Der Armenier ist eigentlich in Berlin, um sich retten zu lassen. Er ist extra aus dem Kaukasus hergeflogen für eine Operation, denn er hat ein Wachstum im Gehirn, und es ist zwar noch nicht klar, was da wächst, aber es ist klar, dass es schnell rausmuss.

Nur wacht er am Morgen seines Einweisungstermins nicht auf. Seine Frau schüttelt ihn, doch ihr Mann liegt im Hotelbett wie in tiefstem Schlaf. Er hat Temperatur, Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. Die Frau ruft den Notarzt. Statt in der Chirurgie landet der Mann auf Station 102i, der Neurologischen Intensivstation der Charité.

Es ist ein Donnerstag, 10.32 Uhr, als Stefan Wolf, Neurochirurg und einer der Oberärzte auf der 102i, das Krankenzimmer des Armeniers betritt. Die Vormittagssonne leuchtet gleißend auf das weiße Bett. Der Patient wird beatmet, er hat einen Schlauch im Mund, der bei jeder Pumpbewegung der Maschine zuckt. Seine Frau steht neben dem Bett. Sie trägt ein goldenes Kreuz an einer goldenen Kette um den Hals und weint. Wolf, ein schwerer Mann mit lichtem rotblondem Haar, stellt sich neben sie und brummt leise, beruhigende Wörter, als trüge er ein kleines Kind im Arm.

In den MRT-Scans aus dem Kopf des Armeniers hat Wolf an diesem Morgen eine sogenannte Mittellinienverlagerung erkannt. Im Schädel des Patienten ist ein Gefäß geplatzt, das Blut staut sich und drückt das Gehirn so sehr zusammen, dass die Linie zwischen den Hirnhälften verzogen ist. "Der Mann", hat Wolf beim Anblick der Bilder gesagt, "ist verloren."

Noch einmal öffnet er nun die Augen des Patienten. Sie bleiben starr, ohne jede Reaktion. Wolf bewegt den Schlauch, durch den der Mann beatmet wird. Gestern, am Tag seiner Einlieferung, hat der Armenier daraufhin zu husten begonnen, heute zeigt er keine Regung mehr. Er wirkt wie eine Puppe.

Wolf geht aus dem Zimmer. Er vermutet, dass der Patient bereits hirntot ist. "Wir haben", erklärt er den Angehörigen in seinem Büro, "nicht den Hauch einer Hoffnung auf eine Besserung seines Zustands." Er plädiert dafür, das Beatmungsgerät abzustellen. Die Familie bespricht sich und stimmt dann zu.

Normalerweise fragt Wolf in solchen Momenten, ob der Patient als Organspender zur Verfügung stehe. Diesmal nicht. Möglich, dass der Armenier einen Tumor im Kopf hat. Möglich, dass dieser Tumor schon gestreut hat und, zum Beispiel, die Leber befallen ist.

Wolf steht neben dem Bett. Der Patient könnte wider Erwarten versuchen, nach Luft zu ringen. Für diesen Fall hält Wolf Morphium bereit, um dem Patienten den Exitus zu erleichtern.

Um zwölf Uhr betritt Wolf wieder das Krankenzimmer des Mannes und geht sofort, bevor er selbst oder die Angehörigen zögern könnten, an das Beatmungsgerät und drückt ein paar Symbole auf dem Touchscreen. Die Maschine fiept, das regelmäßige Zischen der Beatmung setzt aus, das Display zeigt: "Standby". Im Zimmer wird es still, nur das Flüstern der Frau ist noch zu hören, die zu dem Sterbenden spricht, seinen Arm streichelt, manchmal aufschluchzt. Wolf steht neben dem Bett. Der Patient könnte wider Erwarten versuchen, nach Luft zu ringen. Für diesen Fall hält Wolf Morphium bereit, um dem Patienten den Exitus zu erleichtern.

Doch der Todeskampf, der in diesem Moment beginnt, wird nur auf dem Bildschirm über dem Bett des Mannes sichtbar, an der berühmten gezackten Linie, die den Herzschlag eines Patienten abbildet. Auch ohne Beatmung schlägt das Herz des Armeniers weiter, seltsam treu hat es noch Kraft, ist es noch stark. Erst nach zehn Minuten wird es langsamer, nach fünfzehn Minuten schlägt es nur noch selten, schließlich beginnt es zu stottern, setzt aus. Noch einmal, zweimal, dreimal krampft es. Dann bleibt es endgültig stehen, nach 53 Lebensjahren, für alle Zeit.

Wolf tritt an das Bett, fühlt am grau gewordenen Hals des Toten nach einem Puls, von dem er weiß, dass er ihn nicht spüren wird. Er schüttelt den Kopf, sagt: "Es tut mir leid. Er ist verstorben."

Die Frau schaut ihn verständnislos an. Sie begreift noch nicht.

Wolf verlässt das Zimmer. Er geht zum Desinfektionsmittelspender und reinigt seine Hände. Setzt sich an einen Rechner auf dem Flur, trägt das Vorgefallene in die Krankenakte des Patienten ein, schiebt sich dabei ein Sandwich in den Mund.

Seine Mittagspause.