DIE ZEIT: Sie haben beide eine Monografie über die Erste Republik verfasst. Sie, Lothar Höbelt, nennen sie ein "Provisorium" und Sie, Anton Pelinka, bezeichnen sie als die "gescheiterte Republik", die vor allem an ihrem inneren Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit zerbrochen ist. Inwieweit decken sich Ihre beiden Befunde?

Anton Pelinka: Wir beide meinen, dass der Untergang und der "Anschluss" von 1938 keinem Zufall geschuldet war – er erfolgte nicht zwingend, aber einer gewissen Logik folgend. Der "Anschluss" ist nicht vom Himmel gefallen.

Lothar Höbelt: Wir bedienen uns beide des Begriffs Provisorium. Das muss man dem heutigen Leser klarmachen, der daran gewöhnt ist, die heutigen Grenzen und die heutige Verfassung nicht zu hinterfragen. Das war damals anders: Das Bestehende erschien absurd. Aber während Kollege Pelinka das für den großen Defekt hält, halte ich dieses Manko für nicht so relevant. In mancher Hinsicht hat es die Dinge sogar erleichtert. Etwa bei der ersten Verfassung 1919/20. Wenn ich ein Provisorium erstelle, muss ich den Details keine besondere Beachtung schenken. Ich würde im Unterschied auch nicht sagen, dass die ideologischen Zugänge der Parteien, die in den Sonntagsreden ständig präsent waren, so entscheidend waren.

Pelinka: Es ist natürlich eine offene Frage, wie die Entwicklung verlaufen wäre, hätte die Weimarer Republik in Deutschland überlebt. Die "Anschluss"-Idee hätte eine ganz andere Bedeutung erhalten. Ich verwende ja den Begriff "Flucht aus der Republik": Eigentlich dachten alle Kräfte, die tonangebend waren, an eine Flucht – entweder zurück in die Donau-Konföderation mit Habsburg oder den "Anschluss" an die Weimarer Republik oder fernab jeder Realität in die paneuropäische Fantasie eines Richard Coudenhove-Kalergi. Aber die Verfassung selbst ist erstaunlich nicht provisorisch.

Höbelt: Ich denke, man muss ein stärkeres Gewicht auf die Ökonomie legen. Der entscheidende Punkt, warum die Lager so sehr aneinandergerieten, war der Umstand, dass es nichts zu verteilen gab. Dieser Mechanismus, der in der Zweiten Republik wirksam wird, dass jeder, der etwas von seinen Prinzipien hergeben muss mit materiellen Wohltaten abgefunden werden kann, der existierte damals nicht – einfach weil keine Ressourcen vorhanden waren.

Pelinka: In der ersten Jahren der Zweiten Republik konnte die Verteilungsfrage auch noch nicht gestellt werden. Das war erst später der Fall. Aber da hatte sich bereits die politische Kultur geändert. Doch die Erfahrung der schrecklichen sieben Jahre des NS-Regimes führten dazu, dass beispielsweise jemand wie Julius Raab, der vor 1938 noch ein entschiedener Gegner der demokratischen Demokratie war, nunmehr die Meinung vertrat, dass es von Vorteil sei, mit den Roten die Macht zu teilen – noch bevor es Zuwächse zu verteilen gab.

ZEIT: In Ihrer beider Schilderung erscheint die Ausgangslage der Ersten Republik ziemlich hoffnungslos. Ein Territorium ohne klar umrissene Identität, es herrscht an allem Mangel, es stellt sich die Frage der Überlebensfähigkeit.

Höbelt: Mich erinnert das an eine Szene aus der Yes Minister-Serie. Als dort jemand zum Erzbischof von Canterbury ernannt werden soll, wird der Einwand laut: "Der Mann glaubt ja gar nicht an Gott." Darauf wird entgegnet: "Macht ja nichts, er ist aber nicht gegen ihn." So ähnlich ist es auch hier. Natürlich glaubte niemand an diese Republik, aber es gab zugleich wenig fundamental gegnerische Kräfte. In der "Anschluss"-Frage war relativ bald klar, dass sich die Idee nicht verwirklichen lassen wird. Dadurch wurde die Frage aufgeworfen: Wie lässt sich dieser verwehrte "Anschluss" den Entente-Mächten gegenüber am besten in klingende Münze umwandeln? Der christlich-soziale Stratege Julius Seipel sagte: Indem wir auf französische Wünsche eingehen, bekommen wir etwas. Der Sozialdemokrat Otto Bauer sagte: Indem wir justament auf dem "Anschluss" beharren, werden wir die Entente zwingen, uns etwas zu geben. Beiden Seiten war klar, aus dem "Anschluss" wird nichts. Aber er ließ sich instrumentalisieren.

Pelinka: Auch weil man im Deutschen Reich nichts riskieren wollte. Diese Haltung änderte sich erst 1933, als Hitler an die Macht gekommen war.

Höbelt: Deshalb halte ich diese "Anschluss"-Sehnsucht für einen Mythos. Niemand war tatsächlich daran interessiert.