Was hör ich da eigentlich?

Seit ich zwölf bin, höre ich deutschen Rap. Inzwischen habe ich immer weniger Lust dazu. Zu dumm. Zu antisemitisch, homophob, frauenfeindlich. Zu menschenfeindlich. Außerdem: komplett unerträglich, wenn Rapper anfangen, über die Welt nachzudenken (Haftbefehl, Savas, Kollegah), und versuchen, transzendente Tipps zu geben (Kollegah).

Nun ist es aber so, dass deutscher Straßen-Rap beziehungsweise Battle-Rap all das nicht erst seit eben ist. Dieser Rap war schon immer so (wobei Antisemitismus erst etwas später dazukam), und insofern stellt sich die Frage, warum ich (und mit mir das sogenannte Feuilleton) mir das zeitweilig so begeistert reingezogen habe – es stellt sich also die Frage, was sich seither verändert hat.

Zunächst zu früher: Meine Brüder fingen an, Rap zu hören, und weil ich meine Brüder und ihre Freunde cool fand, interessierte ich mich dafür. Es war vielversprechender, sich an ihnen zu orientieren, als mit anderen Mädchen Robbie Williams zuzuhören. Ich wollte mit Jungs rumhängen, ich wollte wie sie einen Platz an dem alten Wohnzimmertisch auf dem Kiffersofa im Keller. Und dafür musste ich mich im Rap so gut auskennen wie sie.

Es begann mit Studenten-Rap aus Stuttgart und Hamburg (Freundeskreis, Massive Töne, Absolute Beginner), was aber schnell als langweilig galt. Denn dann kam der krasse Scheiß aus Berlin. Mein kleiner Bruder, damals elf, kam irgendwann mit einer gelben CD in der Hand an, auf der "Westberlin Maskulin" stand. Kennt keiner, sagte er. Der Sound klang echt komisch, und was sie sagten, war komplett absurd und manchmal ziemlich lustig. Aber ich verstand auch, dass Frauen in den Texten irgendwie nicht besonders gut wegkamen. Sie dienten ausschließlich dazu, den Gegner zu beleidigen oder die Potenz des Rappers zu belegen ("Ich hab den Keller voll mit Nutten / Die bereit sind, Pint zu blasen, Sack zu lutschen und zu schlucken", Kool Savas in Hoes, Flows, Moneytoes).

Schon lange frage ich mich, wie ich als Mädchen und später als Frau eigentlich diesen Stunt im Kopf hinbekommen habe, mich davon nicht herabgesetzt zu fühlen. Aber eigentlich geht das ganz leicht: Identifiziert man sich mit Männern, wie ich es damals mit meinen Rap-Brüdern tat, kann man sich dadurch nobilitiert fühlen, dass man von einer männlichen Gemeinschaft aufgenommen wird. Man tauscht gewissermaßen die Herabwürdigung durch Männer von außen (Rap) gegen Wertschätzung durch Aufnahme in eine männliche Gemeinschaft.

Und man kann sich noch erhabener, noch cooler (nämlich als das Gegenteil von hysterisch, aufgeregt, weich, also all den typischen Frauenherabwürdigungsvokabeln) fühlen, wenn man gegenüber der männlichen Gemeinschaft, als deren Teil man sich fühlt, deutlich macht, dass man die Abwertungen von Frauen nicht so eng sieht. Ja man kann sogar mit dem Gefühl (und dem Walkman damals) herumlaufen, die frauenverachtenden Punchlines der Rapper, also das imaginative Plattmachen der feindlichen Welt, sei auch ein Angriff auf die eigenen Feinde (die Ohrfeigen, die schlechten Noten, der Mitschüler, der schon wieder über den Schulhof brüllt, dass deine Titten zu klein sind). Man kann sich somit konstant Frauenbeleidigungen anhören, ohne sich je gemeint zu fühlen. Es ist sogar möglich, sich mit den Beleidigungen zu identifizieren, und es ist exakt dieser Mechanismus weiblicher Komplizenschaft mit Männern, die einige Frauen in der #MeToo-Debatte immer wieder zu dem Ergebnis kommen ließ, dass diese vollkommen übertrieben sei. Denn, hello, es gibt Props dafür!

