Fünf Jahre nach seinem Tod, am 18. Mai 2014, betrat Michael Jackson wieder die Bühne: Bei den jährlichen Billboard Awards stand er da entgegen aller Erwartung in bester Verfassung, in der MGM Garden Arena in Las Vegas, goldene Jacke, rote Hose. Er sang und tanzte, 16 Live-Tänzer umgarnten ihn: der Pop-Messias, charismatisch, wie man ihn kannte und liebte, auferstanden! Die Szene war irritierend. Denn anstelle des Verstorbenen performte ein täuschend echt aussehendes Hologramm den Song Slave to the Rhythm, der wenige Tage zuvor auf Jacksons posthumem Album Xscape erschienen war. Hinter Jacksons Name, der unter den auftretenden Künstlern des Abends aufgeführt wird, steht deshalb in Klammern "via Pepper’s Ghost". Den Illusionstrick, der mit Spiegeln funktioniert, gibt es seit dem 19. Jahrhundert, mit modernster Technik wurde er perfektioniert. Ein gruselig anmutender Spaß, Faszination und Horror zugleich.

Im Fall der schwedischen Popgruppe Abba scheinen diese technischen Möglichkeiten zentraler Grund für das vergangene Woche angekündigte Comeback gewesen zu sein. Am Freitag veröffentlichten Agnetha Fältskog, Björn Ulvaeus, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad auf Instagram, dass sie nach 35 Jahren der Trennung das Gefühl hatten, "es könnte doch lustig sein, unsere Energie zu bündeln und wieder ins Studio zu gehen". Zwei neue Songs nahmen die mittlerweile 68- bis 73-jährigen Musiker jetzt im Studio auf. Ihr Ziel: wieder auf Tour zu gehen, aber nicht in echter, physischer, gealterter Gestalt, sondern, ähnlich wie der verstorbene Michael Jackson, mit Avataren, die aussehen wie die Musiker anno 1979 – jung, schön, attraktiv. Der britische Fernsehproduzent Simon Fuller arbeitet seit Oktober 2016 mit perfektionistischer Akribie an dem Konzept, für das "Technik-Künstler" aus dem Silicon Valley alte Videos der Gruppe analysieren, um ihre Art zu singen und zu tanzen für die Projektionen möglichst realistisch nachbilden zu können. Aus den Mündern der "Abbatare" kommen dann die Stimmen der realen Sänger. 2019 oder 2020 wird es die wiedergeborenen Mittdreißiger in ihren digital selves zu erleben geben. "Forever young" ist längst kein Science-Fiction-Szenario mehr.

Womit Serien und Filme wie Black Mirror, Avatar oder Surrogates spielen, scheint nicht mehr weit entfernt zu sein: virtuell eine völlig andere Welt zu besuchen, in der man einen anderen Körper hat; ein ideal schönes Roboter-Abbild zum Einkauf, zur Arbeit, zu Treffen mit Freunden zu steuern, während das welke Selbst zu Hause im Lehnstuhl liegt; oder gar das Bewusstsein eines Sterbenden in eine Cloud hochzuladen, in der dieser mit anderen Verstorbenen ein paradiesisches Leben in Saft und Jugend führt.

Wissenschaftler arbeiten an der Verwirklichung dieser Art umgekehrter Matrix. Nach einer kurzen Suche im Netz stößt man bereits auf Seiten wie eterni.me aus den USA oder immortal.me der russischen Initiative "2045". Die Gründer werben mit Slogans wie "Become digitally immortal". Der Geist und das Denken lebender Menschen sollen über Jahre hinweg auf einem Computer gespeichert werden, um nach deren Tod möglichst realistisches Chatten mit dem Verstorbenen simulieren zu können. Weitere Pläne sehen gar vor, ein intaktes Gehirn in einen künstlichen Körper zu verpflanzen, um das Leben zu verlängern. Je nach Schätzungen soll das schon in rund 30 Jahren Realität sein. Die in hübsche Algorithmen verwandelten künstlich intelligenten "Abbatare" könnten so auf ewig weiterleben und alle 35 Jahre zwei neue Songs für ihre nächsten virtuellen Touren schreiben. Paradies oder Retorte der Retorte? In 200 Jahren werden unsere Avatare darüber diskutieren. Vorher kommt aber in diesem Frühjahr Mamma Mia 2 in die Kinos.