Der Armenier ist eigentlich in Berlin, um sich retten zu lassen. Er ist extra aus dem Kaukasus hergeflogen für eine Operation, denn er hat ein Wachstum im Gehirn, und es ist zwar noch nicht klar, was da wächst, aber es ist klar, dass es schnell rausmuss.

Nur wacht er am Morgen seines Einweisungstermins nicht auf. Seine Frau schüttelt ihn, doch ihr Mann liegt im Hotelbett wie in tiefstem Schlaf. Er hat Temperatur, Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. Die Frau ruft den Notarzt. Statt in der Chirurgie landet der Mann auf Station 102i, der Neurologischen Intensivstation der Charité.

Es ist ein Donnerstag, 10.32 Uhr, als Stefan Wolf, Neurochirurg und einer der Oberärzte auf der 102i, das Krankenzimmer des Armeniers betritt. Die Vormittagssonne leuchtet gleißend auf das weiße Bett. Der Patient wird beatmet, er hat einen Schlauch im Mund, der bei jeder Pumpbewegung der Maschine zuckt. Seine Frau steht neben dem Bett. Sie trägt ein goldenes Kreuz an einer goldenen Kette um den Hals und weint. Wolf, ein schwerer Mann mit lichtem rotblondem Haar, stellt sich neben sie und brummt leise, beruhigende Wörter, als trüge er ein kleines Kind im Arm.

In den MRT-Scans aus dem Kopf des Armeniers hat Wolf an diesem Morgen eine sogenannte Mittellinienverlagerung erkannt. Im Schädel des Patienten ist ein Gefäß geplatzt, das Blut staut sich und drückt das Gehirn so sehr zusammen, dass die Linie zwischen den Hirnhälften verzogen ist. "Der Mann", hat Wolf beim Anblick der Bilder gesagt, "ist verloren."

Noch einmal öffnet er nun die Augen des Patienten. Sie bleiben starr, ohne jede Reaktion. Wolf bewegt den Schlauch, durch den der Mann beatmet wird. Gestern, am Tag seiner Einlieferung, hat der Armenier daraufhin zu husten begonnen, heute zeigt er keine Regung mehr. Er wirkt wie eine Puppe.

Wolf geht aus dem Zimmer. Er vermutet, dass der Patient bereits hirntot ist. "Wir haben", erklärt er den Angehörigen in seinem Büro, "nicht den Hauch einer Hoffnung auf eine Besserung seines Zustands." Er plädiert dafür, das Beatmungsgerät abzustellen. Die Familie bespricht sich und stimmt dann zu.

Normalerweise fragt Wolf in solchen Momenten, ob der Patient als Organspender zur Verfügung stehe. Diesmal nicht. Möglich, dass der Armenier einen Tumor im Kopf hat. Möglich, dass dieser Tumor schon gestreut hat und, zum Beispiel, die Leber befallen ist.

Wolf steht neben dem Bett. Der Patient könnte wider Erwarten versuchen, nach Luft zu ringen. Für diesen Fall hält Wolf Morphium bereit, um dem Patienten den Exitus zu erleichtern.

Um zwölf Uhr betritt Wolf wieder das Krankenzimmer des Mannes und geht sofort, bevor er selbst oder die Angehörigen zögern könnten, an das Beatmungsgerät und drückt ein paar Symbole auf dem Touchscreen. Die Maschine fiept, das regelmäßige Zischen der Beatmung setzt aus, das Display zeigt: "Standby". Im Zimmer wird es still, nur das Flüstern der Frau ist noch zu hören, die zu dem Sterbenden spricht, seinen Arm streichelt, manchmal aufschluchzt. Wolf steht neben dem Bett. Der Patient könnte wider Erwarten versuchen, nach Luft zu ringen. Für diesen Fall hält Wolf Morphium bereit, um dem Patienten den Exitus zu erleichtern.

Doch der Todeskampf, der in diesem Moment beginnt, wird nur auf dem Bildschirm über dem Bett des Mannes sichtbar, an der berühmten gezackten Linie, die den Herzschlag eines Patienten abbildet. Auch ohne Beatmung schlägt das Herz des Armeniers weiter, seltsam treu hat es noch Kraft, ist es noch stark. Erst nach zehn Minuten wird es langsamer, nach fünfzehn Minuten schlägt es nur noch selten, schließlich beginnt es zu stottern, setzt aus. Noch einmal, zweimal, dreimal krampft es. Dann bleibt es endgültig stehen, nach 53 Lebensjahren, für alle Zeit.

Wolf tritt an das Bett, fühlt am grau gewordenen Hals des Toten nach einem Puls, von dem er weiß, dass er ihn nicht spüren wird. Er schüttelt den Kopf, sagt: "Es tut mir leid. Er ist verstorben."

Die Frau schaut ihn verständnislos an. Sie begreift noch nicht.

Wolf verlässt das Zimmer. Er geht zum Desinfektionsmittelspender und reinigt seine Hände. Setzt sich an einen Rechner auf dem Flur, trägt das Vorgefallene in die Krankenakte des Patienten ein, schiebt sich dabei ein Sandwich in den Mund.

Seine Mittagspause.

"Ich kann niemanden vor der Wahrheit beschützen"

102i: Universitätsklinik Charité, Neurologische Intensivstation, ein Neubau in Berlin-Mitte. Hier landen Menschen, deren Gehirn stark geschädigt ist, durch eine Entzündung vielleicht oder einen Tumor, durch einen schweren Unfall oder eine plötzliche Blutung. Alle Patienten auf der 102i ringen mit dem Tod, oder sie ringen um die Rückkehr in ein früheres Leben, aus dem ihre Verletzung sie vertrieben hat wie aus einem verlorenen Eden.

