Wäre das Leben ein Wunschkonzert oder DFL-Chef Christian Seifert wenigstens der Weihnachtsmann, dann gäbe es da ein dringendes, lieb gemeintes Anliegen: Verkürzen Sie bitte die kommende Saison auf drei Spieltage. Aber nehmen Sie nicht die ersten und auch kein Päckchen aus der Mitte, sondern die letzten drei. Gern auch auf Freitag bis Montag gestreckt. Denn im Gegensatz zu den meisten Spieltagen zuvor, die sich anfühlten wie Kaugummi ohne Zucker, geschieht da gerade etwas Ungeahntes: Es wird richtig spannend. Ein bisschen erinnert die Situation an eine Handballpartie, bei der es sich häufig erst lohnt, in den Schlussminuten einzuschalten.

Für den Zauber, den die Liga gerade versprüht, sind nicht, wie man leicht denken könnte, die Bayern, Dortmunder oder gar Schalker verantwortlich, sondern die (scheinbar) bereits abgeschriebenen Mannschaften aus Hamburg und Mainz. Am vergangenen Samstag gewann der HSV mit 3:1 in Wolfsburg. Dümpelten die Hamburger vor zwei Wochen noch mit acht Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz im Tabellenkeller rum, sind es vor dem kommenden Auswärtsspiel in Frankfurt nur noch zwei. Hoffnung ist einer der zuverlässigsten Garanten für gute Unterhaltung. Da vergisst man sogar für einen Augenblick, dass die Rettung nicht mehr ausschließlich aus eigener Kraft geschehen kann, denn das Team hängt zusätzlich am Tropf der Ergebnisse der Konkurrenz.

Das Schöne an der Aufholjagd der Hamburger ist: Sie wird von Mut und nicht von Angst dominiert und lässt sich so weder von Diskussionen um den Video-Assistenten noch von Fanwut oder internen Machtkämpfen irritieren. Sie bezieht ihre Kraft aus dem Ursprung des Fußballs, diesem unzerstörbaren Willen, etwas zu schaffen, was einem keiner mehr zutraut. Schaut man in die Gesichter der Spieler, dann erkennt man etwas, was bereits bei Kindern auf dem Bolzplatz zu beobachten ist: einen Siegeswillen, irgendwo zwischen Übermut und Unverwüstbarkeit angesiedelt, den talentierte Sportler gerade in dem Moment entwickeln, wenn sie gedemütigt und abgeschrieben werden.

Ob in der Kindheit oder als Erwachsener, diese Kraft entsteht nur durch Vertrauen und Lob. In der Endphase einer Saison ist der Einfluss des Trainers entscheidend. Und so ist es kein Zufall, dass ausgerechnet der langjährige Jugendtrainer Christian Titz den Kampfgeist, den man nicht trainieren kann, beim HSV wiedererweckt hat.

Meist sind es die jüngeren Spieler, die Leidenschaft entwickeln. Nur ganz wenige ältere, wie der 27-jährige Lewis Holtby, können sich diese bewahren; jeder Erwachsene weiß: Erfahrung killt die Leichtigkeit. Das ahnte auch der Mainzer Trainer Sandro Schwarz und nominierte einen Spieler für die entscheidende Partie gegen den Tabellen-Sechsten RB Leipzig, der noch nie in der Bundesliga gespielt hatte: den 20-jährigen Ridle Baku. Er wurde erst am Morgen des Spieltags über seinen Einsatz informiert. Da befand er sich bereits mit der U23 auf dem Weg nach Freiburg. "Ich habe an einer Autobahnraststätte erfahren, dass ich aus dem Bus aussteigen soll", sagte er nach dem Spiel. Mit dem Auto wurde er zurück nach Mainz gefahren, erhielt im Hotel eine kurze taktische Einweisung. "Ich habe erst einmal 45 Minuten gebraucht, um zu wissen, wo ich bin", sagte er. Als er es realisierte, schoss Baku prompt den 3:0-Siegtreffer.

Natürlich ist das Leben kein Wunschkonzert, aber Träumen ist ja nicht verboten. Und sollte der HSV wirklich das Wunder schaffen, dann besteht Hoffnung, dass in der Endphase der kommenden Saison wieder gezaubert wird.