Ende Februar geht in der Poststelle des Bundesverteidigungsministeriums in Berlin ein Päckchen ein. Ein kleiner Pappkarton, adressiert an die Ministerin, an Ursula von der Leyen. Die Beamten der Poststelle durchleuchten das Päckchen, um zu prüfen, ob es Gift oder Sprengstoff enthält. Als sie es öffnen, kommt ein dunkelgrünes Stück Stoff zum Vorschein: eine lange Unterhose, eine, wie sie die Soldaten der Bundeswehr im Einsatz tragen, wenn es kalt ist. Daneben liegt ein Schreiben. Die Regierung möge sich doch darum kümmern, die Soldaten "endlich vernünftig auszustatten", steht da. Der Absender ist ein ehemaliger Berufssoldat aus Schwaben. Er ist nicht der Einzige, der in jenen Tagen warme Unterwäsche und wütende Briefe ins Verteidigungsministerium schickt. Aus allen Ecken Deutschlands gehen Protestpakete ein. Unterhosen-Spenden für Soldaten, denen es nicht nur an Kleidung mangelt, sondern auch an Technik und schwerem Gerät. An Laserlichtmodulen und Schnittstellenrechnern, an Kampfpanzern, Fregatten und Flugzeugen.

Seit dem Sommer 2014 machen Versorgungslücken der Bundeswehr Schlagzeilen. Mal geht es um den A400M, eine nach jahrelanger Verzögerung endlich fertiggestellte Transportmaschine, die beim ersten Testflug abstürzte. Dann wieder fehlen Zelte, Schutzwesten oder Nachtsichtgeräte.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatte gleich zu Beginn ihrer Amtszeit die Ausrüstung der Soldaten zur Chefsache erklärt. Sie holte sogar eine Top-Managerin der Unternehmensberatung McKinsey in ihr Ministerium, um das Problem endlich anzupacken. Die Top-Managerin ist schon wieder weg, doch das Problem ist immer noch da: Nur jeder fünfte Transporthubschrauber der Bundeswehr funktioniert. Nicht mal jeder dritte Tornado-Kampfjet ist einsatzfähig. Und die sechs U-Boote der deutschen Marine sind allesamt entweder kaputt oder werden gerade gewartet.

Von einer "Ausrüstungsmisere in allen Teilen der Truppe" schreibt der Wehrbeauftragte der Bundesregierung, der SPD-Politiker Hans-Peter Bartels, in seinem jüngsten Bericht. Die Einsatzbereitschaft der Hauptwaffensysteme sei "in vielen Bereichen dramatisch niedrig".

Zwar hat Ursula von der Leyen am Wochenende gefordert, den Etat für die Bundeswehr in den kommenden Jahren deutlich aufzustocken. Und schon in der vergangenen Woche hatte sie angekündigt, für fast eine halbe Milliarde Euro neue Hubschrauber, Raketenwerfer und andere Rüstungstechnik zu kaufen. Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen aber: Es dauert meist länger als verabredet, bis das Gerät geliefert wird. Und am Ende wird es oft teurer als geplant.

Die Engpässe bereiten der Bundeswehr zu einer Zeit Sorgen, in der sie so dringend gebraucht wird wie lange nicht mehr.

Die Welt ist im Umbruch, alte Bündnisse wackeln, neue Allianzen bilden sich heraus. Eine neuartige Ost-West-Konfrontation hat begonnen, in Syrien bombardieren Westmächte die Giftgasfabriken eines Putin-Vertrauten, und im Weißen Haus sitzt ein US-Präsident, der mal so eben die Beistandsverpflichtung innerhalb der Nato infrage stellte. In dieser Lage strebt Europa nach militärischer Eigenständigkeit – mit einer deutschen Armee in seiner Mitte, die nicht mal genügend Unterhosen besitzt.

Warum ist Deutschland, die weltweit viertgrößte Volkswirtschaft, nicht in der Lage, die eigene Armee vernünftig auszustatten? Dafür gibt es nicht einen, sondern gleich eine ganze Menge von Gründen.

1. Eine Behörde in Koblenz hinkt Jahrzehnte hinterher

Rund 600 Kilometer von Berlin entfernt, in Koblenz, nicht weit von der Stelle, an der die Mosel in den Rhein mündet, liegt das Ausrüstungsamt der Bundeswehr. Eine riesige Behörde mit mehreren Nebenstellen und einem sperrigen Kürzel: BAAINBw, Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr. Das BAAINBw und seine Nebenstellen sind so etwas wie die Einkaufsabteilung der Armee.

Etwa 9.000 Menschen arbeiten hier: Ingenieure, Juristen, Betriebswirte. Sie sollen dafür sorgen, dass die Soldaten in den Kasernen und Einsatzgebieten schnell und zuverlässig ausgerüstet werden: mit kälte- und hitzetauglichen Uniformen, mit strapazierfähigen Stiefeln, mit neuester Computertechnik, mit Nachtsichtgeräten und Sturmgewehren, mit Panzern, Kampfjets, Hubschraubern und Kriegsschiffen. Die Beamten in Koblenz setzen die Verträge auf, die der Staat mit den Rüstungsunternehmen schließt. Sie vergeben Aufträge, verhandeln Preise und prüfen schließlich, ob die Firmen auch das geliefert haben, was bestellt wurde.