Zum menschlichen Dasein gehört das Sterben und das Leiden. Wir wissen das alle. Das Fernsehen zeigt täglich Bilder von Toten, im Mittelmeer, in Syrien, in Afghanistan, doch da sind es immer die anderen, die es erwischt, Menschen weit weg. Menschen, die in Kriegen krepieren oder in Hungersnöten. Im Westen sterben die Menschen aus anderen Gründen, an anderen Orten. Oft an Orten wie der 102i. Vielleicht weiß man deswegen so wenig darüber, was dort passiert. Weil man es nicht wissen will. Weil auf der 102i einfach zu deutlich wird, dass, wie der Oberarzt Stefan Wolf es sagt, "wir irgendwann alle Patienten sind". Früher oder später.

Etwa jeden zweiten oder dritten Tag stirbt ein Mensch auf der 102i. Der Tod ist nicht wählerisch. Er nimmt Männer, Frauen, Alte, Junge, Greise, Kinder, ungeborenes Leben.

Die 102i liegt mitten in Berlin. Durch die Fenster blickt man auf geschäftige Straßen, den Verkehr, auf den Hof einer Schule, wo Kinder um die Tischtennisplatte stehen, auf das Leben. Die Patienten und Ärzte schauen hinaus, durch die Fenster hinein aber schaut niemand.

Auf dieser Station landen die Menschen oft sehr plötzlich, wie vom Blitz getroffen, und mit ihren angegriffenen Gehirnen wirken manche wie Schatten.

Etwa jeden zweiten oder dritten Tag stirbt ein Mensch auf der 102i. Der Tod ist nicht wählerisch. Er nimmt Männer, Frauen, Alte, Junge, Greise, Kinder, ungeborenes Leben.

Die Station ist ein langer Gang, von dem die Zimmer abzweigen, Einzel- und Doppelbelegung, 21 Betten. Besucher müssen sich vor einer Schleuse melden, durch diesen kleinen Raum erst gelangen sie auf den Flur, den die Gesunden entlanglaufen, während sich rechts und links hinter den Zimmertüren die Abgründe öffnen. Patienten, die in ihren Flügelhemden auf den Betten liegen, meistens bewusstlos, unterwegs in Grenzwelten, manchmal absichtslos entblößt, bleiche Beine, Bäuche, Brüste, Gesäße.

Es ist immer viel Bewegung auf dem Gang. Intensivmedizin bedeutet im Regelfall einen Pfleger auf zwei Patienten, dazu kommen all die Chefärzte und Oberärzte, die Fachärzte und Assistenzärzte, die auf und ab gehen, die Medizinstudenten, die Krankentransporte. "Man gewöhnt sich dran, dass es hier nie still ist", sagt Stefan Wolf. Besprechungen, Gespräche, Radios, Fernseher und über all dem stetig, ohne Pause, das Piepsen, Bimmeln, Gluckern, Rauschen der Monitore, Dialysemaschinen und Beatmungsgeräte. Zahllose Kabel und Schläuche laufen in die Patienten hinein und aus ihnen heraus. Es riecht nach Putz- und Waschmittel, nach Ethanol, nach Chemie, vor allem aber nach Mensch. Neben jedem Bett steht ein Stativ mit Flaschen, Ampullen, Plastikbeuteln, aus denen langsam, stetig Medikamentenlösungen in die Körper laufen. Clonidin, Heparin, Sufentanil, Propofol, Hydrocortison, Norepinephrin, Dexmedetomidin, Esmolol.

Ärzte auf der Intensivstation © Steffen Roth für DIE ZEIT

Es gibt Tage wie diesen Donnerstag, an denen man die Schicksalsschläge auf der Station tatsächlich hören kann. Aus dem Zimmer des verstorbenen Armeniers hört man das Schluchzen seiner Frau. Am Ende des Ganges hört man das Stöhnen des 40-jährigen Patienten, dem ein Hirntumor gerade "die Persönlichkeit wegfrisst", wie Wolf leise sagt. Man hört auch die Schreie eines zehnjährigen Mädchens, das von den berühmten Neurochirurgen der Charité operiert wurde, weil es am seltenen Moyamoya-Syndrom leidet und deswegen schon als Kind Schlaganfälle hat. Dem Mädchen wurde gerade ein Bypass im Gehirn gelegt, und nun besteht Hoffnung, dass es zumindest seinen 30. Geburtstag erleben wird, wenn auch voraussichtlich, wie Wolf sagt, mit kognitiven Einschränkungen. "Mamaaaa! Mamaaaaa!", schreit das Mädchen, aber die Mutter ist nicht da, sie ist zu Hause und muss sich um die Geschwister kümmern, und am Bett steht der Vater und darf den frisch vernähten Kopf nicht streicheln, und die Schreie fliegen wie Nadeln über den Flur.

"Es gibt ja tatsächlich Leute", sagt der Oberarzt Stefan Wolf, der vor dieser Geräuschkulisse noch immer versucht, die Patientenakte des Armeniers zu bearbeiten, "die fragen sich, wie der liebe Gott das zulassen kann." Wolf schüttelt den Kopf. "Für mich stellt sich diese Frage nicht mehr. Sie geht von falschen Prämissen aus." Denn diese Frage setzt voraus, dass der liebe Gott existiert. Für Stefan Wolf aber gibt es keinen Gott. Jedenfalls nicht auf der 102i.