Aber natürlich hatte der harte Rap aus Berlin auch etwas zu bieten: Geschichten, die mehrdeutig und besonders erzählt waren, originelle Punchlines, Bilder und Vergleiche, überhaupt einen Umgang mit Worten, den man sonst nirgendwo zu hören bekam, genauso wenig wie die Storys. Und auch wenn diese im deutschen Straßen-Rap nie ohne die Herabwürdigung von Frauen funktionierten, so konnte man darüber, wenn der Rap gut war, ganz einfach viel besser hinwegsehen, nicht zuletzt, weil es die zentrale Idee des Battle-Raps ist, den Gegner zu besiegen. Alle wurden ausnahmslos beleidigt.

Arme, aber durchaus begabte Schweine?

Dass als Herabsetzungsvehikel die Frau ausgewählt wird, folgt den hierarchischen Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft, in der Rap entsteht: Man nimmt das schwächste Glied. Andere Beleidigungsmittel gibt es allerdings auch: Armut oder körperliche Schwäche.

Und es stellt sich dann die Frage, warum man als Hörer, egal welchen sozialen Milieus, überhaupt Freude daran hat, sich das reinzuziehen – möglicherweise ja, weil Battle-Rap einfach eine Fortschreibung des gesellschaftlichen Konkurrenzprinzips mit anderen Mitteln ist und man sich da ganz gut aufgehoben fühlt.

Will man nun verstehen, warum es in diesem Vertragsverhältnis (Rap und bürgerliche Hörer) aktuell Schwierigkeiten gibt, muss man sich vergegenwärtigen, wer es war, der da rappte, als Rap in Deutschland hart wurde. Das waren Menschen, die eigentlich überhaupt nichts zu sagen hatten.

Kool Savas, Bushido und Sido waren somit zunächst auch dadurch entschuldigt, dass sie Underdogs waren. Und so ekelte ich mich zwar mitunter vor den Worten des frühen Bushido auf Carlo Cokxxx Nutten ("Deine Mama denkt, dass Aggro nur aus Spaß ist / Heute merkt sie etwas Hartes, wenn mein Schwanz in ihrem Arsch ist"), genauso wie ich mich vor acht Jahren vor den Worten von Haftbefehl auf seinem Album Azzlack Stereotyp ekelte ("Ich spritz der Bitch in den Hals und sag tschüß, bis bald" beziehungsweise: Alles Lügen in den Medien und "Free Palestine ... Boycott Israel"). Aber die Frauenfeindlichkeit wurde, genau wie die stumpfen Welterklärungsmodelle und ihre antisemitischen Codes, von dem Underdog-Status und der damit verbundenen sozialen Benachteiligung zwar nicht nivelliert, aber doch abgeschwächt (ganz abgesehen davon, dass die beiden genannten Alben kleine Rap-Revolutionen waren).

Die implizite Annahme war also: echt arme, aber durchaus begabte Schweine. Mir klassenmäßig außerdem unterlegene Schweine. Und das sind Eigenschaften, die Sympathie und Verständnis hervorrufen, gerade in einem Milieu, das ein schlechtes Gewissen hat, weil es ihm vergleichsweise gut geht und dessen Kernkompetenz die Toleranz ist. Sozialer Status schlägt Geschlecht. Sozialer Status relativiert Diskriminierung (Antisemitismus, Homophobie et cetera), wobei die – meistens – unbewusste Annahme dahinter irgendwie so funktionieren muss: Die Rapper haben ihre Vokabeln nicht im Griff, weil sie wegen strukturellen Rassismus, also aus Herkunftsgründen, nicht in der Lage sind, die Dinge so zu sehen wie Menschen aus gebildeteren Zusammenhängen.

