DIE ZEIT: Seit Jahrzehnten streiten sich Linguisten darüber, ob es eine "Universalgrammatik" gibt, so, wie es Noam Chomsky propagiert hat, also den einen Bauplan, der hinter allen Sprachen steht. Chomsky glaubt, dass die Fähigkeit, diesen Bauplan zu erkennen und zu benutzen, angeboren ist, dass ein Organ für die Grammatik existiert. Jetzt sagen Sie, dass Sie dieses Organ gefunden haben. Wo steckt es denn?

Angela Friederici: Es ist schon lange bekannt, dass Grammatik und Wörter an getrennten Orten im Gehirn verarbeitet werden. Für die Grammatik ist das sogenannte Broca-Areal zuständig, für die Wörter das Wernicke-Areal. Wir haben uns die Verbindungen zwischen diesen beiden Regionen angesehen. Unsere Hypothese war, dass ein bestimmtes Nervenfaserbündel, welches das Broca-Areal mit dem Wernicke-Areal verbindet, verantwortlich sein müsste für die Verarbeitung der Syntax, also der Regeln für die Kombination von Wörtern.

ZEIT: Wie sind Sie darauf gekommen?

Friederici: Bei Affen ist diese Faserverbindung ganz schwach ausgeprägt. Und Schimpansen und Makaken können zwar Wörter lernen, aber keine Kombinationen bilden. Bei neugeborenen Kindern ist dieses Bündel noch nicht voll funktionstüchtig, es entwickelt sich später aber bei jedem Menschen. Wir konnten zeigen, dass der Reifegrad dieser Verbindung sehr genau damit übereinstimmt, wie gut Kinder grammatisch komplexe Sätze verarbeiten können.

ZEIT: Dieses Faserbündel ist also das Organ für die Universalgrammatik von Chomsky?

Friederici: Ja, ich glaube schon, zusammen mit einem Teil des Broca-Areals. In diesem konnten wir nämlich den Mechanismus lokalisieren, den Chomsky als Grundprinzip der Grammatik definiert hat. Er nannte das "merge", also "Zusammenfügen". Man bindet zwei Elemente zusammen: "Der" und "Mann", dann hat man eine Phrase, also ein neues Element. Dann kommt ein weiteres hinzu: "Der Mann singt". Das kann man beliebig häufig machen, und daraus entstehen lange, komplexe Sätze. Wir haben diesen Mechanismus mit einer unglaublich geringen Varianz über die Versuchspersonen geortet. Das spricht dafür, dass er biologisch festgelegt ist.

ZEIT: Wie haben Sie das angestellt?

Friederici: Wir haben Versuchspersonen unterschiedliche Kombinationen von Wörtern präsentiert, entweder einen Artikel und ein Pseudowort, zum Beispiel "der Flirk", oder ein Nomen und ein Pseudowort, etwa "Tür Flirk", die keine grammatische Verbindung ergeben. Im letzteren Fall bleibt diese Hirnregion einfach stumm.

ZEIT: Warum haben Sie das erst jetzt entdeckt? Die Sprachareale sind ja lange bekannt.

Friederici: Die Faserbündel sitzen im Gegensatz zu diesen Regionen tief im Gehirn und nicht in der Hirnrinde. Das Broca- und das Wernicke-Areal hat man gefunden, weil Patienten nach Unfällen oder Schlaganfällen entweder die Grammatik nicht mehr benutzen konnten oder keine Wörter mehr gefunden haben. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass diese Faserverbindung von einem Unfall in Mitleidenschaft gezogen wird. Auch ein Schlaganfall beeinflusst sie nicht, weil sie nicht direkt abhängig vom Blutversorgungssystem ist. Die einzigen Fälle, wo man Effekte sieht, sind bestimmte degenerative Hirnerkrankungen. Da konnte man zeigen, dass diese Patienten komplexe Syntax nicht mehr beherrschen.

ZEIT: Ist mit dieser Entdeckung der Streit um die Universalgrammatik nun endlich entschieden?

Friederici: Na ja, ich würde sagen, sie ist ein guter Ansatz. Wir werden aber zeigen müssen, dass sie für alle Sprachen gilt. Wir haben zunächst das gleiche Experiment im Chinesischen gemacht, einer ganz anders aufgebauten Sprache, und es kam dasselbe heraus. Das weist darauf hin, dass es ein universales Grammatiknetzwerk im Gehirn gibt.

ZEIT: Aber heißt das zwangsläufig, dass es eine universale Grammatik in der Sprache gibt?

Friederici: Es heißt zumindest, dass es ein universales Grundprinzip gibt, auf dem die Grammatiken aller Sprachen aufbauen können.

ZEIT: Wie hat Chomsky auf Ihren Fund reagiert?

Friederici: Er fand es sehr spannend, dass es für seine Theorie erste Evidenzen gibt. Er hatte ja diese theoretische Idee schon in den sechziger Jahren, er ist aber kein Empiriker. Wir haben einfach die ersten empirischen Beweise vorgelegt. Das ist so wie Theorie und Experiment in der Physik.

ZEIT: Einer der prominentesten Kritiker der Universalgrammatik ist Daniel Everett, ein Schüler von Chomsky. Als Argument führt er die Sprache der Pirahã an, die er im Amazonas-Gebiet erforscht hat. Ihr fehle ein ganz wichtiges Merkmal, nämlich die Rekursion, also das Verschachteln von Elementen. Zum Beispiel bildeten die Pirahã keine Relativsätze. Was sagen Sie dem jetzt?

Friederici: Tatsächlich glauben Linguisten, nun doch rekursive Strukturen in dieser Sprache gefunden zu haben. Nicht in der Syntax, aber in der Satzmelodie. Im Deutschen wird die Struktur von Haupt- und Nebensatz, welche die Syntax vorgibt, auch durch die Satzmelodie markiert: Vor einem Komma heben wir die Stimme und machen eine kurze Pause. Das geht natürlich auch bei zwei Hauptsätzen: "Ich denke. Ich muss gehen." Die Sprachmelodie markiert, was zusammengehört. Interessanterweise nutzen Kinder genau das, um Zugang zur Grammatik zu bekommen. Schon im Alter von fünf Monaten reagiert ihr Hirn auf diese melodische Markierung. Aber sie können natürlich noch kein Wissen über die Syntax haben. Nehmen wir im Experiment die kleine Pause heraus, dann zeigen die Kinder diese Hirneffekte nicht mehr. Erwachsene aber sehr wohl, sie brauchen diese Pause als Markierung nicht mehr. Die Pirahã drücken Verschachtelungen offenbar nicht durch Grammatik, sondern zum Teil durch die Sprachmelodie aus.

ZEIT: Ihr ehemaliger Direktorenkollege am Max-Planck-Institut, Michael Tomasello, hat sich sehr entschieden auf die Seite der Kritiker geschlagen und gesagt, das Projekt Universalgrammatik sei tot.

Friederici: Mike und ich, wir haben viel darüber diskutiert. Aber er hatte auch keine Erklärung dafür, weshalb Kinder im Alter von sieben Jahren kurze Sätze wie "Den Bär schubst der Tiger", bei denen das Satzobjekt am Anfang steht, noch nicht verstehen. Jetzt konnten wir zeigen, dass Kinder in dem Alter die genannte Faserverbindung noch nicht in der gleichen Stärke wie Erwachsene haben. Da hat Mike gesagt: Na ja, da könnte was dran sein.

ZEIT: Freut Sie das?

Friederici: So ist die Wissenschaft. Eine Theorie zu haben ist wichtig. Aber Daten sind eben Daten. Und das Gehirn hat uns mit seinen Daten noch nie betrogen.