Ute Hagmayer schmerzen die Knie. Das lange Stehen bei "Berlin trägt Kippa" macht ihr auch noch zwei Tage danach zu schaffen. Die Solidaritätskundgebung, zu der die jüdische Gemeinde in Charlottenburg aufgerufen hatte, war – nach all den Vorfällen und Debatten der letzten Tage und Wochen – für die Pfarrerin ein Pflichttermin.

"Als Christinnen und Christen stehen wir uneingeschränkt an der Seite unserer jüdischen Geschwister", rief ihr Bischof, Markus Dröge, dort von der Bühne. Er war einer der vielen Gastredner der Kundgebung. "Christlicher Glaube und Judenfeindschaft schließen einander aus. Antisemitismus ist Gotteslästerung!", sagte er.

Wo der Vorwurf des Antisemitismus erhoben wird, ist die evangelische Kirche nicht weit. Sie verurteilt, sie veröffentlicht Stellungnahmen, sie beteiligt sich an Kundgebungen, sie spricht von "besonderer historischer Verantwortung", sie ist sich ihrer Schuld bewusst: ihres Versagens während der Nazizeit. Wo und wann sie können, zitieren Kirchenleute die Barmer Theologische Erklärung, erinnern an Bonhoeffer, Dibelius, Niemöller, die Kirchenkämpfer. Sie wollen sagen: Wir stehen heute sicher auf der richtigen Seite – und drücken doch so oft nur Unsicherheit aus. Gleich dreimal ließ sich diese Unsicherheit in den letzten Tagen beobachten.

I.

So ist Ute Hagmayer etwa nicht Pfarrerin irgendeiner Gemeinde. Ihre Kirche ist nicht nach Luther, Melanchthon oder sonst einem unverfänglichen evangelischen Halbheiligen benannt. Ute Hagmayer ist Pfarrerin der Ernst-Moritz-Arndt-Gemeinde in Berlin-Zehlendorf. Wie passt das zusammen, das Engagement gegen den Antisemitismus und das Predigen in einer Kirche, deren Namenspatron ein glühender Nationalist und Antisemit war? Wie passt das zu Dröges Diktum "Antisemitismus ist Gotteslästerung"?

Ute Hagmayer wirkt etwas angespannt, die Frage ist ihr sichtlich unangenehm. Sie überspielt ihre Unsicherheit nicht, das macht sie sympathisch. "Ich selbst halte diesen Namen für eine Kirchengemeinde für nicht mehr tragbar", sagt sie. Das Thema beschäftige sie, seit sie vor 28 Jahren hier Pfarrerin geworden sei. Immer wieder habe es Diskussionen darüber gegeben, man habe sich immer kritisch mit Ernst Moritz Arndt auseinandergesetzt. Sie selbst würde die Kirche am liebsten nach Elisabeth Schmitz benennen, einer Kämpferin der Bekennenden Kirche, die bereits 1935 mit ihrer Schrift "Zur Lage der Nichtarier" treffend voraussagte, was auf die Juden in Deutschland zukommen würde.

Keine drei Wochen ist es her, da hat – nach langem Ringen – der Senat der Universität Greifswald entschieden, sich von Ernst Moritz Arndt als Namenspatron zu verabschieden. Die Nazis hatten die Hochschule einst mit dessen Namen versehen – und auch die Kirche in Zehlendorf wurde 1934 nach ihm benannt. Wenngleich die mutmaßlichen Beweggründe der damaligen Gemeinde umstritten sind, stellt sich heute die Frage: Gibt es richtiges Beten unter falschem Namen?

"Ich bin eben auch nur ein Mitglied des Gemeindekirchenrates", sagt Pfarrerin Hagmayer. Niemand in der Gemeinde verteidige Arndt, den Antisemiten. Im äußersten Fall werde sein Kampf für die Pressefreiheit und die Demokratie hervorgehoben (wobei beides spätestens durch die wissenschaftliche Aufarbeitung in Greifswald als widerlegt angesehen werden kann). Einige in der Gemeinde sagten: Wir ändern die Geschichte nicht, indem wir sie vergessen machen.

Die Gemeinde und zuvörderst ihre Pfarrerin spüren: Ernst Moritz Arndt passt heute nicht mehr so richtig, aber zu einer Umbenennung konnten sie sich bisher eben auch nicht durchringen. So abstoßend sie ihn finden, sie hängen an ihrem Namen, an ihrer Tradition – und sprechen ihn dann doch lieber nicht aus: Etwas verschämt reden sie lieber von ihrer "EMA". Vielleicht findet sich für das Akronym eines Tages eine andere Bedeutung.