Jeder Mensch hat sie. Objekte, die ihn durchs Leben begleiten. Alte Kinderschuhe oder vielleicht ein Schmuckstück. Kleine Hässlichkeiten können es natürlich auch sein, irgendein Tand, an dem eine goldene Erinnerung klebt. Auch Günter Ziegler schleift so ein Objekt durch sein Leben, jedenfalls durch sein Berufsleben. Eine Smarties-Tasse. Darauf: Balu, der Bär, und Mogli aus Disneys Dschungelbuch, drum herum Pflanzengrün und der Schriftzug der Schokolinsen, die Farben sind von tausend Spülmaschinengängen fast bis zur Unkenntlichkeit verblasst. Als Doktorand hat er diese Tasse mal an einem Berliner Kiosk gekauft und fortan von Büro zu Büro getragen. Jetzt, 25 Jahre später, will Ziegler das Präsidium der Freien Universität Berlin beziehen, das Chefbüro. "Die Tasse muss mit."

Ziegler, 54, steht auf der Terrasse des Mathematischen Instituts, als er das sagt. Es ist Dienstagmittag, ein Uhr, da trifft er sich hier immer auf ein kleines Kaffee-und-Kekse-Stelldichein mit seinen Mitarbeitern. Doktorandinnen und Gastforscher hocken zusammen, fachsimpeln eine halbe Stunde über ihre Projekte. Sonne und Stimmengewirr, Ziegler mittendrin. Klar, warum er an der Tasse festhält: Sie erinnert ihn an eine Zeit, in der er selbst ein junger Forscher war, erkenntnisgetrieben, fokussiert, sich als jungen Mann und Wissenschaftler entdeckend. Und Wissenschaftler sein, darin sieht Ziegler die Substanz dessen, was er künftig machen will – ganz generell. Konkret dürfte für höhere Mathematik dann kaum noch Zeit sein im Leben eines Wissenschaftsmanagers mit Aktenordnern und Limousine und Manschettenknöpfen. Und mit Grußworten, die er nicht als Günter Matthias Ziegler spricht, sondern als Präsident der Freien Universität Berlin.

Es soll aber auch ein Leben sein, in dem die Smarties-Tasse weiterhin ihren Platz hat. Auch das Plaudern mit jüngeren Kollegen, die Faszination für die Forschung und sein Fahrrad, mit dem er bislang immer zur Uni radelt. Nicht wenige meinen zu wissen, wie das geht: eine Universität leiten. Günter Ziegler ist da anders. Er fragt erst mal: Wie geht das? Geht es besser, vielleicht auch anders?

Eine Gegenkandidatin! Das brachte Schwung an die FU

Als Anfang des Jahres bekannt wurde, dass Ziegler sich auf das Amt bewerben will, gab es Nicken und Zustimmung allerorten, auch über Berlin hinaus: Na klar, der Ziegler! Das ist doch dieser Mathematiker. Der mit den vielen Preisen. Und den populären Sachbüchern. Gut vernetzt mit der Berliner Politik. Ein begnadeter Wissenschaftsvermittler. Der Ziegler, der würde der Richtige sein, weil er einen neuen Typus Führungskraft in der Wissenschaft verkörpert. Vielgestaltig, kommunikationsstark. Selbstbewusst und selbstreflektiert. Ein Typus, der die Insignien der Macht, die das Amt mitbringt, zwar annimmt, weil sie nun mal dazugehören. Der aber auch weiß, dass sich die Universitäten im Umbruch befinden, dass alte Traditionen nicht mehr unbegründet gelten. Auch nicht jene, wonach Wahlen Formsache sind.

Drei Kandidaten hatte der Akademische Senat der FU Berlin im Februar zum Vorsprechen eingeladen, zwei zogen anschließend ins Rennen: Günter Ziegler und Tanja Brühl – Politologin und Vizepräsidentin der Universität Frankfurt am Main. Eine Gegenkandidatin! Das brachte Schwung an die FU, erinnerte an die demokratischen Grundfeste dieser Institution. Für Mittwoch dieser Woche, nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe, war die Wahl angesetzt. Zwar galt Ziegler als gesetzt, aber die Wochen vor der Wahl haben ihn aus der Reserve gelockt.

Der Sieger muss sich auf eine Präsidentschaft in unruhigen Zeiten einstellen. Die Zahl der Studierenden wächst stetig, die Forschung digitalisiert sich, das Vertrauen in die Wissenschaft wird von politischen Kräften zur Disposition gestellt. "Ich will diesen Umbruch gestalten", sagt Ziegler. Wie er sich seine erste Amtshandlung vorstellt? Profan und zukunftsweisend zugleich: "Mein Team wird aus Menschen mit Kindern bestehen. Ein Meeting vor acht Uhr wird es nicht geben. Auch keine Abendsitzungen."

In diesen Wochen vor der Wahl und vor dem avisierten Amtsantritt im Juli steckt Ziegler in einer Übergangsphase, in der die Aura des Amtes täglich näher an ihn heranrückt. Man spürt das gut an diesem Apriltag, an dem Ziegler von Termin zu Termin eilt und alle paar Stunden ein anderer wird: morgens Präsident in spe, dem andere Uni-Chefs schon jetzt vertraulich zunicken. Mittags Doktorvater. Nachmittags Professor für Mathematik.