Das englische Wort fountainhead bedeutet auf Deutsch "Ursprung" oder "ewige Quelle". Fountainhead ist der Titel eines Romans, den die Schriftstellerin Ayn Rand im Jahr 1943 veröffentlicht hat, und man liegt wohl nicht falsch, wenn man aus diesem Titel einen Doppelsinn heraushört. Denn der Held des Romans ist ein menschlicher fountainhead, ein unsterblicher Ideenquellkopf, aus dessen Hirn nie zuvor gedachte Einfälle sprudeln. Howard Roark, so heißt der Mann, setzt sich als Baumeister in New York gegen die Secondhanders, die Mittelmäßigen durch, welche die Stadt und die ganze Welt beherrschen. Er ist keiner Instanz verpflichtet als dem eigenen Genie, er ignoriert alle Beschränkungen, die auf der Behauptung aufbauen, der Einzelne schulde seiner Gesellschaft etwas, ja der Begriff der Schuld ist ihm völlig fremd.

Fountainhead ist ein in Deutschland nahezu unbekannter Roman (auch wenn 1949 eine Verfilmung mit Gary Cooper herauskam); im Thalia Theater wird er jetzt in einer Fassung des belgischen Dramatikers Koen Tachelet aufgeführt. Warum?

Vermutlich betrachtet man Fountainhead, mit einer im Theater derzeit für Stoffe aus den USA gern verwendeten Floskel, als "Stück der Stunde". Denn die russisch-jüdische Autorin Rand (1905–1982), deren Familie Opfer der Oktoberrevolution wurde und die im Jahr 1926 nach Amerika auswanderte, war eine Frau nach Trumps Geschmack – eine radikale Verfechterin des Liberalismus, deren Romane auf den Nachttisch eines jeden republikanischen Politikers gehören. Rand pries die "Tugend des Egoismus" und den freien Markt und verachtete Altruismus, Mitgefühl und staatliche Fürsorge.

Ist Ayn Rand also nun, da Trump sich sturer an der Macht hält, als viele Europäer es gedacht hatten, die Autorin zur Lage? Versteht man amerikanische Politik, wenn man Fountainhead sieht?

Das Problem an Johan Simons’ Inszenierung besteht darin, dass er darauf keine Antwort gefunden hat. Man begreift nicht, welche Absicht der Regisseur verfolgt. Er will plausibel machen, warum der Roman ein neues Leben auf der Bühne verdient. Andererseits muss er sich von der Ideologie der Autorin distanzieren. Beides gelingt nur unzureichend. So ist dieser fast vierstündige Abend, wenn man es wohlwollend sagen will, die sorgfältige Verspottung jeder Ideologie.

Rands Figuren erklären immerzu, aus welchem Grund sie etwas tun. Sie stöbern in dem blechernen Werkzeugkasten, in dem sich die Argumente befinden, mit denen sie die Widersprüche der Welt kleinkriegen. Das verbissene Gekruschtel in diesem Werkzeugkasten ist schon der ganze Dialog.

Im Wesentlichen geht es um den Kampf zwischen "Schöpfern" und "Parasiten". Zu den Schöpfern zählt neben dem asozialen Baumeister Roark noch der Zeitungsmogul Gail Wynand, der aus dem Nichts ein Volksverdummungskonsortium schuf, welches ihn zum reichsten Mann der Stadt gemacht hat. Diese beiden, der nach Freiheit strebende Roark und der nach Macht verlangende Wynand, sind die Antipoden des Stücks: Ihre Prinzipien krachen aufeinander, wie es in der Antike die Götter taten. Aber sie sind auch das heimliche Liebespaar des Dramas: Sie erkennen, bei aller Gegensätzlichkeit, ihre Nähe – und teilen sich, wie es offenbar nur die ganz großen Geister schaffen, sogar die Frau.

Der Anführer der Parasiten ist ein Zeitungsmann, schlimmer noch, ein Mann vom Feuilleton: Er heißt Ellsworth Toohey und erkennt seine Mission darin, alle hervorragenden Köpfe zu sabotieren, da er das Geniale als fatale Störung des Weltlaufs begreift. Ja, so sind die Zeitungsleute!

Toohey tut alles, um Roark zu vernichten, was ihm fast auch gelänge. Aber Roark triumphiert dann doch, er ist halt der edlere Kopf. Von ihm lernen wir: Das Bauen ist die Übersetzung geistigen Lebens ins Physische – wer eine Stadt baut, ein Gebäude entwirft, der zeigt der Welt sein Inneres.

Rands Figuren bauen Manhattans Häuser, um in den Himmel hinaufzusteigen und von dort auf die Erde herabzudozieren. Im Rausch des Exemplarischen führen sie auch Ehen und bahnen Liebschaften an. Jeder Linienstrich aufs eigene private Lebensskizzenpapier soll Bedeutung haben für das Volk. Wir sehen Standpunkte, auf Figuren abgefüllt. Schwer zu ertragen das Ganze. Fountainhead ist ein Stück im Geist des "Mansplaining", auch wenn eine Frau dahintersteckt. Die Männer geben Auskunft über den komplizierten Motor, der ihr Inneres ist – als hätten sie auch den selbst gebaut. Die Inszenierung zeigt den leeren Furor des "Objektivismus" und Rationalismus, den Ayn Rand gepredigt hat.

Der Abend ist zäh, aber hübsch gespielt. Mit einiger Heiterkeit springt das starke Hamburger Ensemble über Ayn Rands New Yorker Prinzipienschanzen. Sebastian Rudolph stellt einen verblüffend zartfühlenden Machtmenschen dar, den Tycoon Wynand. Und den Howard Roark spielt Jens Harzer. Er ist ein Meister in der Kunst, fremden Text so versonnen aus seinem Inneren steigen zu lassen, als sei er ihm in dieser Sekunde eingefallen – und das mit der körperlichen Eleganz eines Turners, der zum Gerät schreitet. Unter einem dünnen Bart bewegt sich anmutig sein Kiefer, und seine Zähne scheinen immerzu philosophische Nüsschen zu spalten – dieser großzügige Mann lädt die ganze Welt ein, ihm beim Denken zuzusehen. Harzer und sein niederländischer Regisseur Simons verspotten den mächtigen Geist als affektierten Dandy, der am Ende zufrieden damit ist, auf einer Tanzfläche seine Moves zu zeigen. So ist diese etwas müde Inszenierung immerhin ein friedensstiftender Vorgang: die Zähmung eines bis an die Zähne begabten amerikanischen Verrückten durch vereinte europäische Theaterkräfte. Der furchterregende Howard Roark, Vorbild aller Neoliberalen, verwandelt sich zuletzt in eine komische, endlich glückliche Gestalt – und gefällt nicht nur uns viel besser so, sondern auch sich selbst.

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