Es ist Frühling, in Paris scheint die Sonne, und in Frankreich, wusste schon Heinrich Heine, kommen die Revolten ohne Vorankündigung. Warum also nicht in diesem Mai so wie im Mai vor 50 Jahren? Niemand wusste damals zu Monatsbeginn, was für ein Mai der Republik bevorstand: Zehn Millionen Franzosen streikten im Mai 1968, Studenten und Arbeiter vereint. Es war der wohl berühmteste und folgenreichste Generalstreik der Geschichte. Und heute? Rufen viele derselben Gewerkschaften erneut zum Generalstreik auf. Finden in dieser Woche gleich drei Großproteste statt: Am 1. Mai die traditionellen Maikundgebungen, am 3. Mai ein landesweiter Lehrerstreik und am 5. Mai eine Großdemonstration der Linken in Paris. Damals ging es gegen den schon etwas altersschwachen General Charles de Gaulle, heute gegen den jungforschen Emmanuel Macron. Aber wer kann mit Sicherheit sagen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt?

Zumal Präsident Macron, anders als seine Vorgänger, selbst gern den Revoluzzer gibt. Vergangene Woche sprach er vor Studenten in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington und verteidigte explizit die Protestkultur seines Landes: "Es ist wichtig, dass sich die Gesellschaft durch die Streiks ausdrücken kann, dass Minderheiten Schutz verlangen", sagte Macron im Tonfall eines Altachtundsechzigers und wandte sich direkt an die Studenten: "Wenn ihr frustriert seid und eure Frustrationen von Professoren und Politikern nicht ernst genommen werdet, dann brecht die Regeln! Versammelt die Leute für neue, positive Visionen und verändert das System!"

Das erinnert an den Pariser Mai 1968. Der wohl einflussreichste Studenten-Streikführer von damals, der heute 76-jährige Alain Krivine, berichtet: "In Paris sagte man immer: Jeder braucht U-Bahn, Arbeit und Schlaf. Wir hatten damals einen Monat lang weder U-Bahn, Arbeit noch Schlaf." Krivine ist zwar weniger bekannt als der spätere Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, der für viele bis heute das Gesicht der Pariser Studentenrevolte ist. Aber während Cohn-Bendit damals auf den Barrikaden stand und redete, koordinierte Krivine als Führer einer Trotzkisten-Gruppe den Streik im Hintergrund. Sein Organisationstalent ist legendär und sorgte dafür, dass Studenten und Arbeiter sich zusammenschlossen und schließlich zehn Millionen Franzosen Arbeit und Studium niederlegten. Für viele, nicht zuletzt in Deutschland, schien damals in Paris die Welt zu beben. Heute lacht Krivine, in seiner Pariser Privatwohnung sitzend, darüber: "Ich führte am 17. Mai 1968 eine große Studentendemonstration zu den Toren des Renault-Werkes in Paris, das von den Arbeitern besetzt war. Doch die Fabriktore blieben uns verschlossen, wir wurden wie Taugenichtse empfangen. Der Zusammenschluss zwischen uns und den Arbeitern war ein Mythos."

In dieser Woche finden drei große Demonstrationen in Paris statt

Der weltweite Eindruck aber war ein ganz anderer: Spätestens als der berühmte General de Gaulle sein Land Richtung Baden-Baden verließ, erschienen Studenten und Arbeiter als die Sieger. Zwar kehrte de Gaulle bald zurück, rief Wahlen aus und gewann. Doch die Ergebnisse des Streiks waren unwiderruflich: In Frankreich zogen die Gewerkschaften erstmals in die Betriebe ein, wo sie nun berechtigt waren, nach Belegschaftswahlen die Interessen der Beschäftigten zu vertreten. Die Mindestlöhne stiegen um 30 Prozent. Einfachen Arbeitern wurde das Recht auf Fortbildung gewährt. Nur wenige Jahre später setzte SPD-Bundeskanzler Willy Brandt viele Forderungen des Pariser Generalstreiks auch in Deutschland um, etwa die Reform des zweiten Bildungsweges. So kamen sich auch in Deutschland Arbeiter- und Studentenmilieu näher. Erst ab dieser Zeit begann man vom europäischen Sozialstaatsmodell zu sprechen. Ohne die Generalstreiks von 1968, die von Frankreich noch im gleichen Jahr auf Italien überschwappten, wäre es vielleicht ein skandinavisches Modell geblieben.

Um eine ähnliche europaweite Anpassung, nur in anderer Richtung, geht es auch heute: Macron will den französischen Sozialstaat schleifen, ihn den schlankeren Modellen Deutschlands und Skandinaviens anpassen. Er will das Rentenalter erhöhen und das Arbeitslosengeld an strengere Bedingungen knüpfen. Vieles erinnert an die deutsche Agenda 2010, auch wenn das französische Arbeitslosengeld großzügiger bleiben soll als Hartz IV. Manches aber rührt unmittelbar an den Errungenschaften von 68: Zum Beispiel will Macron die Arbeiterfortbildung, die infolge des Generalstreiks zur Domäne der Gewerkschaften avancierte, in staatliche Hände übergeben und effizienter machen. Aus Sicht seiner Regierung dienen die heutigen Programme nur noch der Selbstfinanzierung der Gewerkschaften. Die protestieren zwar dagegen, aber bilden bisher keine geschlossene Front.

Da gibt es die Lehrer, die am 3. Mai gegen den Abbau ihrer Beamtenrechte streiken. Das Krankenhauspersonal, das an vielen Streikaktionen teilnimmt, fordert mehr Einstellungen, weil die Kliniken überlastet sind. Wieder andere Forderungen haben die Eisenbahner, deren Streik auf den Erhalt der Eisenbahn als Staatsbetrieb zielt. Das immerhin erinnert an 68: Wieder fahren in diesem Mai zahlreiche Züge nicht.

Trotzdem glauben viele, dass Macron den Kampf heute schon gewonnen hat. "Er hat sich das symbolische Thema der Eisenbahn gewählt, um der kampfstärksten Gewerkschaft das Rückgrat zu brechen", beobachtet Gilbert Cette, Wirtschaftsprofessor an der Universität Aix-Marseille, der als Frankreichs führender Arbeitsrechtler gilt. Schon hat Macron im Parlament Verordnungen durchgesetzt, welche die französische Bahn in eine privatrechtlich organisierte Aktiengesellschaft überführen, ähnlich der deutschen Bahnreform von 1994. Laut Cette plane die Regierung nun einen Kompromiss mit reformorientierten Eisenbahn-Gewerkschaften, um die radikale CGT-Gewerkschaft, die schon 1968 den Generalstreik führte, zu isolieren. "Allein kann die CGT nur ein Drittel der Züge anhalten, das reicht nicht", sagt Cette.