Am 20. Februar 1933 lädt Hermann Göring den Klerus der deutschen Großindustrie ins Reichstagspräsidentenpalais. Hitler macht vor den Herren Opel, Krupp, Quandt, Flick, Tengelmann seine Honneurs. Er lächelt, wirkt entspannt und leutselig, hat für jeden ein Wort des Dankes und einen feuchten Händedruck. Nach seiner 30-Minuten-Performance ist alles entschieden. Das mächtige Maschinenherz Deutschlands versammelt sich hinter dem Pleite-Unternehmen eines Schmierenkomödianten: Die Unternehmen BASF, Bayer, Agfa, Opel, I.G. Farben, Siemens, Allianz, Telefunken beschließen, die Nationalsozialisten zu finanzieren.

Es ist einer der ersten Sommertage in Hamburg-Altona. Wir sitzen in der Sonne und reden über Hitlers Auftritt vor 85 Jahren. Éric Vuillard, Jahrgang 1968, hat in seinem neuen Buch aus Hitler eine smarte Komödienfigur gemacht, die sich die Welt mit nichts als ein paar miesen Theatertricks in die Hosentasche steckt. Geht das? Die Franzosen sind davon überzeugt, sie haben dem Buch im vergangenen Herbst den Prix Goncourt, den höchsten französischen Literaturpreis verliehen.

Éric Vuillard hat sich auf den Slapstick der Weltgeschichte spezialisiert. So war es schon in seinem Buch Kongo über die Kongo-Konferenz 1884 in Berlin und in seiner Geschichte von Buffalo Bill Die Traurigkeit der Erde. Ihn interessieren die Miniaturdramen, in denen sich die Geschichte entscheidet, die Fußnoten, die Pannen, das chaplineske Vorspiel vor dem historischen Hauptstück. Im Reichstagspräsidentenpalais war im Februar 1933 noch alles offen. Hätten die solventen Gäste die durchsichtige Fundraising-Show Hitlers mit dem Kennerblick des französischen Autors Vuillard betrachtet, wäre es vielleicht nie zum Zweiten Weltkrieg gekommen.

Was hat den studierten Historiker und Filmemacher aus Rennes am Aufstieg der Nazis so interessiert, dass er sieben Jahre lang Dokumente studiert und Quellen sondiert hat, um dann die Geschichte der nationalsozialistischen Machtergreifung auf schlanken 160 Seiten zu erzählen? Eric Vuillard redet unglaublich schnell, als säßen wir hier nicht in aller Ruhe in Hamburg, sondern in irgendeiner dieser Speedy-Literatursendungen auf France Culture. Der Zweite Weltkrieg, sagt er, habe unser gesamtes Wissen und unsere Empfindungen "neu konfiguriert", alle inneren Dramen der Literatur, die Lüge, das schlechte Gewissen hätten sich danach verändert. Deswegen interessiert er sich für die Szenen der Machtergreifung, die er in seinem Buch getreulich nacherzählt: Hitlers Treffen mit den Industriekapitänen, Hitlers Unterredung mit dem österreichischen Bundeskanzler Schuschnigg auf dem Berghof, den Einmarsch nach Österreich, die Zusammenkunft von Außenminister Ribbentrop und Chamberlain in London. Sein Buch handele von der Geschichte der Selbstgefälligkeit, der " histoire de la connivence", die zum Zweiten Weltkrieg und zur Shoah geführt habe.

Seine Untersuchungsmethode, in Frankreich nennt man sie schon die "Vuillard-Methode", ähnelt dem Vorgehen eines Arztes: Er durchsucht die historischen Dokumente nach winzigen Symptomen, in denen sich die Katastrophe zum ersten Mal ankündigt. Findet er bei seiner lecture symptomale ein derartig verräterisches Vorzeichen – Hitlers Lächeln vor der Lämmerherde der Hochfinanz, sein automatenhaft zappelnder Körper bei den Verhandlungen mit dem österreichischen Bundeskanzler Schuschnigg auf dem Berghof, Ribbentrops nicht enden wollender Toast beim Lunch in der Downing Street, der Chamberlain davon abhält, auf die Nachricht vom deutschen Einmarsch nach Österreich zu reagieren –, hält er den Lauf der Ereignisse an und beginnt mit seinen Grabungsarbeiten in den unteren Hautschichten der Politik – da, wo das Leben so langsam fließt "wie ein Pflanzensaft".

Einen Roman kann man sein Buch nicht nennen. Das Französische hält für solche Zwitterwesen aus historischer Nacherzählung und Literatur den Begriff récit vorrätig. In Deutschland sortiert man vergleichbare Bücher wie das von Florian Illies über das Jahr 1913 oder Volker Weidermanns Buch über den Sommer 1936 in Ostende zum erzählenden Sachbuch. Vuillard, der in Frankreich bei Actes Sud, dem Verlag der neuen französischen Kulturministerin Françoise Nyssen, verlegt wird, hält gar nichts von der Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Literatur. "Literatur", doziert er, als wäre er der wiederauferstandene Sartre, interessiere sich "seit der Aufklärung für die Wirklichkeit". Große Romane befänden sich immer in "unmittelbarer Nähe zu den Tatsachen". Reine Literatur sei ein "überflüssiger Luxus, pure Unterhaltung".

Die augenblickliche Renaissance des sozialen Realismus in der französischen Gegenwartsliteratur betrachtet dieser entschiedene Anwalt der engagierten Literatur deswegen mit Wohlgefallen. Ihre Ursache sei die neue soziale Kälte. Paris sei für Normalsterbliche inzwischen vollständig unbezahlbar, selbst hohe Regierungsbeamte könnten sich dort keine Wohnung mehr leisten, immer mehr junge Leute fänden keine Arbeit, die soziale Spaltung vergrößere sich von Tag zu Tag. Die Literatur hat keine Wahl: "In bestimmten sozialen Umständen ist das Schreiben den Tatsachen verpflichtet."