Zufallswolken ziehen seit Anbeginn um die Erde, sagt Alexander Kluge, der Meteorologe der Zeitgeschichte. Sie tragen potenzielle Katastrophen von Kontinent zu Kontinent, und plötzlich geschieht etwas vermeintlich Unvorhersehbares, das doch eine weit entfernte Ursache hat. Dann schlägt der Blitz ein, wo eben noch die Sonne schien. Das könnte ein Grund sein, warum am vierten Sonntag nach Ostern in Altötting dieser Gottesdienst stattfindet, zu dem der Bayerische Bauernverband, die Erzeugergemeinschaft Oberbayern, der Schweinemastring Rottal-Inn und der Besamungsverein Neustadt an der Aisch in die Basilika St. Anna eingeladen haben. Zum Gottesdienst, wie es heißt, zur Abwehr der Afrikanischen Schweinepest.

Die Seuche drang vor etwa 25 Jahren über globalisierte Handelswege nach Europa vor, mutmaßlich über Georgien, die Ukraine und Weißrussland gelangte sie ins Baltikum, wo sie 2013 ausbrach, und nun steuert sie auf Deutschland zu. Übertragen wird sie von Wildschweinen, die infizierte Fleischwaren aus Mülleimern fressen, etwa an Raststätten, achtlos weggeworfen von Reisenden aus dem Osten. Auch durch illegal importierte Jagdtrophäen kann sie eingeschleppt werden. Der Bestand der Wildschweine wird deshalb durch intensiven Abschuss drastisch verkleinert, Hinweisschilder für umsichtigen Wurstverzehr werden an den Autobahnen aufgehängt, das sind nur zwei in einer ganzen Kaskade von Maßnahmen, die die Behörden bereits ergriffen haben. Einen Impfstoff gegen die Seuche gibt es nicht.

Das Friedrich-Löffler-Institut für Tiergesundheit stuft das Risiko einer Einschleppung als hoch ein, und nicht nur die Bauern in und um Altötting hat das in Angst und Sorge versetzt. Taucht nur ein infiziertes Wildschwein in der Region auf, muss die Vermarktung von Schweinefleisch sofort eingestellt werden, ist ein Zuchttier infiziert, wird der gesamte Bestand des Stalls gekeult, mit ruinösen Folgen für die betroffenen Bauern. Etwa 2500 Halter gibt es in Bayern, im Schnitt besitzt jeder 600 Schweine. Die Seuche erscheint vielen wie ein drohendes Unwetter aus einer jener Zufallswolken, die mit einem Mal am blauen Himmel auftauchen können. Wie ein Komet, der aus den unendlichen Weiten auf Bayern zurast. Entweder er schlägt ein oder nicht, der Blitz, der Komet, das Virus. Da hilft, so meinen viele, jetzt nur noch beten.

Und wo könnte das mehr Erfolg versprechen als in Altötting, an dem weltberühmten Wallfahrtsort, wo Fürbitten bei der Muttergottes gehalten werden, seit sie 1489, so der Volksglaube, einen im Mörnbach ertrunkenen Knaben wieder zum Leben erweckte?

Die Gespräche der Bauern klingen in den Ohren des Auswärtigen wie leises Jodeln

In der Gnadenkapelle, wo das Wunder einst geschah, zeugen heute Tausende Votivtafeln von erhörten Gebeten der Pilger. Es sind selbst gemalte Bilder, die von Krankheit, Kummer, Heilung und Erlösung berichten. Einer fiel vom Pferd, einen überfuhr ein Auto, einer wurde unter einem Baum begraben, sie alle überlebten und wurden, dank der Muttergottes, wie sie annahmen, wieder ganz gesund. "Promotion an der LMU Taiwan – Maria hat geholfen" steht auf einer Votivtafel, "Maria hat geholfen in einem sehr schwierigen Arbeitsprozess" auf einer anderen, darüber ist die Tuschezeichnung eines Büromenschen zu sehen, der von seinem Chef zur Schnecke gemacht wird. An einem Holzkreuz hängen abgelegte Fußschienen, Krücken und Gipse. Es riecht nach Weihrauch. Auf dem Sims sitzt ein alter Mann mit Fahrradhelm und betet.

Den Ölbergweg entlang laufen nun die Bauern zum Gottesdienst, vorbei an Dutzenden Lädchen, die religiöse Utensilien anbieten, Rosenkränze, Grabkerzen oder Weihwasser in Kanistern, vorbei am Brunnen des heiligen Konrad, an dem Pilger ihre Trinkflaschen auffüllen. Die Bauern sind an diesem Sonntagmorgen aus dem ganzen Umland nach Altötting gereist, aus Landshut, Straubing, Deggendorf. Die Alten sehen in ihren Trachtenjankern aus, als hätten sie sich für das Erntedankfest fein gemacht, die Jungen in ihren karierten Hemden, als gingen sie zu einem Fußballspiel. Ihre Gespräche klingen in den Ohren des Auswärtigen wie leises Jodeln. "Donn is ois aus", sagt einer. Dann ist alles aus. Er meint den Ernstfall, den Blitz, den Einschlag des Kometen. Den Ausbruch der Seuche in Oberbayern.

In seinem Buch Der Herbst des Mittelalters zeigt Johan Huizinga auf, dass die Gläubigen immer dann zu gesteigerter Frömmigkeit neigten, wenn die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse instabil wurden. Auch nach Altötting strömten in schweren Zeiten mehr Pilger als sonst. Heute sind etwa 1500 Menschen in die Basilika St. Anna gekommen, die größte im 20. Jahrhundert erbaute Kirche Deutschlands, eine Art Veranstaltungszentrum des Katholizismus.

"Warum gibt es Seuchen? Seuchen rufen den Glauben wach"

Der Gottesdienst zur Abwehr der Afrikanischen Schweinepest findet am Ende jener Woche statt, in der Ministerpräsident Markus Söder das Aufhängen von Kreuzen in öffentlichen Gebäuden verfügt hat. Die Sonne steht über Altötting wie eine gleißend weiße Oblate. Um kurz nach halb zwölf steigt Bruder Georg Greimel auf die Kanzel der Basilika, ein kleiner Mann mit weißem Bart und freundlichen Augen. Er hat sich eine Trommel unter den Arm geklemmt und schlägt einen durchdringenden Takt. "Die Pestilenz ist ausgebrochen!", ruft er dann ins Kirchenschiff hinein. Noch ist es nicht so weit, Greimel spielt zunächst nur auf die Salmonellenerkrankung von Schülern in einem Kapuzinerinternat zu Beginn der neunziger Jahre an, deren Zeuge er damals war. "Ich möchte den Teufel nicht an die Wand malen", so Greimel. "Doch die Pestilenz steht wieder vor unserer Haustür."