Dass dies auch eine Entmündigung der Rapper bedeutet, liegt auf der Hand, dass dadurch die Diskriminierung bestimmter Menschengruppen nicht besser wird, ebenfalls. Was sich damit vollzieht, ist eine Art Kurzschluss. Es wird nicht mehr über das Problem geredet (Frauenfeindlichkeit, Homophobie et cetera), sondern über Rap. Es wird nicht nachgedacht über Antisemitismus und darüber, woher er kommt, und auch nicht über Chancenungleichheit in Deutschland (und ob sie für viele Menschen nicht auch echt angenehm ist, denn um oben zu sein, das ist recht simpel, braucht man Menschen, die unten sind), sondern über Rap und Kunstfreiheit.

An dieser Stelle kann man sich dann kurz an den Kopf fassen und überlegen, ob es nicht auch ein bisschen ein Marie-Antoinette-Move ist, sich über die Redaktions-Balkone zu beugen und Rap ekelhaft zu finden. Wobei sich inzwischen ein entscheidender Parameter geändert hat: Die Rapper stehen ebenfalls auf den Balkonen.

Denn Rap ist eine der erfolgreichsten Musikformen in Deutschland geworden. Rapper wie Haftbefehl, Bushido oder Kollegah waren oder sind an der Spitze der Charts und brechen ständig irgendwelche Rekorde. Bushido bewohnt eine Villa in Kleinmachnow, Haftbefehl besitzt große Autos und scheint echt viel Urlaub zu machen (Jamaika, Dubai, Mexiko), und Kollegah hat gerade einen Echo gewonnen und ist, wie die beiden anderen genannten Rapper vermutlich auch, Millionär.

Straßen-Rap hätte nicht so erfolgreich werden dürfen

Interessant an dem Phänomen Kollegah ist, dass mit seinem Aufstieg die Ironie aus seinen Texten komplett verschwunden ist. Die Kunstfigur ist kaum mehr zu trennen von der realen Person. Der Rapper ist inzwischen vollkommen ohne Witz Boss, er scheint davon auszugehen, sein Erfolg legitimiere ihn als Imperator und mache eine ironische Brechung überflüssig. Als Volksaufklärer und Motivationstrainer in Personalunion breitet er seine faschistoiden und in ihrer Schlichtheit kaum zu übertreffenden Losungen auf seinem YouTube-Boss-Kanal (eine Million Abonnenten) über seiner Gefolgschaft aus: "Jedes Hindernis, das das Schicksal dir in den Weg legt, das nimmst du und schmeißt es ihm zurück ins Gesicht. Bruder, ich komme aus dem letzten Dorf im Hunsrück. Ich bin durchmarschiert." Und: "Ich fürchte den Tod nicht. Ich bete darum, als Märtyrer zu sterben." Ferner weist der Boss auf die Existenz der Lügenpresse hin, empfiehlt, Geld zu spenden, und gibt zu bedenken, dass "Kinderschänder" das Letzte seien.

Während Rap am Anfang einfach ein Mixtape oder eine CD war, ist damit inzwischen eine aufwendig inszenierte Rapper-Persönlichkeit verbunden, die die Möglichkeit hat, auf all ihren sozialen Kanälen irrsinnig viel dummes Zeug zu erzählen. Konnte man sich früher den Rapper ausdenken und Dinge ironisch oder schlau finden, auch wenn sie das vielleicht nie waren, redet einem da heute halt immer wieder der Künstler selbst via Instagram oder YouTube rein. Man ist als Rezipient gewissermaßen gezwungen, sich einzugestehen, dass der Betreffende seinen Antisemitismus, seine Frauenverachtung und seine Theorien über die Presse tatsächlich genau so meint. Die im Rap teils nur angedeuteten und zudem durch den Kontext des Battle-Raps viel leichter als Kunst umdeutbaren Inhalte werden also erst durch das Verhalten des Rappers abseits davon zu einem vollständigen Bild, das man nur ignorieren kann, wenn man wirklich will.

