DIE ZEIT: Haben Sie in Erwägung gezogen, die Erklärung 2018 zu unterzeichnen, in der deutsche Schriftsteller wie Uwe Tellkamp vor "illegaler Masseneinwanderung" nach Deutschland warnen?

Thea Dorn: Keine Sekunde. Ich teile die Grundannahme nicht, dass im Jahre 2018 immer noch eine illegale Masseneinwanderung nach Deutschland stattfindet. Und was soll eine Verlautbarung in Gestalt von zwei mageren Sätzen? Müssten Intellektuelle nicht diejenigen sein, die Simplifizierungen entgegenarbeiten?

ZEIT: Mit Ihrem neuen Buch Deutsch, nicht dumpf versuchen Sie sich sowohl gegen Positionen von rechts als auch von links abzusetzen.

Dorn: In meinem intellektuellen Umfeld mache ich seit einiger Zeit die besorgniserregende Beobachtung, dass es die Bereitschaft gibt, sich sehr stark nach rechts zu bewegen.

ZEIT: Können Sie Namen nennen?

Dorn: Nehmen Sie Rüdiger Safranski. In seiner Jugend stand er sehr weit links, später wurde er zu einem der von mir am meisten geschätzten Publizisten über deutsche Themen. Das Interview, das er unlängst dem Spiegel gegeben hat, hat mich jedoch einigermaßen fassungslos gemacht. Dort sagt er etwa, dass Alexander Gauland für ihn eine satisfaktionsfähige Figur des Konservativen sei. Ich will nicht bestreiten, dass Gauland seine bildungsbürgerlichen Stecken beisammenhat. Aber wer im Wahlkampf droht, die Staatsministerin Özoğuz in Anatolien zu entsorgen, der hat sich für mich diskreditiert. Ich verstehe nicht, wie Safranski solch ein aggressives Gepöbel indirekt verteidigen kann.

ZEIT: Was ist da passiert?

Dorn: Ich glaube, dass es unter Intellektuellen eine gewaltige Frustration gibt. In den meisten Gesichtern sehe ich nur noch Kapitulation. Machen wir uns nichts vor. Alle unsere Schollen schmelzen in rasanter Geschwindigkeit, und damit meine ich nicht die Polkappen, sondern unsere bildungsbürgerlichen Schollen, auf denen wir sitzen, sei es im Feuilleton, sei es als Schriftsteller. Es wird immer schwieriger zu rechtfertigen, wozu es uns noch braucht. Die Verkaufszahlen der Verlagsbranche brechen ein, unser Bildungssystem wird immer stärker in Richtung "verwertbares Wissen" umgebaut. Da passiert etwas Massives.

ZEIT: Wie sollten wir darauf reagieren?

Dorn: Ich sehe exakt drei Möglichkeiten. Entweder man wird depressiv und kauft sich ein Häuschen in Brandenburg – Rückzug in den Kokon. Oder man proklamiert so etwas wie die Erklärung 2018, ruft frei nach Trump: "Make Germany great again!" Wer allerdings glaubt, dass wir nur die Zuwanderung bremsen müssten, und schon herrschten hierzulande wieder bildungsbürgerlich erfreulichere Zustände, irrt sich gewaltig. Ohne die Bereitschaft, sich selbst und andere geistig zu fordern, kann es kein Bildungsbürgertum geben. Am Schwund dieser Bereitschaft tragen die Flüchtlinge nun wahrlich keine Schuld. Oder, die dritte Möglichkeit: Man entdeckt den engagierten Citoyen in sich. Beim Schreiben dieses Buches habe ich überrascht festgestellt, dass ich vermutlich weiter links stehe, als ich dachte.

ZEIT: Warum hat Sie das überrascht?

Dorn: Ich halte es beispielsweise für richtiger, wenn im Theater Goethes Faust als wenn eine Flüchtlingsperformance gegeben wird. Glaubt man der gängigen Sortierung, gehört eine solche Auffassung doch eher ins Portefeuille einer Konservativen. Mein zentrales Anliegen ist, das zu verteidigen, was in Europa in den letzten zweieinhalbtausend Jahren entstanden ist: die Idee eines mündigen, gebildeten, freien, emanzipierten Individuums. Und wenn wir uns klarmachen, dass diese großartige Idee weltweit immer noch eine Minderheitenidee ist und dass wir selbst dabei sind, sie zu verscherzen, dann stellt sich die Frage nach links oder rechts plötzlich neu.

ZEIT: Ihr zentraler Begriff ist der Patriotismus. Rennen Sie damit nicht offene Türen ein? Selbst die SPD will ja gerade wieder patriotisch werden.

Dorn: Patriotismus ist für mich kein Tabubruch, sondern eine Ermahnung an diejenigen, die sich 24 Stunden am Tag mit ihrer eigenen Befindlichkeit beschäftigen. Gerade im gut situierten, neubürgerlichen Milieu sollte man zur Kenntnis nehmen, dass das Individuum in den freien Gesellschaften für mehr als für die Planung seiner Wellnesswochenenden verantwortlich ist.