An Felix Mitterer haben sich lange Jahre die Geister geschieden. Für die einen war er immer ein Heimatdichter und Volksautor, der Ungerechtigkeiten aufzeigte, Außenseitern eine Stimme gab und seiner Heimat Tirol den Spiegel vorhielt. Anderen galt er als Verräter, der sich an Klischees abarbeitete, in Kein schöner Land den Nationalsozialismus in der Provinz thematisierte, zu einer Zeit, als man noch ungern darüber sprach, und in der Piefke-Saga den touristischen Ausverkauf des Landes anprangerte.

Im Februar wurde der Schriftsteller 70 Jahre alt und veröffentlichte seine Autobiografie mit dem unprätentiösen Titel: Mein Lebenslauf.

Mitterer ist ein wunderbarer Erzähler. Und auch über sich selbst schreibt er auf den 500 Seiten so, dass dem Leser ab und an der Atem stockt. Schon kurz nach der Geburt nimmt das Leben des Babys eine wegweisende Wendung: Das Kind wird von der leiblichen Mutter an die beste Freundin "verschenkt", denn die kann selbst keine Kinder bekommen.

Der Junge wächst bei den Adoptiveltern auf, die Mutter prügelt ihn, der Vater geht liebevoller mit ihm um. Das Leben ist hart und ärmlich, doch der kleine Bub entpuppt sich als talentierter Geschichtenschreiber. Ein Lehrer fördert ihn, sorgt dafür, dass er an die Lehrerbildungsanstalt nach Innsbruck kommt – die der junge Mitterer abbricht und dann eine Stelle beim Zollamt Innsbruck annimmt. Der Job soll nur ein Übergang sein, denn längst ist er davon besessen, ein berühmter Schriftsteller zu werden.

Das Buch ist mehr als die Chronologie eines Lebens, wie es der Titel vielleicht vermuten lässt, und auch keine bloße Werkschau. Es ist die Geschichte von Beziehungen, von Freundschaften und Weggefährten. Menschen tauchen auf, werden Teil von Mitterers Leben und verschwinden wieder. Andere bleiben. Und dann sind da noch die Liebesgeschichten, erst mit der Künstlerin Chryseldis, die er 1978 kennenlernt und mit der er 1995 nach Irland zieht – auch um dem Trubel nach dem Erfolg der Piefke-Saga zu entkommen –, und später mit Agnes Beier.

Im Jahr 2010 erwarb Felix Mitterer einen Bauernhof im Weinviertel und kehrte nach Österreich zurück. Heute hat sich die Aufregung um ihn gelegt. Dass der Tiroler zu den begnadetsten zeitgenössischen Schriftstellern Österreichs gehört, daran zweifelt fast keiner mehr.

Felix Mitterer: Mein Lebenslauf; Haymon Verlag, Innsbruck/Wien 2018; 528 S., 29,90 €