Wolf begegnet hier an seinem Arbeitsplatz nicht nur dem Tod, sondern auch dem beschädigten Leben, das er zurücklässt. Er begegnet Kindern, die ihre Mutter, ihren Vater bewusstlos auf dem Fußboden fanden. Er begegnet Frauen, deren Mann auf der Tanzfläche zusammenbrach, vor den Augen der Mitfeiernden wie ein gefällter Baum auf die Stirn stürzte, dass die Haut platzte.

Fast immer tragen die Angehörigen bei allem Entsetzen, aller Fassungslosigkeit noch Hoffnung in sich, sie klammern sich an die Hoffnung, sie krallen sich an ihr fest, aber wenn die Hoffnung nicht berechtigt ist, dann muss Stefan Wolf sie zerschlagen wie eine Kugel aus Glas. "Ich könnte die Leute natürlich anlügen", sagt er, "und das wäre einfacher. Aber das geht nicht. Das möchte ich nicht, ich kann niemanden vor der Wahrheit beschützen."

"Man muss vergessen können. Sonst wird man selbst krank"

Und so bittet Wolf an einem anderen ganz normalen Tag die Eltern einer 33-jährigen Patientin in sein Büro, einen engen, vollgestellten Raum, in dem eine kleine, blau gepolsterte Sitzgruppe steht. Die Eltern sind aus dem Umland angereist und freuen sich eigentlich, weil ihre Tochter, so haben sie gerade erfahren, verlegt worden ist von der 102i auf die Normalstation. Wolf, denken sie, wird mit ihnen jetzt noch ein Abschlussgespräch führen, die Eltern kennen sich auch schon ganz gut aus in Krankenhäusern, hat die Tochter doch seit zehn Jahren einen Tumor im Gehirn, den die Ärzte immer wieder niederringen konnten. Wolf wird dieser Mutter und diesem Vater nun jedoch erklären, dass man bei der letzten Untersuchung eine Veränderung des Tumors entdeckt hat. Im Schädel ihrer Tochter wächst nun ein Glioblastom, das operativ nicht mehr verkleinert oder entfernt werden kann. Auch eine Chemotherapie hat bei der jungen Frau, die von ihrer Krankheit sehr geschwächt ist, keinen Sinn mehr. Infauste Prognose, so sagen das die Ärzte. Keine Chance mehr auf Heilung.

"Das ist ein sehr aggressiver Tumor", sagt Wolf jetzt. "Ich rede über sehr ernste Dinge."

Der Vater der jungen Frau starrt ihn an und knetet die Hände vor dem Mund, die Mutter blickt ausdruckslos ins Leere, einander sehen die beiden nicht an, halten sich nicht bei den Händen, jeder hört die Worte wie für sich allein.

Wolf, zurückgelehnt in seinem Sessel, spricht mit ruhiger, sanfter Stimme. "Ich fürchte, dass Ihre Tochter nicht mehr Jahre zu leben hat", sagt er. "Wir reden nun eher von Wochen, von Monaten vielleicht."

"Nein", sagt die Mutter. "Nein. Nein. Nein, nein, nein, nein."

"Oh Gott. Oh mein Gott", flüstert der Vater.

Die Angehörigen beginnen oft zu kämpfen in solchen Momenten. Auch diese Eltern. Gibt es nicht, fragt der Vater verzweifelt, so eine neue Methadon-Therapie, die an der Charité ausprobiert wird, davon habe er neulich gelesen, könnte die nicht noch etwas ändern? Sind sich die Ärzte ihrer Diagnose wirklich ganz sicher?

Wolf hört zu, erklärt, schüttelt den Kopf. "Es tut mir leid."

Diesen Satz muss er oft sagen. Am Ende schickt er die Eltern hoch zu ihrer Tochter. "Sie wacht gerade auf. Ich würde ihr die neue Lage nicht verheimlichen. Sprechen Sie mit ihr darüber. Sie wird es ja ohnehin erfahren", sagt Wolf.

Und verabschiedet sich, drückt die Hände, muss weiter Dienst machen, läuft zurück auf die Station, ohne sich nach den beiden umzudrehen, die nun ihrer noch ahnungslos sterbenden Tochter gegenübertreten müssen und Einkaufstüten mit Sprite und Cola mit sich tragen.

"Ein, zwei Gespräche dieser Art am Tag sind zu schaffen", wird Wolf später sagen. "Ab dem dritten wird es dann ein bisschen viel."

Die Ärzte, erzählt Wolf, reden untereinander wenig über den Druck, über ihre Gefühle. Vielleicht weil sie es sich zeitlich nicht leisten können, neben der Arbeit auch noch über die Emotionen zu reden. Oder weil auch sie verdrängen wollen, was schwer zu ertragen ist. Wolf kennt jedenfalls keinen Kollegen, der beispielsweise zu einer sogenannten Balint-Gruppe ginge, diesen von Therapeuten begleiteten Gesprächsrunden, in denen Mediziner miteinander über besonders belastende Patientenschicksale reden. "In meinen 20 Jahren als Intensivmediziner haben sich fünf Kollegen suizidiert", sagt Wolf. "Man muss die Patienten vergessen können. Sonst wird man selbst krank."

