In dieser Serie stellen wir ökonomische Theorien und Einsichten anhand von Grafiken vor. Manche sind historisch, manche neu, alle einflussreich.

Der amerikanische Nobelpreisträger Paul Krugman wählte sie 2015 zur wichtigsten Grafik des Jahres. Die Nachrichtenagentur Bloomberg verkündete 2016: "Bereiten Sie sich darauf vor, diese Kurve wieder und wieder zu sehen." Medien rund um die Welt, ob CNN, BBC, die ZEIT oder die Washington Post , präsentierten sie ihrem Publikum. Die "Grafik, die alles erklärt", wie der Tagesspiegel schwärmte. Trump, Brexit, AfD – alle diese politischen Beben ließen sich verstehen, wenn man nur diese eine Kurve gesehen hätte.

Die Rede ist von der Elefanten-Kurve. Den Namen verdankt sie ihrer eigentümlichen, an einen Elefanten erinnernden Form. Sie zeigt, wer die Gewinner der Globalisierung sind und wer die Verlierer. So scheint es jedenfalls. So wird sie politisch benutzt. Was diese Kurve wirklich verrät, ist allerdings umstritten.

Die Ökonomen Christoph Lakner und Branko Milanović veröffentlichten sie erstmals 2013 auf Seite 31 eines Forschungspapiers der Weltbank. Darin untersuchten die Forscher die globale Einkommensverteilung. Sie fügten Daten aus 130 Ländern zusammen und sortierten alle Menschen je nach Höhe ihres Einkommens – von dem am wenigsten verdienenden Hundertstel der Weltbevölkerung bis zum obersten Hundertstel. Dann schauten Lakner und Milanović, wie sich die jeweiligen Einkommen über einen Zeitraum von 20 Jahren, zwischen 1988 und 2008, verändert hatten.

Die Elefanten-Kurve

Lesehilfe: Auf der waagerechten Achse sind Einkommensgruppen markiert. Ganz links befinden sich die Ärmsten der Weltbevölkerung, ganz rechts die Reichsten. Die Kurve zeigt an, wie stark das Einkommen der jeweiligen Gruppe zwischen 1988 und 2008 gewachsen ist.

© ZEIT-Grafik

Das Ergebnis ist die auf dieser Seite abgebildete Kurve mit dem großen Buckel und der aufsteigenden Linie vorne, die an einen Rüssel erinnert. Auf der waagerechten Achse sind die verschiedenen Einkommensgruppen abgetragen, vom Hundertstel mit dem geringsten Einkommen ganz links bis zu dem mit dem höchsten ganz rechts. Die senkrechte Achse zeigt den prozentualen Einkommenszuwachs der jeweiligen Gruppe in dem 20-Jahres-Zeitraum. Man sieht, dass die Einkommen im mittleren Bereich dieser Weltgesellschaft um etwa 50 bis über 70 Prozent gestiegen sind. Dabei handelt es sich um einen realen Zuwachs, also nach Abzug der Inflation. Außerdem stiegen die Einkommen der Bestverdiener ganz am rechten Rand um mehr als 60 Prozent. Zwischen der Mitte und den Top-Verdienern tat sich fast nichts. In diesem Bereich stagnierten die Einkommen 20 Jahre lang oder wuchsen nur minimal.

Wer gehört zu dieser Gruppe? Hier sind insbesondere Menschen aus der Mittelschicht der Industriestaaten zu finden. Etwa amerikanische Stahlarbeiter oder französische Verwaltungsangestellte. Sie sind die Verlierer der vergangenen Jahrzehnte. Die Botschaft der Elefanten-Grafik lautet daher: Den Armen in aller Welt hat die Globalisierung genützt, ebenso wie den Superreichen, aber nicht der Mittelschicht in den Industriestaaten. Deshalb Brexit, deshalb Trump, deshalb AfD.

Das ist die gängige Interpretation der Elefanten-Kurve. Sie scheint einleuchtend, ist aber wohl falsch. Schon im September 2016 veröffentlichte der britische Ökonom Adam Corlett eine Analyse, die zeigt, welche Tücken diese Grafik birgt. Corlett arbeitet für die Resolution Foundation, eine Stiftung, die sich mit Armut und der Mittelschicht in Großbritannien beschäftigt. Das erste Problem, auf das Corlett hinweist, betrifft die Auswahl der Länder für die Elefanten-Kurve. Die im Jahr 1988 betrachteten Länder sind nicht mit denen im Jahr 2008 identisch. Nur für 60 der 130 Staaten hätten vergleichbare Daten vorgelegen.

Zweitens wuchs die Bevölkerung in den armen Weltregionen weit stärker als in den Industriestaaten. Allein deshalb hat sich die Position vieler Menschen in der Einkommensverteilung verschoben. Weil in den armen Ländern so viele Menschen neu geboren wurden, wanderten die Bürger der Industrieländer bei dieser Form der Darstellung weiter nach rechts in Richtung des bestverdienenden Hundertstels der Weltbevölkerung – völlig unabhängig von ihrer Einkommensentwicklung.