1. Was geschieht, wenn die Roboter kommen?

Mitten in Hamburg auf dem Containerterminal lässt sich die Zukunft der Arbeit besichtigen.

Ein Aprilmorgen, der Himmel milchig blau, Sonnenglitzern auf dem Wasser, da setzt sich die Zukunft in Bewegung. Ein Automated Guided Vehicle, AGV 87, fährt ruckelnd an, ein rollendes Tablett auf mannshohen Rädern, 34 Tonnen. Das Ding sieht aus wie ein Lastwagen ohne Fahrerhaus. Und ohne Fahrer. In einer sanften Kurve zieht der ferngesteuerte Untersatz über den Asphalt und nähert sich einem silbergrauen Blechkasten, der Ladestation. AGV 87 bremst, steht. Eine Klappe öffnet sich am Blechkasten, und ein Ladearm, dick wie ein Zaunpfahl, schiebt sich tief in die elektrischen Eingeweide des Rollwagens, dann fließt Energie. Die Batterie des Wagens wird aufgeladen, 90 Minuten lang. Ohne Tankwart, wie von Geisterhand.

Dann setzt sich AGV 87 wieder in Bewegung, energiegeladen für 18 Stunden, reiht sich ein ins Hin und Her der 91 fahrbaren Containertransporter, die an unsichtbaren Fäden Güter und Waren über den Terminal bewegen, computergesteuert, überwacht von 19.000 Transpondern im Boden. Alles, was Menschen brauchen, wird hier umgeschlagen. Aber es braucht keine Menschen mehr für den Umschlag.

Arbeit ohne Menschen

Der Terminal Altenwerder ist einer der modernsten der Welt, das heißt: Kein Arbeiter muss sich hier mehr schinden, kein Rücken wird mehr krumm. Von dem Moment an, wenn die Container mit den Gütern von den Lkw gehievt werden, läuft alles maschinell: Vollautomatische Kräne stapeln die Metallkisten, wuchten sie auf die rollenden Plattformen, andere Ungetüme aus rotem und blauem Stahl greifen die Container erneut, schwenken sie durch die Luft, setzen sie an der Kaimauer ab, in Sichtweite des Schiffes, auf das sie geladen werden sollen. Bewegung, Präzision, Kraft – ein mechanisches Ballett, 24 Stunden am Tag, bei Hitze, Sturm, Schnee. Betreten für Menschen verboten. Verirrt sich doch jemand in das umzäunte Sperrgebiet, groß wie 30 Fußballfelder, wird das System abgeschaltet.

Arbeit ohne Menschen – eine Vorstellung, die viele erschreckt. Und niemand kann sagen, was auf uns zukommt und wie schnell. Es gibt Dutzende großer Studien zur Frage, ob Roboter, Automaten und intelligente Computerprogramme menschliche Arbeit überflüssig machen. Ständig erscheinen neue. Unternehmer überbieten einander in düsteren Prophezeiungen.

Jack Ma, Chef des chinesischen E-Commerce-Konzerns Alibaba, erwartet, dass Computermaschinen in den nächsten drei Jahrzehnten bis zu 800 Millionen Jobs weltweit überflüssig machen. Und das Global Institute von McKinsey sagt, bis zu einem Drittel der deutschen Berufstätigen müsse bald eine neue Beschäftigung finden. Zu einem noch radikaleren Ergebnis kam ein viel gelesener Wirtschaftstheoretiker: Karl Marx. Im Maschinenfragment sagte der Vater des Kommunismus voraus, die unausweichliche Automation werde alle menschliche Arbeitskraft ersetzen – und damit zum Zusammenbruch des Kapitalismus führen.

Niemand weiß, welche Prognose zutrifft. Bislang hat die Digitalisierung mit Netzwerkeffekten und exponentieller Beschleunigung noch alle Gewissheiten aufgelöst. Das führt zu Unruhe, zu Sorgen und Skepsis, die bis ins Politische reicht.

Der Umbruch aber läuft. Unternehmen stecken Riesensummen in Automatisierung und künstliche Intelligenz (KI). Nicht nur im Hamburger Hafen. Sondern etwa auch im Herzen der deutschen Volkswirtschaft, der Automobilindustrie.

Kurz erklärt - Was ist künstliche Intelligenz? Humanoide Roboter, eine Matrix, die Menschen als Energiespender benutzt – so stellen wir Menschen künstliche Intelligenz in Filmen dar. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? © Foto: Zeit Online

Roboter montieren Roboter-Autos

Wer in Stuttgart-Sindelfingen am Mercedes-Werk vorbeifährt, sieht eine der größten Baustellen des Landes. Kräne drehen sich, Lastwagenkolonnen rumpeln über die riesige Fläche, Gerüste wachsen empor und erste Betonwände. Hier wird fast so viel Stahl verbaut, wie im Eiffelturm steckt. Hier errichtet der Daimler-Konzern die Factory 56, die modernste Autofabrik der Welt.

In dem neuen Werk werden Roboter so selbstständig wie nie zuvor Autos bauen: Jedes Stückchen Blech, das sich einer greift, ist mit einem Funkchip ausgestattet und wird vollautomatisch durch die Hallen transportiert. Die Maschinen kommunizieren miteinander, planen und verteilen selbsttätig die Arbeit, fast ohne menschliches Zutun.

Das Konzept von Factory 56: Ein bestelltes Fahrzeug sucht sich seine Produktionsstätte und Maschine selbst. Die Ironie aber liegt in dem, was die Roboter da zusammensetzen: In der Factory 56 sollen auch vollautomatische Autos entstehen, womöglich ohne Lenkrad und Gaspedal. Roboter montieren Roboter-Autos.

"Wir nennen sie die fear factory."
Ein Daimler-Arbeiter

Der Daimler-Vorstand ist stolz. Doch nicht alle teilen den Enthusiasmus. "Die neue Fabrik hat schon einen Spitznamen", sagt ein Daimler-Arbeiter, der direkt neben der Baustelle seinen Arbeitsplatz hat: "Wir nennen sie die fear factory." Die Fabrik der Angst.

Niemand wisse, wie viele Arbeiter in der neuen Fabrik noch gebraucht würden. Und was Menschen dort noch zu tun hätten. "Bekommt man da eine Datenbrille aufgesetzt?", fragt der Facharbeiter. "Und dann sagt mir die Brille, welche Schraube ich nehmen soll und wo ich die einbauen muss? Dann wird man ja selbst Teil der Maschine."