Gerade wenn man denkt, mit Vampiren könne man nun wirklich keinen Leser mehr hinterm Ofen hervorlocken, kommt ein Buch, das vom Gegenteil überzeugt. Der Vampir als literarisches Motiv war immer schon seltsam ambivalent: Angst erzeugend und zugleich Hoffnung auf ein, wenn auch zweifelhaftes, ewiges Leben machend; sexy, abstoßend, tragisch, meist böse, hin und wieder überraschend gut. Zwangsläufig steht auch der Jugendroman Abgefahren von Dirk Pope in dieser Tradition – und doch ist er anders. Hier sitzt der vermeintliche oder tatsächliche Vampir auf dem Beifahrersitz. Erzählerisch wie real.

Der 17-jährige Viorel aus Essen findet seine Mutter tot am Frühstückstisch. Plötzlicher Herztod, vermutet er. Da sie Deutschland nie mochte und sich wünschte – wenn es mal so weit sein sollte –, in ihrer Heimat Rumänien begraben zu werden, fährt Viorel los. Eine offizielle Überführung mit Sarg und Dokumenten kostet ein Vermögen, stellt er sich vor. Er hat aber nur 300 Euro in der Tasche, also muss es anders gehen. Ohne Führerschein macht er sich in Mamas altem Opel Corsa und mit ihrem Leichnam im Kofferraum auf den Weg zu einem Onkel, der irgendwo in Siebenbürgen – oder Transsilvanien – lebt. Viorel hat den Mann zwar nie kennengelernt, aber der wird sich dann schon um alles kümmern, hofft er.

Über jedem neuen Kapitel dieses Roadmovies stehen die bis dahin zurückgelegten Kilometer. Ungefähr bei Kilometer 320 nimmt Viorel einen Anhalter mit, einen großen, schwarz gekleideten Mann mit einem Seesack. Alles an ihm ist schwarz, bis auf seine bleiche Haut. Klar. Er will nach Ungarn, ist höflich, weiß viel über Untote zu erzählen und bemerkt sofort den Leichengeruch im Auto. Zufällig wisse er von einem befreundeten Bestatter, wie man den reduzieren könne: der Leiche Watte in den Hals stopfen. Viorel hat keine Watte. Nur seine Socke.

Als die beiden sich über Viorels Reiseziel Transsilvanien unterhalten, sagt er: "Ich ... ich habe keine Angst, wenn Sie das meinen. Ein Ort ist ein Ort ist ein Ort." Der Fremde antwortet: "Ein Ort ist ein Ort, da hast du vollkommen recht. Aber es ist kein wahlloser Punkt auf irgendeiner x-beliebigen Landkarte. [...] Weil jeder Punkt nur ein Punkt ist, solange es keine Geschichte dazu gibt."

Und dann kommt es zum nächsten Unglück: Als Viorel den Anhalter in Ungarn am Straßenrand absetzt, wird der Mann von einem Lastwagen erfasst und getötet. Weil Viorel Ärger mit der Polizei fürchtet, hievt er den Toten auf den Rücksitz und chauffiert nun zwei Leichen durch Osteuropa. Zumindest für einige Kilometer ...

Selbstverständlich geht es in dieser Geschichte nicht um die Toten oder die Untoten, sondern um das Leben. Um Viorels Leben, das für ihn bisher nicht allzu viel Schönes bereitgehalten hat: keine Kumpel, keine Freundin, keinen Antrieb. Nur von einem hat Viorel zu viel: Gewicht. Er ist fett. Und er weiß, dass er das ist, weil er einfach zu viel isst: "Statt jeden Tag eine einzige Mahlzeit ist jeder Tag eine einzige Mahlzeit. Das Essen vor dem Essen. Das Essen während des Essens. Und das Essen danach. Morgens. Mittags. Abends. Und manchmal nachts. Zwischenmahlzeiten nicht eingerechnet."

Während der 17-Jährige Kilometer um Kilometer voranrollt, hält er eine Art ununterbrochenen inneren Monolog, in dem er erstaunliche Gedankenketten zusammenassoziiert. Autor Dirk Pope führt eine eigenwillige und zugleich beeindruckende Sprachjonglage vor, in der er Wörter in neue Zusammenhänge setzt und dadurch mal urkomische, mal aberwitzige, oft nachdenklich stimmende Bilder erschafft oder beschreibt: "Bis weit hinter den Horizont zeigt sich die grenzenlose Einfallslosigkeit der Natur. Es ist die Region der Abwechslungsarmut, Auffangbecken des visuellen Stumpfsinns." So viel Spaß solche Sprach- und Gedankenspielereien dem Autor selbst offensichtlich bereiten, er verliert dabei zum Glück nicht die Handlung aus dem Blick, sondern lässt Viorel immer wieder aufs Gas treten, um die Geschichte voranzutreiben.

Der adipöse, verschwitzte, verdreckte, auf der Fahrt überfallene und verletzte Teenager begegnet in Rumänien schließlich doch noch echten lebenden Menschen. Es sind nicht die Verwandten, auf die er gehofft hatte. Aber eine alte Nachbarin des inzwischen verstorbenen Onkels lädt ihn in ihr Haus ein. Und dann erscheint dort ihre Urenkelin Dana, für die Viorels Übergewicht und seine Unsicherheit offensichtlich kein Thema sind.

Roadmovies handeln selten von der Reise, die sie beschreiben. Und so ist Viorels Suche nach einem Platz, an dem er seine Mutter beerdigen kann, vor allem eine Suche nach sich selbst. In dem ihm fremden Land gibt es für Viorel keine Gewissheiten, weshalb er immer wieder mit sich selbst konfrontiert ist. Aber nicht nur die Heimat seiner Mutter ist ihm fremd, auch er ist den Menschen, die seinen Weg kreuzen, fremd. Und das ist gut so. Denn niemand hat ein vorgefertigtes Bild von ihm.

Viorel erzählt von diesen Begegnungen – mit sich und den anderen – in knappen Sätzen, bewusstseinsstromartig, (selbst)ironisch reflektierend. Die Sätze verändern sich während der Fahrt. Seine Gedanken, die am Anfang zweifelnd und wirr sind, werden mit jeder Station, mit jeder Begegnung auf eine chaotische Art zielgerichteter. Er weiß vielleicht noch nicht genau, was er will, aber er will es.

Auch der (un)tote Anhalter spielt am Ende noch eine Rolle: Doch statt jemanden in den Hals zu beißen, entschuldigt er sich für die Unannehmlichkeiten, gibt einen Rat, macht ein Geschenk – alles, ohne in persona wieder aufzutauchen. Zumindest nicht in der Viorel bekannten Gestalt.

Dirk Pope: "Abgefahren"
Hanser Verlag 2018; 224 S., 15,–€