Wenn man Stefan Wolf, 52, Neurochirurg und seit über zehn Jahren Intensivmediziner an der Charité, in einem der wenigen ruhigen Momente seines Alltags fragt, wie es ihm selbst geht mit seiner Arbeit, antwortet er so direkt, wie er mit seinen Patienten redet. Er sitzt im Pausenraum der Station, trinkt einen Kaffee und sagt: "Ich erkenne bei mir selbst und bei einigen Kollegen seit einer Weile Anzeichen eines beginnenden Burn-outs."

"In meinen 20 Jahren als Intensivmediziner haben sich fünf Kollegen suizidiert"

Die Oberärzte auf der 102i bleiben an einem normalen Arbeitstag nicht selten zwölf Stunden auf der Station. Von 7 bis 19 Uhr. Wenn sie alle drei Wochen für sieben Tage den sogenannten Hintergrunddienst haben, also den Betrieb der Station leiten und 24 Stunden erreichbar sein müssen, schieben sie auch mal Hundertstundenwochen. Im vergangenen November erzielte Stefan Wolf, der mit seiner Freundin einen zweijährigen Sohn hat, seinen Rekord, er arbeitete an 28 von 30 Tagen, an keinem weniger als zwölf Stunden. Es gibt gewiss Manager, Banker, Anwälte, die ähnlich viel arbeiten. Aber die müssen nicht ständig über Leben und Tod entscheiden.

"Das wesentliche Problem", sagt Wolf, "ist für mich diese Ressourcenverknappung in der Medizin. Dieses Immer-schneller-mehr-besser bei gleichzeitigem Kürzen des Personals und Materials. Die Assistenzärzte kommen in immer früheren Stadien ihrer Ausbildung zu uns, es gibt immer häufiger Personalwechsel auf der Station. Ich habe also immer weniger erfahrene Kollegen im Rücken und kann immer weniger Verantwortung abgeben. Unter solchen Bedingungen Entscheidungen treffen zu müssen macht mürbe."

Es sind Entscheidungen, bei denen es zum Beispiel um die Frage geht, ob man das Beatmungsgerät ausschalten soll. Oder auch, ob es Sinn hat, es überhaupt einzuschalten, ob einem Menschen mit sterbendem Gehirn damit geholfen ist, Sauerstoff in seinen Körper zu pumpen. Die moderne Apparatemedizin kann viel leisten, aber was tatsächlich wann geleistet werden sollte, ist oft schwer zu beantworten.

Stefan Wolf, das sagt er selbst, ist tendenziell eher zurückhaltend, wenn es um den dauerhaften Einsatz der Geräte geht. Vor ihm steht die Angst, Leiden unnötig zu verlängern. Und so spürt er die Bürde der Verantwortung, den Willen eines bewusstlosen Patienten erkennen zu müssen.

Wie lange soll man durchhalten?

Stefan Wolf hat einen Kollegen auf der Station, Martin Köhnlein, ebenfalls Oberarzt, ein Mann mit spitzem, kahlem Kopf, der von sich sagt, er sei vielleicht eher zum langen Kampf bereit: "Manchmal stellen sich therapeutische Erfolge nur quälend langsam ein. Manchmal werden Patienten und Behandler durch Komplikationen zurückgeworfen." Köhnlein neigt dann dazu, es noch ein wenig länger therapeutisch zu versuchen, obwohl auch er immer diese Fragen im Kopf hat: Wie lange soll man durchhalten? Wann ist es genug?

Die beiden Oberärzte haben natürlich medizinische Erkenntnisse, die ihnen helfen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Sie haben jahrelange Erfahrung, von der sie zehren. Immer versuchen sie dabei, nicht die eigene Wertvorstellung als Richtschnur zu nehmen, sondern den mutmaßlichen Willen des Patienten. Aber manchmal finden sie sich in Situationen wieder, in denen es keine Sicherheit gibt. Und längst nicht alle Patienten haben eine Verfügung unterzeichnet, die den Ärzten dabei helfen würde, einen Entschluss über Fortsetzung oder Beendigung der Therapie zu fassen. Oft sind solche Patientenverfügungen auch zu unpräzise, um brauchbar zu sein. "Ich will nicht an Schläuchen hängen", steht dann da. Was sollen die Ärzte damit anfangen? Und manchmal bekommen die Mediziner die Verfügung erst zu sehen, wenn bereits lebensrettende Maßnahmen eingeleitet wurden. So hängt dann eine alte Dame, die notariell verfügt hat, nicht beatmet werden zu wollen, doch am Beatmungsgerät. Und die Ärzte müssen den Angehörigen erklären, dass das womöglich auch die richtige Entscheidung war, könnte die Dame doch, das wisse man allerdings leider überhaupt nicht sicher, vielleicht wieder vollständig genesen. War es also richtig oder falsch, sie an die Maschine zu hängen?

Der Oberarzt Martin Köhnlein hat zu Beginn seines Medizinstudiums nebenher auch Philosophie studiert. Er denkt viel über den Sinn und die Natur des Leidens nach. Und wie sein Kollege Stefan Wolf findet er nur in den kurzen Essenspausen die Zeit, um darüber zu reden. So löffelt er morgens gegen zehn Uhr sein Frühstück aus einem Kaffeebecher, in dem Milch und "Vitalis Knuspermüsli Plus Double Chocolate mit extra großen Knusper-Crunchies" schwimmen, und erzählt von der déformation professionelle, die sein Beruf bei ihm hinterlasse. "Vor der Wucht lebensbedrohlicher Krankheit verblassen Alltagsprobleme ziemlich schnell. Wenn man täglich mit dem Elend unserer Existenz konfrontiert ist, kann man dem Kind abends mit großer Sicherheit sagen, dass die Vier auf dem Zeugnis kein ernsthaftes Problem ist."

