DIE ZEIT: Herr Sundrum, wie geht es den Schweinen in Deutschland?

Albert Sundrum: Weil wir die Tiere nicht fragen können, wie sie sich fühlen, scheint es so, als gäbe es darauf keine eindeutige Antwort. Doch das Befinden der Einzeltiere und der Tiere einer Herde kann sehr wohl indirekt beurteilt werden. Schweine sind, ähnlich wie Menschen, extrem anpassungsfähig. Wenn sie krank werden, heißt das, dass sie in ihrer Anpassungsfähigkeit überfordert sind. Also müssen wir etwas tun, das bei Tierschutzdebatten seltsamerweise meistens unter den Tisch fällt: Wir müssen uns die Erkrankungsrate in den Ställen ansehen. Ist sie hoch, ist der Leidensdruck auf die Tiere hoch.

ZEIT: Und wie sieht es mit den Erkrankungsraten in deutschen Schweineställen aus?

Sundrum: Sie sind sehr hoch.

ZEIT: An welchen Krankheiten leiden die Tiere?

Sundrum: Wir sprechen in der Wissenschaft von Produktionskrankheiten. Das sind Krankheiten, die im Zusammenhang mit dem Produktionsprozess entstehen. Viele Schweine leiden aus verschiedenen Gründen, unter anderem wegen erhöhter Schadgase in der Stallluft, an Lungenentzündungen – der Anteil der erkrankten Tiere beträgt durchschnittlich über 30, in manchen Betrieben bis zu 80 Prozent. Die Symptome sind wie beim Menschen, das heißt Fieber, Husten, erhöhte Atemfrequenz, Benommenheit. Außerdem haben Schweine sehr oft Magengeschwüre, die durch ungeeignete Fütterung entstehen: Da liegt die Rate auch mal bei circa 50 Prozent. Manche Geschwüre führen zum Magendurchbruch, andere äußern sich durch eine permanent gereizte Magenschleimhaut. Ein weitverbreitetes Problem, mit einer Rate zwischen null und 80 Prozent je nach Betrieb, sind Verletzungen am Ringelschwanz durch Kannibalismus. Zudem treten Gelenksentzündungen gehäuft auf, was sich durch Anschwellen, Wärme und Rötung äußert und Schmerzen einschließt. Zu nennen wäre dann noch der häufig festgestellte parasitäre Befall der Tiere, meist Spulwürmer, die Organe wie die Leber durchwandern.

ZEIT: Das heißt, die Mehrzahl der deutschen Mastschweine ist krank?

Sundrum: Die Mehrzahl der Tiere durchläuft im Laufe des Lebens eine oder mehrere der genannten Erkrankungen.

ZEIT: Was passiert mit den kranken Tieren?

Sundrum: Die Erkrankungen sind für den Landwirt nicht immer sichtbar. Falls doch, werden selten die einzelnen Tiere behandelt, denn das kostet Zeit und Geld. Günstiger ist es, bei Infektionserkrankungen einfach allen Schweinen Antibiotika über das Trinkwasser zu verabreichen. Bei der Organbeschau im Schlachthof wird dann festgestellt, dass beispielsweise große Areale der Lunge entzündlich verändert sind, oder es werden eben die Narben in der Leber gefunden. Diese Teile werden verworfen, der Rest des Tieres wird ganz normal verarbeitet und geht an den Verbraucher.

ZEIT: Wenn man ein Schnitzel im Supermarkt kauft oder im Restaurant isst, besteht also das Risiko, dass das Fleisch von einem Tier stammt, das Würmer in der Leber hatte?

Sundrum: Ja. Die Wahrscheinlichkeit ist jedenfalls hoch, dass das Tier eine Erkrankung durchlaufen hat.

ZEIT: Warum ist das erlaubt?

Sundrum: Es schadet dem Verbraucher ja nicht. Der Staat unternimmt nur etwas gegen Erkrankungen, bei denen die Erreger die Verbraucher gefährden können, wie zum Beispiel bei Salmonellen. Und gegen Tierseuchen, wenn diese die Existenzfähigkeit der Betriebe deutlich gefährden. Produktionskrankheiten werden staatlicherseits so gut wie nicht geregelt.

ZEIT: Wie geht es den deutschen Milchkühen?

Sundrum: Jedes Jahr werden circa ein Drittel aller Milchkühe vor Erreichen ihrer vollen Leistungsfähigkeit zum Schlachter gegeben. Der Hauptgrund ist, dass sie den Anforderungen des Produktionsprozesses nicht mehr gewachsen sind.

ZEIT: An welchen Krankheiten leiden die Tiere?

Sundrum: Probleme gibt es unter anderem mit den Klauen, hier ist die Zahl der Erkrankungen zuletzt gestiegen. Durch übermäßige Milchleistungen sind viele Tiere ausgezehrt. Sie können den negativen Energiesaldo nicht mehr kompensieren und brauchen ihre Fettreserven auf, die sich unter anderem in den Klauen befinden. Diese sind dann nicht mehr ausreichend gepolstert. Ein weiteres Problem sind die entzündeten Euter. Die Schließmuskeln der Zitzen sind häufig nicht mehr voll funktionsfähig, so geraten Erreger ins Euter. Zum Schlachter werden auch junge Kühe gegeben, wenn sie nicht mehr trächtig werden, also Fruchtbarkeitsstörungen aufweisen. Sie haben beispielsweise eine entzündete Gebärmutter oder werden aufgrund der Folgewirkungen von übermäßigen negativen Energiesalden nicht mehr tragend.

ZEIT: Joghurt, Milch, Butter – all das, was wir täglich zu uns nehmen, stammt aus schmerzhaft entzündeten, mit Keimen belasteten Eutern?

Sundrum: Nicht alle Euter sind im Laktationsverlauf entzündet, und nicht alle Eutererkrankungen sind schmerzhaft, aber es sind zu viele Kühe, die vermeidbaren Belastungen ausgesetzt sind. Auch hier besteht für den Verbraucher keine Gefahr. Die Rohmilch wird vor der Verarbeitung erhitzt, sodass die Keime absterben. Man darf sich Milch auch nicht als ein naturbelassenes Produkt vorstellen. Die Molkereien zerlegen die Rohware in ihre Bestandteile, also Fett, Eiweiß und Milchzucker, und setzen dann alles neu zusammen, sodass die Milch beispielsweise den gewünschten Fettgehalt hat.

ZEIT: Ist die Situation für die Tiere in der Ökolandwirtschaft besser?

Sundrum: Die Tiere haben deutlich mehr Platz und auch Stroh im Stall. Die Erkrankungsraten sind jedoch im Schnitt dieselben.

ZEIT: Der Verbraucher zahlt zum Teil mehr als das Doppelte für diese Produkte, auch deshalb, weil er meint, dass es den Tieren in der Ökolandwirtschaft besser geht.

Sundrum: Wenn man das "Bessergehen" auf die Möglichkeiten zur Ausübung von arteigenen Verhaltensweisen beschränkt, stimmt es ja. Wohlbefinden wird aber nicht in erster Linie durch Verhalten geprägt, sondern durch das Freisein von Gesundheitsstörungen. Seit Jahren wird behauptet, wenn man einfach die Haltungsbedingungen ändere – die Ställe größer mache, den Tieren mehr Auslauf gestatte –, verbessere sich automatisch der Gesundheitszustand der Tiere. Das ist nicht der Fall, wie unter anderem durch eigene Studien belegt ist: Die Produktionskrankheiten sind auf Ökobetrieben ein ebenso großes Problem wie in konventionellen Betrieben.