Es ist bloß eine Fußnote: Gerd Kroske, Autor des Dokumentarfilms SPK Komplex, lässt sich Polizeiwaffen zeigen, fein säuberlich aufgereiht hängen sie an der Wand, wie im Museum. In den sechziger Jahren trugen Polizisten ihre Waffe in einer Pistolentasche, später im Holster für den schnellen Zugriff. Einige Einstellungen vorher erfuhr der Zuschauer, ein Unbekannter habe beim Sozialistischen Patientenkollektiv (SPK) eine Waffe auf den Tisch geknallt: "Es ist Zeit für den bewaffneten Kampf." Ein halbes Jahr später wird Wolfgang Huber, Kopf des SPK, verhaftet.

Huber war Assistenzarzt in der Sozialpsychiatrie der Uni Heidelberg; Patienten, denen er nicht helfen konnte, überwies er ins Landeskrankenhaus, wo sie mit Elektroschocks malträtiert wurden. Bald fühlt er sich als Komplize der "Verwahrpsychiatrie" und gründet mit 52 Patienten 1970 das Sozialistische Patientenkollektiv. Rasch eskaliert der Konflikt mit Uni, Landesregierung und Polizei; für das SPK ist eine Seelenstörung nun ein Beweis für die Verrücktheit des Systems, eine Art objektiver Wahn. Auch von Revolution ist fortan die Rede: "Es darf keine therapeutische Tat geben, die nicht zuvor als revolutionäre Tat ausgewiesen wurde." Im Sommer 1971 findet die Polizei im "Hauptsitz" des SPK Waffen, einige Mitglieder schließen sich der RAF an. Der Staat reagiert auf die "kriminelle Vereinigung" so, als stehe der Zusammenbruch der BRD stündlich bevor. "Ein Umsturz mit den paar Hanseln?", fragt eine Anwältin. Polizisten tragen nun Maschinenpistolen.

Kroske hat einen äußerst diskreten Film über das SPK gedreht, er hat Anwälte, Richter, Politiker und andere Zeitzeugen befragt. Die ehemaligen Patienten, die ihm Auskunft geben, sind Huber bis heute dankbar; er sei der Erste gewesen, der ihnen zugehört und sie nicht sofort für gestört erklärt habe. Huber selbst kommt in Tonbandaufnahmen zu Wort, es sind Zeugnisse eines zutiefst Gekränkten. Lange ist in einem Film nicht mehr so intensiv geschwiegen worden, und dieses Schweigen handelt auch von schwerer Schuld. Warum waren junge Leute, die doch in jedem Patienten "den Menschen sehen wollten", bereit zu töten?

Kroske hat dafür keine Erklärung, er beschreibt nur die Umstände. Die Uni Heidelberg hatte sich maßgeblich am "Euthanasie"-Programm beteiligt; unzählige NS-Täter waren wieder in Amt und Würden, in den Augen der Studenten war das unerträglich. Sie lasen Foucault, Basaglia und immer wieder Hegels Systemphilosophie; in der postfaschistischen BRD war nicht der Einzelne krank, krank war das System. Am Ende des Films bemerkt jemand lapidar, die Heidelberger Gesellschaft sei zu borniert gewesen, um diese intelligenten, moralisch hochempfindlichen Menschen zurückzuholen. Aber wie auch? Sie galten ja als politisch Verrückte. Als Huber sich im Gefängnis gegen seine Zwangsernährung wehrt, notiert ein Polizist, der Mann sei irre geworden.