Auch wenn er die Bezeichnung stets abgelehnt hat: Ernst Volland ist ein politischer Künstler durch und durch. In den 1970er Jahren wurde er durch seine Plakate bundesweit bekannt. Das verfremdete Motiv, ein frech grinsendes Grundschulmädchen mit einer Flasche Hochprozentigem ("Ich trinke Jägermeister, weil mein Dealer zur Zeit im Knast sitzt."), welches die seinerzeit erfolgreiche Werbekampagne des Likörherstellers humoristisch kopierte, sorgte für Furore und einen Prozess, den Volland und die Satirezeitschrift Pardon in der ersten Instanz gegen das Unternehmen verloren, aber öffentlich und medial haushoch gewannen. Das Plakat kannte damals fast jede und jeder aus meiner Generation, es hing in unzähligen Jugendzimmern und -zentren, in Schulen und Hochschulen. Schon damals galt: Satire darf mehr, als die Polizei erlaubt und sich Politiker und Unternehmen wünschen.

Doch politische Plakatkunst und satirische Motive waren nur ein Betätigungsfeld des inzwischen 72-jährigen gebürtigen Wilhelmshaveners, der ein Studium der Bildenden Kunst absolvierte, bevor er ab 1975 freiberuflich in Berlin arbeitete. Daneben zeichnete, collagierte, malte, fotografierte und montierte Volland in fast allen künstlerischen Techniken und Disziplinen. Seine Karikaturen fanden genauso stete und weite Verbreitung wie seine Zeichnungen, Cartoons, Aquarelle und Fotomontagen. Dabei überschritt und überwand er immer wieder Grenzen und kehrte zu angestammten Sujets und Stilmitteln zurück. Ein künstlerischer Grenzgänger – bis heute.

Der politische Künstler Volland war es auch, den ich als 21-jähriger sozialistisch gesinnter "Falke" 1980 nach Goslar zu einer Ausstellung seiner Plakate einlud – übrigens mit Erfolg, welchen die Ausstellung in meiner Heimatstadt genauso fand. Natürlich war die Resonanz vor Ort gehörig, denn Vollands Plakate waren nie leichte Kost, sondern wollten immer anstößig sein. Sein Freund Bernd Hüppauf, Kenner seines Werkes und Kulturhistoriker, befand einmal treffend: "Volland setzt das Spiel der Grenzverletzungen mit den Mitteln des 20. Jahrhunderts fort, überschreitet in Fotoexperimenten die Grenzen zwischen den Gattungen, zwischen Komik und Ernst, Satire und Identifikation, Engagement und Distanz, politischer Botschaft und purem Jux." Volland – ein würdiger Nachfahre des großen John Heartfield.

Jux und Verfremdung bis zur Kenntlichkeit leiteten ihn auch bei seinem medial größten Coup: der Erfindung und Einführung eines "Fake-Artist" namens Blaise Vincent in die Berliner Kunstszene. Mehr als eineinhalb Jahrzehnte bevor der britische Autor William Boyd zusammen mit David Bowie eine ähnliche Narretei in der New Yorker Kunstszene veranstaltete. Inzwischen sind Fake-News gang und gäbe, aber dieses Schelmenstück, das Volland gemeinsam mit dem bekannten Galeristen Werner Tammen vor 35 Jahren in Berlin inszenierte, war damals unerhört und stilbildend. Auch hier war er ein künstlerischer Avantgardist, der seiner Zeit vorauseilte.

Das alles und noch vieles mehr können jetzt an politischer Kunst Interessierte, kulturhistorische Liebhaber und natürlich eingefleischte Volland-Fans in einem großformatigen, prachtvollen, drei Kilo schweren Lebenswerkverzeichnis mit unzähligen Abbildungen und begleitenden Texten und Geschichten von Freunden, Wegbegleitern und Beobachtern (unter anderem Stefan Aust) über das künstlerische Schaffen Ernst Vollands nachlesen, nachempfinden und neu entdecken. Sein Lebenswerk, das mehr als ein halbes Jahrhundert künstlerisches Schaffen überspannt, ist wirklich jede Neuentdeckung wert. Meine Favoriten sind die Eingebrannten Bilder, verschattet-unscharfe Fotografien von vorhandenen Fotoporträts, die sich bereits im Original als Ikonografien des 20. Jahrhunderts in unser Bewusstsein tätowiert haben. Dass Ernst Volland auch zahlreiche Bücher für Kinder wie für Erwachsene gestaltet und bebildert hat, muss noch unbedingt erwähnt werden. Eins aus dem Jahr 2013 trägt den Titel Genussvoll verzichten. Ich bekenne, dass ich sein eindrucksvolles Werkverzeichnis genussvoll verschlungen habe.

Ernst Volland: Eingebrannte Bilder, Plakate, Cartoons, Buntstiftbilder, Fakes und Dokumente. Hirnkost KG, Berlin 2018; 592 S., 59,– €