Ein paar Tage später kommt ein hochgewachsener, blonder Mann auf die Station, ein Schwede, der in Berlin arbeitet. An der Hand hält er seine Tochter, ein dreijähriges, lockiges Mädchen mit ernstem Gesicht und Schnuller im Mund. Seine Frau, die Mutter des Mädchens, ebenfalls Schwedin, liegt auf der 102i, schon seit einem halben Jahr.

"Vor der Wucht lebensbedrohlicher Krankheit verblassen Alltagsprobleme ziemlich schnell."
Martin Köhnlein, Oberarzt

Im Zimmer der Frau, auf der Fensterbank, lehnt ein Fotoalbum, das ihr Mann für sie gemacht hat, es soll sie an das alte Leben erinnern, das Leben vor der Krankheit. In dem Album klebt ein Foto der kleinen Familie in einem blühenden Garten, der Mann hält die Tochter auf dem Arm. Lachen, Licht, drei Menschen voller Leben, voller Zukunft. Dieses Foto, sagt der Arzt Köhnlein, habe er immer vor Augen, wenn er an diese Patientin denke. Er ist selbst Vater von zwei Kindern. "Wenn man dieses Bild betrachtet", sagt er, "muss man doch unwillkürlich denken: Das könnte mir passieren, das könnte uns passieren, das kann jedem von uns noch heute passieren. Man bekommt hier oft sehr deutlich vor Augen geführt, dass unser Leben stets am seidenen Faden hängt."

Impressionen von der Intensivstation 102i © Steffen Roth für DIE ZEIT

Köhnlein schweigt für einen Moment. Dann sagt er: "Mitleid fühlt man immer. Aber manchmal fühlt man noch stärker die Angst davor, dass es einen selbst erwischt."

Im August des vergangenen Jahres, als die Schwedin noch gesund war, beschlossen sie und ihr Mann, dass sie ein zweites Kind bekommen wollten. Die beiden brauchten dazu, wie schon beim ersten Kind, medizinische Hilfe, In-vitro-Fertilisation. Bald nach Beginn der dafür benötigten Hormontherapie litt die Frau an Übelkeit und heftigen Kopfschmerzen. Nebenwirkungen der Hormone, vermuteten die Ärzte. Eines Nachts dann, das in Berlin lebende Paar war gerade zu Besuch im Sommerhaus von Freunden in der Nähe von Stockholm, wachte der Mann auf, weil seine Frau neben ihm im Bett einen heftigen epileptischen Anfall hatte. Er dachte, sie stirbt.

Die Ärzte in Schweden sagten dem Paar am nächsten Tag, auch der Anfall sei wahrscheinlich durch die Hormonbehandlung ausgelöst worden. Sie erlaubten den beiden, zurück nach Berlin zu fahren, wo der Schwede wieder zur Arbeit musste.

Drei Tage nach der Ankunft in Deutschland saß das Paar beim Mittagessen, als die Frau auf einmal seltsame, unzusammenhängende Wörter sprach. Der Mann hatte gerade den Notarzt gerufen, da verkrampfte sich seine Frau erneut, hatte wieder einen epileptischen Anfall. Der dauerte nicht so lange wie der erste, doch die Frau wirkte danach weiter verwirrt. Die Ärzte des Krankenhauses, in das sie gebracht worden war, beschlossen, die Frau an die Charité zu verweisen. Ihr Fall erschien zu rätselhaft. So also kam sie auf die 102i, wo ihr Mann noch ein letztes Mal mit ihr sprach, wie bei einem Abschied, bei dem das Wiedersehen ungewiss ist. Dann versetzten die Ärzte auf der Station sie mit Schlaf- und Schmerzmitteln in ein künstliches Koma, um weiteren Anfällen vorzubeugen, bei denen die Patientin irreversiblen Schaden hätte nehmen können.

Innerhalb weniger Tage verschlechterte sich der Zustand der Frau. Die Ärzte fanden heraus, dass ihre Anfälle nichts mit der Hormontherapie zu tun gehabt hatten. Sie diagnostizierten eine sogenannte Anti-NMDA-Rezeptor-Antikörper-Enzephalitis, eine seltene, erst 2007 beschriebene Autoimmunerkrankung, bei der der Körper Abwehrstoffe bildet, die zu einer schweren Entzündung des Gehirns führen. Die Ärzte verabreichten der Frau Medikamente, die das selbstzerstörerische Immunsystem schwächen, sie filterten die Antikörper aus dem Blut, schalteten gezielt die Zellen aus, die Antikörper bilden.

Die Routine ist manchmal ein Segen

In vielen Fällen geht eine auf diese Weise behandelte NMDA-Enzephalitis glimpflich aus. Der Patient findet langsam zurück ins Leben, "die Symptome verschwinden in der umgekehrten Reihenfolge ihres Auftretens", sagt Köhnlein. Doch bei dieser Frau wütete die Entzündung im Kopf weiter. "Ein Orkan", sagt Köhnlein, "ist über ihr Gehirn hinweggefegt." Wenn er sich die neuesten Scans anschaut, kommt es ihm vor, als erkenne er in dem schwer geschädigten Gehirn eine Fratze, so formuliert er das, eine Fratze, die ihn höhnisch auslacht. Köhnlein sitzt vor diesen Bildern und schüttelt den Kopf.

