Wenn ich einen Bekannten besuche, der in einem Haus mit der Nummer 58 wohnt, werde ich panisch und kann nicht weitergehen. Ich muss mir dann irgendwie eine Brücke bauen, um die Zahl zu neutralisieren. Zum Glück wohnt mein Bekannter im dritten Stock: 58 + 3 = 61. Die Quersumme daraus beträgt sieben. Erst wenn ich diesen Gedanken vollendet habe, kann ich klingeln und hochgehen.

Die Welt ist für mich in positive und negative Zahlen aufgeteilt. Die 58 steht für etwas Negatives, seitdem ich als Kind einmal einen schlimmen Skiunfall im Fernsehen sah, richtig brutal, mit einem offenen Bruch. Aus irgendeinem Grund hatte ich dabei eine 58 im Kopf, und seither kann ich mit der 58 nur Schreckliches verbinden. Die Sieben hingegen ist für mich positiv besetzt, weil Menschen sie als Glückszahl sehen.

Der Zahlenzwang läuft bei mir wie ein Hintergrundprogramm auf einem Computer. Ich registriere alles; Hausnummern, Autokennzeichen oder Pflastersteine, und hoffe dabei, dass die Quersumme sieben ergibt. Ich will, dass die Sieben in mir aufgeht, dass sie von innen wirkt, dort, wo auch die schlechten Gedanken herkommen. Das ist nicht leicht. Manchmal habe ich die Sieben auf eine Zigarette geschrieben und die dann geraucht – obwohl ich eigentlich Nichtraucher bin. Auch habe ich mir die Sieben mal auf die Haut gemalt.

Wenn ich dem Zahlenzwang nicht nachgebe, bekomme ich Angst. Angst um meine Mutter, meinen Partner, mein Leben. Ich denke dann, ich verliere alle meine sozialen Kontakte. Und nach dem sozialen Tod würde ich psychisch krank. Ich denke, ich würde Krebs bekommen wie mein Vater. Der starb, als ich elf Jahre alt war. Im gleichen Alter entdeckte ich auch, dass ich schwul bin – zur Hochzeit der Aids-Epidemie. Meine kindliche Ordnung brach damals auseinander, das Gefühl der Sicherheit. An ihre Stelle traten die Zahlen.

Das Zählen frisst das meiste meiner Energie. Manchmal bekomme ich Erschöpfungsdepressionen, dann ziehe ich mich zurück. Auch Nervenzusammenbrüche und schizophrene Episoden mit Verfolgungswahn hatte ich immer wieder. Vor 17 Jahren waren die so stark, dass ich in die Psychiatrie musste. Mittlerweile denke ich: Gut, dann ist das halt so. Ich habe mich von dem Druck befreit, gesund werden zu müssen. Ich werde den Zwang trotz mehrerer Therapien wohl nie mehr los.

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Protokoll: Benedict Wermter