Was ist bloß bei uns in Sachsen los? Da strömen Hunderte Neonazis nach Ostritz zum Rechtsrockfestival – und da feiern doppelt so viele ein Gegenfest des Friedens? Protestieren Bürgermeister von 40 Städten und Gemeinden? Gibt unser CDU-Ministerpräsident den Schirmherr des Friedensfestivals und sagt: "Der Kampf gegen Rechts muss aus der Mitte der Gesellschaft heraus geführt werden"? Passt das ins populäre Bild vom "rechten Sachsen"?

Ich habe ein ziemliches Problem mit diesem eintönigen Bild. Dabei bin ich nicht mal ein richtiger Sachse. Vielmehr Paderborner, der vor 21 Jahren hergemacht hat. Aber selbst wenn Paderborn die Heimat meines Herzens bleibt: Dresden ist mein Herzens-Zuhause. Ich liebe diese Stadt, das Sachsenland drum herum, meine eingeborene Frau, meine biosächsischen Freunde. Und meinen Nachbarn Peter, einen Trucker und für mich typischen Sachsen – hemdsärmelig, hilfsbereit, von ruppiger Herzlichkeit, der mich zärtlich "mei Lieblingswessi" nennt.

Aber sorry, Peter: In Wirklichkeit bin ich längst das, was man Wossi nennt. Wobei meine "Ossifizierung" jüngst noch einen Schub bekommen hat und ich mich manchmal sächsischer fühle denn je.

Aber sorry, Sachsen: Das liegt nicht nur an dir. Es liegt auch daran, was so viele Wessis immer noch und heute teils mehr als zuvor über den Osten im Allgemeinen und Sachsen im Besonderen denken. Gerade nach dem Aufflammen rechtsnationaler Gedanken und Untaten, seit Pegida, seit den Angriffen auf Asylbewerber und deren Helfer, seit Sommer 2015, Freital und Heidenau und der letzten Bundestagswahl.

Das alles ist problematisch genug. Es macht aber die heftigen Gegenreaktionen, das kollektive Ossi- und Sachsen-Bashing, um keinen Deut besser. Permanent trägt der Westwind Sprüche herüber wie "Drecks-Ossipack!", "Dafür haben wir euer Land nicht wiederaufgebaut" oder "Baut die Mauer wieder auf!". Gelegentlich muss ich Letzteres sogar live hören, von Freunden, von Verwandten in der alten Heimat. Selbst Kollegen versehen ihre Twitter-Nachrichten über Sachsen mit den Hashtags #sucksen oder #kaltland. Immer wieder kehrt jemand von ihnen aus seinem Berlin-Mitte-Soziotop zurück in den sächsischen Geburtsort, um an den dortigen Verhältnissen publikumsaffin zu verzweifeln und seinen Wurzelschmerz in einen melancholischen Ich-Artikel zu gießen, der auf Facebook hoch und runter gelikt und geteilt wird. Nicht zu vergessen die vielstimmige Enttäuschung mancher Wessis und Wossis darüber, dass all ihre Ossi-Zivilisierungsbemühungen vergebens gewesen seien. Diese kollektive Schmähung, Abwertung und Ausgrenzung finde ich nicht minder problematisch. Und wer behauptet, "der Osten" sei noch nicht im vereinten Deutschland angekommen, beweist damit, dass er selbst intellektuell allenfalls auf der Höhe von 1988 steht.

Ich kann das Gefühl eines ständigen Abgewertetwerdens ganz gut nachempfinden. Wir Ostwestfalen sind nämlich gewissermaßen die Ossis Nordrhein-Westfalens. Vor allem die Düsseldorfer halten uns gern für etwas zurückgeblieben: kaum größere Städte, dafür viel Land, viel Kirche, viel CDU, viel Schützenverein und mancher Restbestand an Muff. Das ist ja nicht vollkommen falsch. Es ist aber eben nicht alles. Deshalb reagieren auch Westfalen-Ossis allergisch, sobald man sie darauf reduziert.

Und noch etwas weiß ich als Entsprossener eines erzkonservativen Milieus, als Enkel zweier Großväter, die schon "evangelisch" gleichsetzten mit "kommunistisch", als Paderborner, wo die AfD zuletzt immerhin zehn Prozent holte: "Rechts" ist keine Erfindung des Ostens. Das aber scheinen viele westliche Ossi-Basher zu vergessen.

Problematisch wird die Herablassung erst recht, wenn man neben den ostgemachten Ursachen all der Verwerfungen auch die westgemachten betrachtet. Es war schließlich Ministerpräsident Kurt Biedenkopf aus dem Westen, der "meine Sachsen" zu den Allergrößten erklärte. Und dem alten Affen eines trotzigen Regionalchauvinismus – der zugleich alles "Fremde" als potenziell minderwertig, wenn nicht als bedrohlich empfindet – übermäßig Zucker gab. "Meine Sachsen" hielt König Kurt selbst dann noch für immun gegen Rechtsradikalismus, als der schon in braunster Blüte stand. Es waren übrigens West-Nazis, die nach 1990 die vielzähligen Ost-Nazis neu strukturierten. Vor allem aber: Es war Westdeutschland, das sein System dem Osten bis in die kleinsten Verhältnisse überstülpte, samt Elitentransfer. Ohne die Ossis zu fragen.

Natürlich erklärt das nicht alles und entschuldigt gar nichts. Aber es hilft, zu verstehen, warum manche Sachsen keine 30 Jahre danach auf die neuen großen Veränderungen so reagieren, wie sie es tun. Man kann all das wissen. Wenn man will.

Ich selbst habe diese Wahl nicht. Dieses Wissen käme auch dann zu mir, wollte ich, wie so viele Wessis und Wossis, lieber nichts davon hören. Es kommt zu mir, eben weil ich hier lebe. Manchmal drängt es aus solcher Nähe an mich heran, dass es mich geradezu körperlich mitnimmt. Weil unter meinen Bekannten und sogar in meiner Familie Wähler oder zumindest heimliche Fans einer Partei sind, die meinem Verständnis nach zweifelsfrei rechtsextrem ist. Nicht alle haben ihr Kreuz allein aus Protest gemacht. Und ja, ich halte einige ihrer Ansichten für verstockt, undemokratisch, intolerant, rassistisch. Aber das allein macht sie in meinen Augen nicht zu minderwertigen Menschen. Und der Gedanke, Ausgrenzer auszugrenzen, ist mir zutiefst zuwider. Ich muss und ich will mit ihnen leben. Weil sie nun mal zu mir gehören, zu Sachsen, zu diesem Deutschland.

Trotzdem weiß ich auch nicht besser als andere, was sich wirklich Wirksames gegen diese Einstellungen tun ließe. Außer immer wieder dagegen zu argumentieren. Aber eines glaube ich doch zu wissen: Wenn etwas nicht funktioniert, aber dafür wahrscheinlich das Gegenteil des Beabsichtigten bewirkt, dann ist es der Versuch, östliche Arroganz, Ignoranz und Überheblichkeit mit Arroganz, Ignoranz und Überheblichkeit zu begegnen. Und wer diese Attribute pauschal "den Ossis" oder "den Sachsen" entgegenhält, als wären es allesamt Deppen von der letzten Problemschulbank, der gehört mitten zwischen die Deppen auf der letzten Problemschulbank.