Interessant an dem Phänomen Kollegah ist, dass mit seinem Aufstieg die Ironie aus seinen Texten komplett verschwunden ist. Die Kunstfigur ist kaum mehr zu trennen von der realen Person. Der Rapper ist inzwischen vollkommen ohne Witz Boss, er scheint davon auszugehen, sein Erfolg legitimiere ihn als Imperator und mache eine ironische Brechung überflüssig. Als Volksaufklärer und Motivationstrainer in Personalunion breitet er seine faschistoiden und in ihrer Schlichtheit kaum zu übertreffenden Losungen auf seinem YouTube-Boss-Kanal (eine Million Abonnenten) über seiner Gefolgschaft aus: "Jedes Hindernis, das das Schicksal dir in den Weg legt, das nimmst du und schmeißt es ihm zurück ins Gesicht. Bruder, ich komme aus dem letzten Dorf im Hunsrück. Ich bin durchmarschiert." Und: "Ich fürchte den Tod nicht. Ich bete darum, als Märtyrer zu sterben." Ferner weist der Boss auf die Existenz der Lügenpresse hin, empfiehlt, Geld zu spenden, und gibt zu bedenken, dass "Kinderschänder" das Letzte seien.

Während Rap am Anfang einfach ein Mixtape oder eine CD war, ist damit inzwischen eine aufwendig inszenierte Rapper-Persönlichkeit verbunden, die die Möglichkeit hat, auf all ihren sozialen Kanälen irrsinnig viel dummes Zeug zu erzählen. Konnte man sich früher den Rapper ausdenken und Dinge ironisch oder schlau finden, auch wenn sie das vielleicht nie waren, redet einem da heute halt immer wieder der Künstler selbst via Instagram oder YouTube rein. Man ist als Rezipient gewissermaßen gezwungen, sich einzugestehen, dass der Betreffende seinen Antisemitismus, seine Frauenverachtung und seine Theorien über die Presse tatsächlich genau so meint. Die im Rap teils nur angedeuteten und zudem durch den Kontext des Battle-Raps viel leichter als Kunst umdeutbaren Inhalte werden also erst durch das Verhalten des Rappers abseits davon zu einem vollständigen Bild, das man nur ignorieren kann, wenn man wirklich will.

Ein ebenfalls nicht zu unterschätzender Aspekt ist, dass Rapper, sowie sie erfolgreich geworden sind, nicht nur physisch zunehmen (Savas, Sido, Haftbefehl, Kollegah), sondern auch in den Geschichten, die sie erzählen, unbeweglicher werden. Sie ziehen in große Häuser, sie fahren protzige Autos. Ihr Stardom-Schicksal bedeutet also, dass sie auf die Häuslichkeit zurückgeworfen sind. Sie erleben somit keine Crime-Armuts-Geschichten mehr, von denen sie berichten könnten, und das war halt bisher ihr Unique-Selling-Point. Dafür wurden sie von dem sogenannten Feuilleton geliebt. Jene Gangster-Geschichten waren der Grund, aus dem Hipster Haftbefehl gut fanden, weil seine bemerkenswert gut erzählten Geschichten ihnen ein sexy-gefährliches Leih-Narrativ schenkten. Ihnen, die bisher ohne ein eigenes Narrativ auskommen mussten, das ihren Schmerz (ökonomische Unsicherheit, Unsicherheit überhaupt, Sinnprobleme) erzählt hätte, und die ein bisschen traurig darüber waren, dass es ihnen vergleichsweise gut ging und sie sich trotzdem nicht gut fühlten.

Das bedeutet: Straßen-Rap hätte einfach nicht so unglaublich erfolgreich werden dürfen. "Wir" (das sozialliberale, akademische Milieu) brauchen die Rapper unten, damit wir uns von oben über ihre Storys freuen können. Denn die wenigsten schaffen es, nachdem sie erfolgreich geworden sind, weiterhin guten Rap mit guten Geschichten zu machen (eigentlich nur K.I.Z).

Es ist aber nicht nur der Erfolg des Raps, der die Verhältnismäßigkeiten verschoben hat. Sein Aufstieg fällt in eine Zeit der politischen Total-Angespanntheit. Die sogenannte Flüchtlingskrise zog eine neue Konfliktlinie durch das Land (Flüchtlinge ja/nein?), und an dieser Linie explodierten noch ganz andere Fragen, die mitunter am Islam entlang verhandelt wurden. Man befürchtete, dass die deutsche Gesellschaft durch die Geflüchteten antisemitischer würde, homophober und frauenfeindlicher. Die gefühlte Bedrohung von draußen war für viele, denen jene Themen bisher nicht so richtig am Herzen lagen, dann endlich ein Anlass, auch für Schwule, Frauen und Juden aufzustehen, denn es ging ja um Deutschland. Und schließlich erlebt der Feminismus seit einiger Zeit seine vierte Welle, die mit #MeToo einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.

Folglich sagt der stark migrantisch geprägte Rap all die Dinge, die er nicht erst seit eben sagt, in eine Zeit hinein, in der man auf die genannten Themen speziell sensibel reagiert. Und gleichzeitig ist dieser Rap erfolgreich wie nie zuvor. Gleichzeitig haben Menschen wie ich keine Lust mehr, sich diesen stumpfen, uninspirierten Schwachsinn anzuhören, weil er, zusammen mit dem gesellschaftlichen Klima (AfD, Identitäre, Angriffe auf Juden), das er verstärkt, ziemlich bedrohlich wirkt.

Sehe ich Kollegah, dann will ich irgendwie dafür sorgen, dass er mit seiner faschistoiden Show aufhört, nicht zuletzt, weil er so erfolgreich ist, dass man gezwungen ist, ihn zur Kenntnis zu nehmen. Der Impuls, der diesem Wunsch zugrunde liegt, hängt sicher mit dem Habitus kultureller Deutungshoheit zusammen, und man könnte ihn auch klassistisch nennen. Oder man sagt: Ich habe keine Lust auf Musik, deren Macher es nicht auf die Reihe kriegen, mich intelligent zu beleidigen, obwohl das ihr Job ist.