Die Patientin ist inzwischen nicht mehr im Koma. Ihre Augen sind offen. Sie sieht aus wie jemand, der einem schmerzhaften Gedanken nachhängt, so liegt sie im Bett. Sie ist immer noch schön. Aber sie kann sich kaum bewegen, ihre Muskeln sind starr, sie kann nicht sprechen, "sie ist wie eingemauert", sagt Köhnlein. "Wer weiß, ob sie ihr Elend schon begreift."

Man merkt, wie es in ihm kämpft, wenn er über diese Frau redet. Köhnlein schaut wieder auf die Scans, schüttelt wieder den Kopf, nur um dann zu sagen: "Aber sie ist jetzt wach, immerhin. Es gibt nur eine Fahrtrichtung: volle Kraft voraus! Nicht aufgeben! Schon allein aus Ehrlichkeit gegenüber der Unsicherheit der eigenen Prognose."

Und dann sagt er noch: "Über manche Patienten darf man nicht zu lange nachdenken. Ihre Krankheitsverläufe lasten zu sehr."

Wahrscheinlich ist es für die Ärzte ein Segen, dass die Arbeit auf der 102i manchmal auch Routine ist.

Patientenakten bearbeiten, "... laut Angehörigen immer ein sehr eigenständiger Mensch gewesen, der Wert auf seine Selbstständigkeit ...", tippt Wolf in einen Rechner.

Medikamente hoch- oder runterfahren, "das Propofol kannst du ruhig erst mal so lassen", sagt Köhnlein einer Pflegerin.

Bettenbelegung koordinieren, "an der Havelhöhe würden sie ihn uns abnehmen", sagt Wolf über einen todkranken Patienten, der auf eine Palliativstation soll.

Abrechnungen unterschreiben. Konsultation, Visite.

Köhnlein und Wolf, die gemeinsam ein Patientenbett in den vierten Stock schieben, zum CT, wie sie im Lift stehen, sich unterhalten, nebenbei die Bettdecke über dem gelben, verhornten Fuß des Patienten zurechtziehen, später, nach dem CT, neue Bilder aus dessen Kopf betrachten.

Wolf, wie er einem Patienten seelenruhig einen Schlauch durch ein Bohrloch in der Schädeldecke in die Hirnmasse schiebt, sodass in einer kleinen Fontäne Liquor, Nervenwasser, aus dem Schlauch schießt und der Druck im Kopf des Patienten nachlässt.

Köhnlein, der einen Parka über seinen blauen Stationsanzug wirft und mit einem kleinen Plastikbeutel über den sonnenbeschienenen Campus zur Pathologie läuft. In dem Beutel ein Röhrchen, in dem Röhrchen ein Stück aus dem Inneren des Gehirns eines Patienten. Diese Gewebeprobe war nur um den Preis eines operativen Eingriffs, nur unter großem Risiko für den Patienten zu gewinnen, da drückt Köhnlein sie den Neuropathologen lieber persönlich in die Hand und hofft, dass die ihm sagen können, was mit dem Patienten nicht stimmt.

Und manchmal ist es auch komisch auf der Station. Da muss eine neu angekommene Patientin intubiert und dafür in ein künstliches Koma gesenkt werden. Die Frau, um die vierzig, sieht sich noch ein Musikvideo der Sängerin Rita Ora an, bevor das Propofol sie in einen Schlaf schickt, aus dem sie, wenn sie Pech hat und ihre Krankheit sehr übel verlaufen sollte, nie wieder erwacht. Und nun müsste es eigentlich schnell gehen, denn die Frau atmet ja nicht mehr selbstständig, und die Ärzte schieben ihr den Tubus in den Rachen und stellen die Maschine an, aber irgendwas funktioniert nicht richtig, die Maschine braucht zu viel Druck, um die Lunge der Frau zu füllen, es kommt Sauerstoff in sie hinein, aber nicht genug. Wolf und eine Kollegin stehen neben dem Bett und rätseln, was das Problem sein könnte, Pfleger kommen dazu, Köhnlein betritt den Raum. Die Ärzte probieren andere Beatmungsgeräte, schieben eine Kamera in den Hals der Frau, finden die Ursache nicht, werden nervös, der Sauerstoffgehalt im Blut der Patientin sinkt.

Was hält einen Arzt bei dieser Arbeit?

Impressionen von der Intensivstation 102i © Steffen Roth für DIE ZEIT

Am Ende werden sie einen Radiologen ins Zimmer holen, der mit einem fahrbaren Röntgengerät die Lunge der Frau ablichtet, um festzustellen, dass der rechte Lungenflügel vollkommen verschleimt ist, und dann werden sie den Schleim mit einem Sauger aus der Lunge holen. Danach lässt sich die Frau wunderbar beatmen und wacht ein paar Tage später wieder auf. Aber bevor diese Lösung gefunden war, als die Anspannung im Raum mit jeder verstreichenden Sekunde stieg, sagte Wolf auf einmal: "Die kriegt nicht genug Luft. Die sollte man intubieren", und Köhnlein sagte: "Wahrscheinlich am besten erst mal in eine Universitätsklinik verlegen", und durch diese ironischen Bemerkungen war für einen Moment der Druck weg, und alle lachten und arbeiteten weiter.

Vielleicht ist es auch so, dass der Druck, dem die Ärzte ausgesetzt sind, so furchtbar er ist, auch süchtig macht.

