Thomas Frings würde seine Kirche gern verändern, doch sie lässt ihn nicht. Der Pfarrer braucht eine Gemeinde, doch kein Bischof gibt sie ihm. Er sieht die Probleme, er sieht den Niedergang, und er hat Ideen, wie dieser Niedergang sich aufhalten ließe. Doch man ignoriert ihn. Noch jedenfalls. Wie hält Thomas Frings das aus?

Frings liebt seinen Job. Er tauft gern, er traut gern, er beerdigt gern, er feiert gern die Messe. Doch im vorletzten Jahr platzte ihm der Kragen. Er war damals noch Pfarrer im Münsterland und beschwerte sich öffentlich, machte seinem Ärger bei Facebook Luft: "Wir haben den Satz 'Die Menschen da abzuholen, wo sie stehen' gelernt umzusetzen. Jetzt müssten wir noch den Umstand akzeptieren, dass immer mehr Menschen gar nicht dahin wollen, wo wir sie hinführen möchten, nämlich zur Mitfeier dieser Sakramente" , schrieb der Pfarrer. Er beklagte den Umstand, dass viele seiner Gottesdienstbesucher keine Ahnung mehr hätten und die Messe zu ein, zwei Gelegenheiten im Leben als Serviceleistung betrachteten, die dann aber perfekt performt werden müsse. Frings beklagt, dass die Kirche vor diesem und anderen Phänomen, etwa dem eklatanten Priestermangel, die Augen verschließe und mit den immer gleichen uralten Rezepten versuche, der Erosion Herr zu werden. Warum nicht neue Gottesdienstformen ausprobieren, wenn die alten eh niemand mehr versteht?, fragt er. Etwas im kirchlichen Angebot zu verändern, das würde helfen. Alternativen zur klassischen Messe zu entwickeln, das würde helfen.

Nach seinem Facebook-Post lässt Frings sich freistellen und geht in ein holländisches Kloster. Er denkt nach, er schreibt ein Buch: Aus, Amen, Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein wird ein Spiegel-Bestseller. Das Buch vertieft die Kluft zwischen ihm, seinen Mitbrüdern und seinen Vorgesetzten. Jetzt ist Thomas Frings ein Reformer ohne Reformprojekt. Sein offen vorgetragener Wunsch, etwas verändern zu wollen, hat ihn vielleicht die Möglichkeit gekostet, genau das tun zu können.

"Ich bin absolut nicht frustriert", sagt Thomas Frings. Er trägt eine rote Clownsnase und steht am Eingangstor zum Kloster der Benediktinerinnen in Köln-Raderberg. Unser Treffen findet statt am Tag nach Weiberdonnerstag. Es ist ein klirrend kalter Tag, sehr gut, um den Kopf nach dem Exzess durchzulüften. Hier wohnt Frings jetzt, bei den Schwestern. Es ist eine Zwischenlösung.

Man muss den Weg, den man geht, richtig finden, sonst kann man ihn nicht gehen. Oder nur unter großen Schmerzen. Thomas Frings fand den Weg seiner Kirche nicht mehr richtig. Sie macht immer weiter, obwohl die Gläubigen in Scharen austreten oder den Messen fernbleiben. Die Wut über diese Strategie ist Frings’ Buch anzulesen. Doch bösartig ist das Werk nicht, eher humorvoll, weil sein Autor der Institution, die er kritisiert, so sehr zugeneigt ist.

In seinem Exil, dem holländischen Willibrordsabdij-Kloster in Doetinchem hat Frings letztes Jahr den Boden geschrubbt und die Heizöfen angemacht. Von Pfingsten 2016 bis Pfingsten 2017 war er dort. "Da wurde nicht auf Rang, Namen oder akademischen Grad geachtet, da erledigt der Letzte, der kommt, die Aufgabe, die grade frei ist." Bei den Brüdern hatte Frings einen strikt durchgetakteten Tagesablauf. Das hat ihm geholfen. Doch nach einem knappen Jahr im Wald, in einem Kloster, in das nicht mal eine asphaltierte Straße führt, war es auch gut mit dem Sammeln in Abgeschiedenheit: "Wenn ich heute schon weiß, was ich in 30 Jahren am Donnerstagmorgen um 6.30 Uhr mache, dann ist das zwar gut für ein Jahr, aber nicht für den Rest meines Lebens." Es war klar, Pfarrer Frings musste wieder raus, in die Welt.

Da ist er jetzt. Wenige Minuten vom traditionellen Zentrum der Kölner Südstadt, dem Chlodwigplatz, entfernt, wohnt Thomas Frings auf 60 Quadratmetern unterm Dach. Seine Gastgeberinnen sind urbane Experimentier-Schwestern. Vier Generationen von Benediktinerinnen wohnen und arbeiten in Raderberg im Herz-Jesu-Kloster. Das Kloster wächst, ganz gegen den Trend. Seit 1896 leben die Benediktinerinnen hier, die Stadt ist um das dunkle Gebäude mit seiner eisenbeschlagenen Eingangstür herum gewachsen, hat den Klostergarten mit seinen Laubengängen, mit den Kühen und den Blumen, zu einem innerstädtischen Refugium gemacht. Eine Ruhe-Insel inmitten des rheinländischen Lärmens und Palaverns.

Hier hat Thomas Frings eine Aufgabe, aber er wartet auf eine größere. Als er sich nach der Auszeit in Holland beim Bistum Münster wieder zum Dienst meldete, hatte man keine wirkliche Verwendung mehr für ihn. Das hat Frings enttäuscht, aber: "Ich habe mich durch den Abschied aus der Gemeinde und das Buch auch für 90 Prozent aller traditionellen Pfarrerstellen disqualifiziert, ich wusste, dass es schwierig wird." Es wurde dann richtig schwierig, als das Bistum Münster ihm nur einen Job als Pfarrer der Landesgartenschau 2020 in Kamp-Lintfort anbieten konnte. Das war nicht ganz die Zukunft, das avantgardistische Experiment, von dem Frings in seinem Buch träumt.

Es schlug die Stunde von Schwester Emmanuela. Sie leitet das Kölner Benediktinerinnenkloster. Die Priorin lud den heimatlos gewordenen Pfarrer, der nicht mehr im holländischen Exil leben wollte, ein. Erst nur für ein paar Wochen, dann, nach einer Eucharistiefeier, fragte sie ihn unumwunden in der Sakristei, ob er nicht komplett zu den Benediktinerinnen nach Köln ziehen wolle. Er wollte. Hier hält er Predigten, hier hilft er bei der Konzeption eines Kita-Neubaus. Gemeinsam mit den Schwestern denkt er darüber nach, was das heißen könnte: Kloster in einer Großstadt im 21. Jahrhundert zu sein. Neulich haben die Benediktinerinnen beschlossen, ihre Sonntagsmesse auf 10.30 Uhr zu verschieben, damit mehr Gäste kommen können. Sie bieten sinnsuchenden Frauen die Gelegenheit, ein paar Monate im Kloster mitzuwohnen. Sie haben eine tunesische Flüchtlingsfamilie aufgenommen. Und sie betreiben auch eine Hostienbäckerei. Erst hat man eine neue bauen wollen, aber: "Dann haben wir gemerkt, das bringt nix, die Nachfrage ist ja gar nicht da – so haben wir uns für eine Kita entschieden", sagt Schwester Emmanuela.