Ein ebenfalls nicht zu unterschätzender Aspekt ist, dass Rapper, sowie sie erfolgreich geworden sind, nicht nur physisch zunehmen (Savas, Sido, Haftbefehl, Kollegah), sondern auch in den Geschichten, die sie erzählen, unbeweglicher werden. Sie ziehen in große Häuser, sie fahren protzige Autos. Ihr Stardom-Schicksal bedeutet also, dass sie auf die Häuslichkeit zurückgeworfen sind. Sie erleben somit keine Crime-Armuts-Geschichten mehr, von denen sie berichten könnten, und das war halt bisher ihr Unique-Selling-Point. Dafür wurden sie von dem sogenannten Feuilleton geliebt. Jene Gangster-Geschichten waren der Grund, aus dem Hipster Haftbefehl gut fanden, weil seine bemerkenswert gut erzählten Geschichten ihnen ein sexy-gefährliches Leih-Narrativ schenkten. Ihnen, die bisher ohne ein eigenes Narrativ auskommen mussten, das ihren Schmerz (ökonomische Unsicherheit, Unsicherheit überhaupt, Sinnprobleme) erzählt hätte, und die ein bisschen traurig darüber waren, dass es ihnen vergleichsweise gut ging und sie sich trotzdem nicht gut fühlten.

Das bedeutet: Straßen-Rap hätte einfach nicht so unglaublich erfolgreich werden dürfen. "Wir" (das sozialliberale, akademische Milieu) brauchen die Rapper unten, damit wir uns von oben über ihre Storys freuen können. Denn die wenigsten schaffen es, nachdem sie erfolgreich geworden sind, weiterhin guten Rap mit guten Geschichten zu machen (eigentlich nur K.I.Z).

Es ist aber nicht nur der Erfolg des Raps, der die Verhältnismäßigkeiten verschoben hat. Sein Aufstieg fällt in eine Zeit der politischen Total-Angespanntheit. Die sogenannte Flüchtlingskrise zog eine neue Konfliktlinie durch das Land (Flüchtlinge ja/nein?), und an dieser Linie explodierten noch ganz andere Fragen, die mitunter am Islam entlang verhandelt wurden. Man befürchtete, dass die deutsche Gesellschaft durch die Geflüchteten antisemitischer würde, homophober und frauenfeindlicher. Die gefühlte Bedrohung von draußen war für viele, denen jene Themen bisher nicht so richtig am Herzen lagen, dann endlich ein Anlass, auch für Schwule, Frauen und Juden aufzustehen, denn es ging ja um Deutschland. Und schließlich erlebt der Feminismus seit einiger Zeit seine vierte Welle, die mit #MeToo einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.

Folglich sagt der stark migrantisch geprägte Rap all die Dinge, die er nicht erst seit eben sagt, in eine Zeit hinein, in der man auf die genannten Themen speziell sensibel reagiert. Und gleichzeitig ist dieser Rap erfolgreich wie nie zuvor. Gleichzeitig haben Menschen wie ich keine Lust mehr, sich diesen stumpfen, uninspirierten Schwachsinn anzuhören, weil er, zusammen mit dem gesellschaftlichen Klima (AfD, Identitäre, Angriffe auf Juden), das er verstärkt, ziemlich bedrohlich wirkt.

Sehe ich Kollegah, dann will ich irgendwie dafür sorgen, dass er mit seiner faschistoiden Show aufhört, nicht zuletzt, weil er so erfolgreich ist, dass man gezwungen ist, ihn zur Kenntnis zu nehmen. Der Impuls, der diesem Wunsch zugrunde liegt, hängt sicher mit dem Habitus kultureller Deutungshoheit zusammen, und man könnte ihn auch klassistisch nennen. Oder man sagt: Ich habe keine Lust auf Musik, deren Macher es nicht auf die Reihe kriegen, mich intelligent zu beleidigen, obwohl das ihr Job ist.