Nur hält das Lachen selten lange an. In einem anderen Moment sitzt Stefan Wolf vor einem Rechner, wieder Bilder eines Gehirns darauf, es geht um eine Patientin aus einer anderen Klinik, Wolf ist um ein Urteil gebeten worden. Er studiert die Aufnahmen, sein Blick wird kalt. "Die ist ein Fall fürs Erdmöbel", sagt er. "Wünsch mer den Kollegen viel Glück." Vor Patienten oder Angehörigen würde Wolf nie so reden, aber manchmal, wenn es hart wird und nur andere Ärzte und Pfleger dabei sind, wird er doch zynisch. "Scheiße, wer ist denn das?", fragt Köhnlein, der dazukommt und die Bilder sieht. – "Aus einem anderen Haus. Junge Frau, 32, Mutter von einem 14-jährigen Kind. Zehnte Woche schwanger."

Was hält einen Arzt bei dieser Arbeit?

Das Niveau spiele eine Rolle, "die narzisstische Befriedigung", sagt Köhnlein. Tatsächlich muss man sehr gut sein, um Oberarzt auf der 102i zu werden. Jeden Monat ruft irgendein Headhunter bei Wolf an und fragt ihn, ob er sich nicht einen Wechsel an eine andere Klinik oder in einen Konzern vorstellen könne. Durch die vielen Überstunden verdienen die beiden auch gut. Und die Arbeit ist nie langweilig. Die Fälle immer wieder anders, immer heftig.

Vielleicht ist das schon alles. Vielleicht ist es auch so, dass der Druck, dem die Ärzte ausgesetzt sind, so furchtbar er ist, auch süchtig macht. Wie bei Extremsportlern, die irgendwann nur noch unter den größten Gefahren das Gefühl haben, lebendig zu sein. Köhnlein und Wolf erleben jeden Tag existenzielle Situationen. "Man geht dem Leben an den Nerv und das Leben einem selbst", so drückt Köhnlein das aus. "Manchmal denke ich, es ist genug, ich sollte mich schonen, auch für meine Familie. Aber ich möchte nicht weg von der Intensivneurologie."

Und Wolf, der behauptet, wegen des Arbeitsdrucks über eine berufliche Veränderung nachzudenken, sagt schon im nächsten Satz, er könne sich nicht vorstellen, die Intensivmedizin zu verlassen. "Das hier ist meine Welt", sagt er.

Im Übrigen gibt es auf der 102i natürlich nicht nur Leidende und Sterbende. Es gibt auch die Menschen, die lebend entlassen werden, und manchmal gibt es auf der Station sogar Wunder.

An einem Mittwochmorgen bildet sich auf dem Gang eine kleine Menschentraube, in deren Zentrum ein schmaler, blasser junger Mann und eine lächelnde junge Frau stehen. Pfleger und Ärzte umringen die beiden und strahlen und lachen und reden durcheinander. Der Mann ist vor neun Monaten aus der 102i entlassen worden, und nun ist er zurückgekommen, um sich bei dem Stationsteam zu bedanken, weil es ihn damals dem Tod noch einmal aus den Fängen gerissen hat.

Kurz nach Neujahr des vergangenen Jahres begann der junge Mann an Übelkeit zu leiden, er bekam Fieber, erbrach sich, konnte kein Essen und keine Flüssigkeit mehr bei sich behalten, hatte Durchfall. Norovirus, dachte er, na herrlich, das kannte er schon. Als er aber am Abend des zweiten Krankheitstages nicht mehr von allein auf die Beine kam, durfte seine Freundin, die das alles nervös gemacht hatte, endlich den Krankenwagen rufen.

"Das ist auch meine letzte Erinnerung", erzählt der junge Mann. "Das Gesicht meiner Freundin und wie sich die Krankenwagentüren davor schließen." Danach kamen lange nur seltsame, entsetzliche Träume. In diesen Träumen wurde der junge Mann von Mördern gehetzt wie ein Beutetier. Immer musste er davonlaufen.

So erlebte er sein Koma, seinen Engtanz mit dem Tod. Denn tatsächlich hatte der Mann kein Norovirus. Es waren Martin Köhnlein und eine Kollegin von der 102i, die gerade noch rechtzeitig die wahre Ursache der Symptome erkannten: ein durch Pneumokokken ausgelöstes Waterhouse-Friderichsen-Syndrom – eine Blutvergiftung bei gleichzeitiger Hirnhautentzündung. So landete der junge Mann auf der Intensivstation, wurde beatmet und mit Antibiotika behandelt.

Seine Nebennieren fielen aus. Multiples Organversagen. Der Blutkreislauf war kurz davor, zusammenzubrechen. Die Ärzte auf der 102i glaubten nicht, dass der junge Mann auch nur die erste Nacht überleben würde. Die Blutvergiftung ließ das Gewebe in Händen, Füßen, Fingern, Zehen absterben. Niemals davor oder danach, sagt Köhnlein, habe er einen lebendigen Körper mit so vielen Totenflecken gesehen, die ganze Haut sei marmoriert gewesen, dunkellila verfärbt.

