jene musikalische Gattung, deren Gegenwart kaum etwas anderes kennt als Authentizität und Innerlichkeit. So wächst zusammen, was nicht zusammengehört, alles klingt falsch – die Gitarren, die Worte, das Schlagzeug, die Stimme des Sängers – und gerade in dieser Falschheit so richtig. Auf der Suche nach ichprägenden Erinnerungsbildern finden The Screenshots bloß Banalitäten, aber in diesen Banalitäten sind Zeitläufte umschlossen wie eine Fliege in Bernstein: "Und jetzt sind wir hier / Wir schreiben das Jahr 2006 / Odonkor wird geschickt (Odonkor wird geschickt) / Odonkor läuft (Odonkor läuft)". Über Liebe und Verlust raunen sie in den Floskeln der prekarisierten Arbeitswelt ("Baby, du bist der spannendste Kontakt meines Lebens / Baby, wir sind ein starkes Team"), aber durch die mantrahaft wiederholten Floskeln funkelt ein Begehren hindurch, das sich selbst noch nicht versteht, weil ihm die Worte fehlen.

Man hört hier Menschen zu, von denen man nicht weiß, wie sie wirklich heißen oder aussehen, aber die darum ringen, sie selber zu sein, und dies ohne Selbstüberschätzung, Klebrigkeit und Larmoyanz. Das ist in der deutschen Popmusik unserer Zeit mehr, als man hoffen und wünschen durfte.