Was in Gera passiert, ist in der Regel nichts, was über Gera hinaus bemerkenswert wäre. Aber dieses Mal ist in der thüringischen Stadt doch etwas Beachtliches geschehen: In einer Region, in der auf das Anwachsen der AfD geschaut wurde, als sei es unausweichlich, fuhr ein aussichtsreicher AfD-Kandidat soeben eine veritable Niederlage ein. Der Gewinner machte vor: Eine Mehrheit ist möglich – jenseits der AfD.

Bis in die Stichwahl hatte es der AfD-Bewerber für das Oberbürgermeisteramt geschafft, selbst manche Medien hielten ihn für den Favoriten – bis er vorigen Sonntag seinem Gegner mit einem Drittel zu zwei Dritteln der Stimmen unterlag. Wie es dazu kam, das interessiert jetzt vielerorts: In Guben in Brandenburg hat schon kommendes Wochenende ein AfD-Kandidat Chancen, zum Bürgermeister gewählt zu werden; im Landkreis Spree-Neiße könnte ein AfD-Mann sogar Landrat werden. Und 2019 stehen Landtagswahlen in Thüringen, Brandenburg und Sachsen an.

Dass die AfD in den neuen Ländern bisweilen irrwitzige Stimmenzuwächse feiern konnte, dass es ihr mancherorts sogar gelungen ist, relativ gesehen, stärkste Partei zu werden – das hat sie unter Beweis gestellt. Doch Gera hat einmal mehr eine magische Grenze für die Populisten zementiert: Deutlich mehr als 30 Prozent konnte die AfD kaum je erreichen. Was also hat ihre Konkurrenz hier richtig gemacht?

Allen in Ostdeutschland dürfte inzwischen klar sein, dass es längst kein Bonus mehr ist, einer etablierten Partei anzugehören. Schlimmer noch: Es kann sogar zum Makel werden. Die von der CDU unterstützte Amtsinhaberin in Gera war schon in der ersten Runde abgewählt worden, genauso wie die Kandidaten von SPD, Grünen und der Linken. Julian Vonarb, der Wahlgewinner und künftige OB, trat sogar aus seiner Partei aus, bevor er sich zur Wahl stellte. Er war jahrelang Mitglied der CDU gewesen.

Gleichzeitig muss es in den neuen Ländern kein Makel mehr sein, als Westdeutscher in eine Wahl zu gehen. Zwar diskutierte zuletzt das halbe Land über die Repräsentation der Ostdeutschen in der Politik. Und doch entschieden sich die Bürger von Gera für einen Westdeutschen: Julian Vonarb, gelernter Bankkaufmann, ist in Freiburg geboren, kam 2003 in den Osten. Ein Bänker aus Baden-Württemberg mit CDU-Vergangenheit: Das entspricht nicht gerade jenem Profil, nach dem Wahlkampfexperten einen Politiker für Thüringen casten würden. Aber man kann eben auch als Vertreter des Establishments gegen das Establishment gewinnen.

Solange man eines nicht überschätzt: die Bereitschaft ostdeutscher Wähler, Zumutungen hinzunehmen. Viele missverstehen die hohen Wahlergebnisse der AfD als Ausdruck eines gesteigerten Veränderungswunsches. Es ist aber gerade das Gegenteil der Fall: Es gibt eine Sehnsucht nach Beständigkeit in Ostdeutschland. Gerade deswegen wurde hier die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin so kritisiert: Weil viele Bürger die damit verbundenen Veränderungen nicht wollten. Zukunft haben jene Politiker – und seien sie noch so unbekannt –, die versprechen, das Bestehende zu verteidigen. Alter Wein von neuen Winzern gewissermaßen.

Geras künftiger Oberbürgermeister bestritt seinen Wahlkampf denn auch nicht mit innovativen Ideen, sondern mit eher braven Konzepten. Das Bemerkenswerteste an der Stichwahl von Gera aber war, was hier dieses Mal nicht passierte: Kein Bundespolitiker oder Schauspieler, kein Musiker oder anderweitig Prominenter warnte die Bewohner vor den Folgen einer AfD-Machtübernahme. Das lag vielleicht daran, dass der Geraer AfD-Kandidat vergleichsweise moderat auftrat. Jedenfalls lässt sich besser Wahlkampf machen gegen die AfD, wenn man sich permanente Hinweise auf die Gefährlichkeit dieser Partei verkneift.

Nicht falsch verstehen: Natürlich darf man über die AfD nicht hinweggehen, als wäre sie die Auseinandersetzung nicht wert. Ignoranz goutieren Wähler sicher nicht. Aber Gelassenheit kann sie beeindrucken.