Wunder sind selten, aber nicht unmöglich

Doch der junge Mann überlebte die erste Nacht und auch die folgenden, er starb nicht. Er rannte den Mördern in seinen Träumen davon. Er wachte aus seinem Koma wieder auf, blieb noch für Wochen auf der 102i, bevor ein monatelanger Reha-Prozess begann, und nun steht er also wieder auf dem Gang der Station. Und Köhnlein sieht ihn und läuft auf ihn zu und strahlt und kann gar nicht aufhören, auf den jungen Mann einzureden: "Ich freue mich so sehr, Sie zu sehen. Unglaublich. Unglaublich, wie Sie sich ins Leben zurückgekämpft haben. Meine absolute Hochachtung. Sie wissen ja gar nicht, wie krank Sie hier waren."

Der junge Mann schaut Köhnlein groß und ein wenig überfordert an. Seine Beine sehen in den schwarzen Jeans seltsam schmal aus. Er steht auf Prothesen. Er hat durch die Blutvergiftung beide Füße verloren. Auch seine Finger mussten amputiert werden. Er ist von seiner Krankheit schwer gezeichnet. Aber er lebt, und das Leben, so eingeschränkt es sein mag, ist ihm wie ein neues Geschenk.

Die Hoffnung, sagt Martin Köhnlein, dürfe man wirklich niemals aufgeben.

Er hat einen Korb mit Süßigkeiten mitgebracht und eine Karte, auf die Fotos geklebt sind. Man sieht ihn im Krankenbett, blass, lächelnd. In einer Reha-Station, mit den neuen Prothesen. Und dann in einem bunten Herbstwald, da war er spazieren und hörte die Vögel in den Bäumen singen und sah einen klaren Himmel und war lebendig und nicht tot. Vor einigen Wochen hat der junge Mann seiner Freundin einen Heiratsantrag gemacht, sie hat Ja gesagt.

Was solche Geschichten der Belegschaft auf der 102i bedeuten, versteht man durch eine kleine Begebenheit, die der junge Mann am Ende seines Besuchs erzählt. Davon, wie er vor einer Weile beim Spazierengehen einem Pfleger der Charité über den Weg gelaufen sei und der Pfleger ihn erst gar nicht erkannt habe und dann sofort angefangen habe zu weinen.

Wie überall sonst sind Wunder auch auf der 102i sehr selten. Aber eben nicht unmöglich. Weshalb auch die rationalen, in Wahrscheinlichkeiten denkenden Ärzte von jenem Gefühl angetrieben werden, das sie den Müttern und Vätern, Kindern und Ehepartnern ihrer Patienten so oft nehmen, nehmen müssen, jenem Gefühl, das sich auf der 102i nur in kleinen, aber doch nie endenden Mengen finden lässt, wie glitzernder Staub, der in den Ritzen zwischen Elend und Verzweiflung sitzt: Hoffnung. Die Hoffnung, sagt Martin Köhnlein, dürfe man wirklich niemals aufgeben. "Sonst ist man verloren."

An einem dunklen Dienstagabend kommt der Schwede auf die Station. Sein Gesicht ist sehr ernst. Er muss an diesem Tag ein sehr kompliziertes Gespräch führen mit den Ärzten seiner Frau. Es geht um die Frage, ob sie zur Reha nach Schweden geschickt werden kann oder dafür im Berliner Umland bleibt. Die Ärzte haben Angst, dass die Frau in einer Reha, die nicht auf Fälle wie ihren spezialisiert ist, zu schnell aufgegeben, zu früh als Pflegefall eingestuft werden könnte. Die Ärzte kennen die Betriebe um Berlin herum sehr gut und würden die Frau, wenn es dort nicht vorangehen sollte, auch wieder auf die Station zurückholen, um sie nochmals gründlich zu untersuchen. Und der Schwede, der mit größtem Ernst sagt, dass er sterben wird, bevor er seine Frau aufgibt, hat auch Angst und denkt zugleich, dass sie in der Heimat umgeben sein könnte von ihrer Familie und ihren Freunden und dass das helfen würde. Und die Ärzte wissen, dass er recht hat, denn ohne Liebe, das sehen sie wieder und wieder, ohne Menschen, die einen rufen, kämpft sich niemand ins Leben zurück.

Bevor dieses schwierige Gespräch beginnt, wollen die Ärzte von dem Mann aber erst einmal wissen, was er heute denn für einen Eindruck von seiner Frau gehabt habe, und da fängt der Schwede tatsächlich an zu lächeln. "Gut", sagt er. "Sehr gut sogar, würde ich sagen. Ich sollte es vielleicht für mich behalten, weil Sie es mir womöglich gar nicht glauben werden. Aber wissen Sie, ich habe einen Kuss gekriegt heute." Die Ärzte wechseln erstaunte Blicke. "Ja, wirklich. Normalerweise küsse ich sie immer auf die Stirn, ich will ja nicht, dass sie irgendwelche Kita-Bakterien von mir kriegt. Aber heute konnte ich mir nicht helfen, sie sah einfach so schön aus, und da habe ich sie auf den Mund geküsst. Und ich schwöre es, sie hat mich zurückgeküsst." Er sei ja ein rationaler Mann, sagt der Schwede. Er wolle sich keinen Illusionen hingeben. "Also", lacht er, "habe ich sie noch mal geküsst, und dann noch mal. Und sie hat mich zurückgeküsst, jedes Mal."

Der Schwede sieht dabei genau so aus wie jemand, der von seiner schwer kranken Frau nach endlosen Monaten zum ersten Mal wieder geküsst worden ist: glücklich. Und dann ist es, als würde sich dieses Glück, diese Hoffnung auch auf die Ärzte übertragen, und für einen Moment wirkt alles erträglicher.