Schätzing. Der neue Roman. Thriller, Science-Fiction. Wie Stiche einer gewaltigen Schwarmwolke mäandern titanische Wortwalzen durch das Hirn des erschlagenen Lesers. Es geht um künstliche Intelligenz, parallele Universen – aber was zum Teufel passiert hier eigentlich?

So oder so ähnlich läse sich eine Rezension des ziemlich verrückten Buches Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing, wäre sie im gleichen Stil geschrieben wie dieser Thriller. In dem Buch geht das aber 728 Seiten lang so. Daher ist Die Tyrannei des Schmetterlings auch eins der selteneren Bücher, bei denen man weniger über den Autor nachdenkt als über die Lektoren oder Lektorinnen, die diesen Trumm zu betreuen hatten. Man stellt sich vor, wie sie Kette rauchend über dem Manuskript saßen, am Anfang ratlos, irgendwann nur noch Kommafehler und Rechtschreibung korrigierend, um das Ganze schließlich doch relativ zufrieden zurückzuschicken an den Autor, mit zwei, drei kleinen inhaltlichen Anmerkungen bloß. Denn dieses Buch ist ein absolutes, irreparables Desaster, einerseits, und auf der anderen Seite absolut okay und nur für Trottel ein Problem.

Das irreparable Desaster sind Sprache und Bilder. Alles ist sehr krumm und schief und dann oft auch noch dräuend und teutonisch, très Wagner. Beispiel: "Luther könnte schwören, im Seufzen des Windes und vielstimmigen Flüstern des Laubs, in all den verschwörerischen kleinen Lauten, die zusammen Stille ergeben, Echos aus einer Zeit zu vernehmen, als Urgewalten den riesigen Granitblock namens Sierra Nevada auftürmten ..." Zack! Laute, die zusammen Stille ergeben, deren Echo aus einer Zeit stammt, als Urgewalten einen Block aufrichteten, na, alles klar, Schätzing. Oder: "Amorphe Verläufe am Rande des Gesichtsfelds, die von kolossalen, in ständiger Selbsterschaffung und -vernichtung begriffenen Strukturen zeugen, ein lautloses Mäandern, Wabern, Kräuseln, sich Blähen, Annihilieren, Kochen und Überquellen des Eventuellen." Was soll man sagen, das ist krass. "Wortwürmer jagen einander am Rande der Verständlichkeit", schreibt Schätzing einmal selbst, und das beschreibt seinen Sound ganz gut.

So, und auf der anderen Seite: Wen kümmert’s, dann ist die Sprache halt bekloppt. Darüber zu klagen ist doch so ein bisschen, wie auf Unsauberkeiten im Beton eines neu hochgezogenen, wunderbar stabilen Autobahnkreuzes hinzuweisen, denn es geht bei diesem Buch natürlich nicht um Dichtung, das ist nicht so ein schön perfekter neuer Coetzee-Schmuckkasten, mit Garten und Details, sondern das ist ein Großbauprojekt, Hoch-Tief-Style, und da will man, dass das Ding funktioniert. Mit anderen Worten, hier wird eben keine zarte Literatur getöpfert, sondern hier wird gearbeitet, meine Damen und Herren, und zwar notfalls mit dem Schlagbohrhammer.

Die einzige Skala, auf der man das neue Blockbuster-Buch von Frank Schätzing fairerweise bewerten darf, ist doch die Pageturner-Skala. Also, ist das unterhaltsam, knallt’s, ist es spannend, ist das ein guter Schmu? Und wie gesagt, da ist das Buch absolut okay, kein Meilenstein vielleicht, aber bestimmt internationales Niveau, dafür muss sich keiner schämen, im Gegenteil.

Es geht zum Beispiel gleich in Afrika los, wo ein südsudanesischer Warlord und seine Soldaten durch eine neue, kranke Superwaffe gekillt werden, dann kommt ein harter Schnitt, und wir sind, warum auch nicht, in Kalifornien, bei einem banalen Mord und einem ermittelnden Provinz-Cop, den sein Verdacht allerdings ins Silicon Valley führt, von wo aus er schließlich, und das klingt jetzt, hier so schnell zusammengefasst, zugegebenermaßen ein bisschen wild, durch intergalaktische Space-Tore in Paralleluniversen reisen muss, um eine Insel lahmzulegen, auf der eine künstliche Intelligenz Cyborg-Libellen züchtet, und so weiter.

Was schön ist an dem Buch: Schätzing denkt für die große Leinwand, er hat keine Angst vor dem riesigen Dreh. Er ist der Roland Emmerich des Schreibens, in seiner Largesse wenig deutsch, und das Buch ist bis zur Hälfte ziemlich unterhaltsam. Dann verliert der Autor aber irgendwie den Faden, ausgerechnet an der Stelle, wo aus diesem Thriller ein Science-Fiction-Roman wird, weicht seltsamerweise die Farbe daraus, es sind einfach zu viele Figuren, Welten, Potenziale, mit denen Schätzing hantiert. Und er arbeitet natürlich viel mit Cliffhangern, mit Information, die dem Leser vorgehalten und dann entzogen wird, sodass er warten muss und ein Bedürfnis hat weiterzulesen. Die Warte-Passagen bestehen in Die Tyrannei des Schmetterlings aber absurd oft aus langen Landschaftsbeschreibungen, die bar jeder Lyrik sind und oftmals einfach nur wiedergeben, was man auf der Autofahrt von A nach B so durch das Fenster sehen kann, links Fichten, vorne Gebüsch, rechts Tankstelle, aha.

Und dann ist leider vieles in dem Buch auch nicht sonderlich überraschend, sondern zusammengekloppt aus Netflix und Populärwissenschaft, ein bisschen lieblos, muss man sagen. Die Geschichte mit den Paralleluniversen hat ein paar Löcher, was nicht schlimm ist, aber uneingelöst bleibt leider auch das Potenzial des eigentümlichen Horrors, der mit der Vorstellung unendlicher Spiegelwelten einhergeht, in denen man ahnungslosen Kopien seiner selbst begegnen kann.

Am Ende ist es so: Man geht bei Schätzing zu McDonald’s, und da kriegt man einen Big Mac und kein Entrecôte, das weiß jeder Depp. Aber ein solider Big Mac ist besser als ein zähes Entrecôte. Allerdings ist Schätzings Big Mac nur lauwarm. Und wenn man dann auch noch weiß, dass es richtig fantastische Burger geben kann andernorts – William Gibsons Neuromancer zum Beispiel ist ein megaspannender Thriller über die Jagd auf eine künstliche Intelligenz und außerdem unvergessliche Literatur –, dann, na ja. Dann muss man doch sagen, dass man den neuen Schätzing leider nicht empfehlen kann.

Frank Schätzing: Die Tyrannei des Schmetterlings. Roman; Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018; 736 S., 26,– €, als E-Book 19,99 €