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Die müde Schule muss zur ausgeschlafenen werden, fordert Manuel J. Hartung

Um 7.50 Uhr waren wir eine Provokation für unsere Mitschüler. Wir waren wach, die anderen gähnten. Wir machten mit, die anderen dösten. Wir waren "Lerchen", wie die Forscher sagen, morgens fit, abends müde; die anderen waren "Eulen", blieben abends lange wach, kamen aber morgens nicht aus dem Bett.

Beides ist angeboren und kaum zu ändern. Aber wir waren drei, die anderen zwanzig.

Und hier liegt das Problem: Frühes Aufstehen ist eine Qual für die meisten Schüler, für 70 bis 80 Prozent von ihnen, wie Studien zeigen. Sie sind nicht in erster Linie müde, weil sie Nächte durchfeiern oder verdaddeln, nein, bei vielen Jugendlichen tickt die innere Uhr anders als bei Erwachsenen; ihre "Schlafmitte", wie Chronobiologen das nennen, liegt später als bei Älteren. Wem von ihnen die erste Stunde schlägt, der fühlt sich, als sei es noch mitten in der Nacht. Die Leistungen sinken, die Unlust steigt. Eine frühe erste Stunde bevorzugt Lerchen und benachteiligt Eulen – sie ist ein Gerechtigkeitsproblem.

Politiker in Schleswig-Holstein wollen das nun ändern. In Niedersachsen haben ihre Kollegen es gerade den Schulen freigestellt, um wie viel Uhr die erste Stunde beginnt. Man sollte glauben, dass sie dafür bejubelt würden. Dass dieser Schritt nützt, ist anders als bei vielen anderen Reformideen für die Schule sogar wissenschaftlich belegt.

Laut einer "Deutschlandtrend"-Umfrage der ARD wollen jedoch nur 39 Prozent der Wahlberechtigten den späteren Start, 57 Prozent sind dagegen. Bei Eltern von Unter-14-Jährigen ist der Widerstand mit 63 Prozent noch größer. Auch Lehrerverbände sind skeptisch gegenüber einer Verschiebung.

Die Schulstechuhr zeigt die Prägekraft der alten Industriegesellschaft: So, wie Papa früh in die Fabrik musste, ging das Kind früh zum Unterricht. In der Dienstleistungsgesellschaft mussten Eltern schon später ran, egal ob sie nun als Friseur arbeiteten oder als Marketingchefin. Und heute, in der Informationsgesellschaft, schrumpft die Zahl der Zwangsfrühaufsteher-Berufe weiter; viele fangen noch aus Konvention früh an, nicht aber, weil es nötig wäre.

Wenn sich der Rhythmus einer Gesellschaft ändert, könnte sich endlich auch die Schule ändern. Der Unterricht sollte erst um 9 Uhr beginnen – damit aus der übermüdeten Schule die ausgeschlafene Schule wird.

Doch warum ist der Widerstand der Eltern so groß? Weil sie genau wissen, dass ein späterer Start ohne eine große Schulreform nicht zu haben sein wird.

Denn die ausgeschlafene Schule wäre überall Ganztagsschule, weil der Unterricht bis in den Nachmittag reichte und es zwingend (Früh-)Betreuung und eine Mittagspause geben müsste – für die flächendeckend Cafeterien mit gesundem Essen nötig wären. Und die Lehrer? "Die meisten haben ihren Beruf in einer Welt gewählt, in der Lehrer nur vormittags arbeiten mussten", sagte der Bildungsökonom Ludger Wößmann (ZEIT Nr. 39/16). Sie müssten sich umgewöhnen. Genauso wie Sport- und Musikvereine in die Schulen hineinkommen müssten.

Die ausgeschlafene Schule wäre nicht nur gerechter für die meisten Schüler. Sie könnte auch anders sein, ein Begegnungsort werden. Denn wer den Rhythmus ändert, kann Taktgeber werden.