Für die alte Stahlkiste in der Garage hatte sich Luke bisher kaum interessiert. Doch dann sollte er für ein Schulprojekt eine Box finden, in der ein Schatz sicher aufgehoben wäre. Luke sah sich die Kiste genauer an und dachte: "Die hält es bestimmt aus, wenn irgendwas draufkracht." Das nämlich könnte bei einem Erdbeben passieren, und darum ging es in dem Projekt. Die Stahlkiste sollte zu seiner "Erinnerungsbox" werden.

Luke ist elf Jahre alt und lebt in der kleinen Stadt La Cañada Flintridge in Kalifornien. Experten sagen: In dieser Gegend in den USA wird es bald ein großes Erdbeben geben. Eines, bei dem viele Menschen sterben und etliche ihr Zuhause verlieren könnten, mitsamt ihren Spielsachen, Fotos und Kuscheltieren.

Von dieser Gefahr weiß in Kalifornien so ziemlich jeder, die Leute haben sogar einen Namen für das drohende Beben: "The Big One" – das Große. Was "bald" aber genau heißt, das wissen auch die Experten nicht. Die Erde könnte schon morgen wackeln oder erst in 20 Jahren. Genauer kann das niemand vorhersagen. Nur dass ein großes Beben kommt, das halten Fachleute für so gut wie sicher.

Schon im Kindergarten lernen die Kinder in Kalifornien deshalb, wie sie sich verhalten sollen, wenn die Erde wackelt. Luke weiß, dass er dann schnell unter einen Tisch kriechen muss, weil der ihn schützt, wenn etwas von oben herabfällt. Er weiß auch, dass er sich von Fenstern und Lampen aus Glas fernhalten muss, denn die könnten zu Bruch gehen und ihn verletzen.

Alle paar Monate haben Luke und die anderen Kinder spezielle Übungen dazu an ihrer Schule. Und gerade nahmen sie mit ihrem Lehrer Jeff Fox Erdbeben im Unterricht durch. Die Kinder malten ein Poster, auf dem steht, was vor, während und nach einem Beben zu tun ist. Sie gingen gemeinsam in ein Forschungszentrum in der Nähe und lernten, wie Erdbeben entstehen. Und dann gab es noch das Projekt "Erinnerungsbox": Jeder Schüler sollte eine Kiste mit Dingen füllen, die er nach dem großen Beben bei sich haben will. Eine Art persönliche Schatztruhe.

In die Box konnten sie Sachen legen, die nach einem Beben wichtig zum Überleben sind, wie Wasser oder eine Decke. Aber auch Dinge, die einen an Geliebtes erinnern, etwa ein Kuscheltier, das man von der Oma geschenkt bekommen hat, denn womöglich ist vieles davon nach einem Beben verloren. Solche Boxen basteln in Kalifornien viele Schüler. Nach einer Katastrophe sei es besonders wichtig, Erinnerungsstücke zu haben, sagt Lehrer Jeff Fox. "Teure Sachen, Autos oder Uhren, das kann man alles ersetzen. Aber Erinnerungen nicht. Die sind unendlich wertvoll."

In Lukes Box liegen nun: ein Geldbeutel mit etwas Geld darin und ein Handy, damit er im Notfall jemanden anrufen und sich etwas kaufen kann. Sein Schulausweis, damit er zeigen kann, wer er ist. Eine Decke, falls die Heizung nach dem Beben ausfällt. Er hat aber auch einen Rosenkranz hineingelegt und ein kleines Fläschchen mit Weihwasser, denn Luke ist Christ und sehr religiös. Vielleicht will er beten, wenn die Erde wackelt, weil ihn das tröstet.

Auch ein Kartenspiel ist in seiner Box, das ihm sein Opa geschenkt hat. "Iowa" steht da drauf, aus diesem Bundesstaat der USA kommen seine Großeltern. Außerdem liegen darin eine silberne Kette von seiner Tante und Fotos seiner Familie: Er selbst ist zu sehen, als er noch jünger war, seine zwei Brüder, sein Hund. Denn falls seiner Familie etwas passiert, will Luke etwas haben, um sich an sie zu erinnern. Die Arbeit an der keepsake box, wie die Schüler sie auf Englisch nennen, hat Luke zum Nachdenken gebracht: "Ich hab mich immer wieder gefragt, was für mich die wichtigsten Dinge im Leben sind."