ZEIT: Das klingt sehr vernünftig, Zahra. Bist du nicht neidisch auf andere, die mehr haben als du?

Zahra: Neid ist ein extremes Wort. Ich finde nicht, dass mir etwas fehlt, obwohl ich weiß, dass sich der Lebensstandard unserer Familie von dem anderer Leute unterscheidet. Was ich wirklich vermisse, ist ein eigenes Zimmer.

ZEIT: Du teilst dir eins mit deinen Schwestern?

Zahra: Ja, und die sind oft sehr laut. Dann gehe ich ins Wohnzimmer, aber da unterhalten sich meine Eltern. Also mache ich mit Kopfhörern und Musik meine Hausaufgaben.

ZEIT: Wie groß ist eure Wohnung?

Zahra: Dreieinhalb Zimmer, aber das halbe Zimmer ist eine Abstellkammer. Wir überlegen gerade, ob wir das für mich renovieren.

ZEIT: Wann habt ihr zum ersten Mal bewusst über Besitz und Wohlstand nachgedacht?

Lando: In meinem Auslandsjahr in Kanada war ich an einer ganz normalen Schule in einer durchschnittlichen Stadt. Dort gab es auch Kinder aus einem Trailer-Park, und während ich mir in der Cafeteria holen konnte, was ich wollte, weil meine Eltern mir in Deutschland jede Woche Geld auf meine Karte geladen haben, bekamen diese Kinder nur einen Apfel und ein Brot, bezahlt vom Staat. Das fand ich krass, und mir ist klar geworden, dass das, was ich zu Hause erlebe, nicht normal ist. Meine Mutter sagt immer: "Du kannst dich glücklich schätzen. Wir kratzen am obersten Zehntel Deutschlands." Das Schlimmste, was mir finanziell passieren kann, ist, dass wir mal ein Jahr nicht in den Skiurlaub fahren können.

Zahra: In der Grundschule waren alle noch ziemlich gleich. Aber mit dem Wechsel zur fünften Klasse wurden Marken immer wichtiger. In der sechsten Klasse habe ich meine Mutter gefragt, ob sie mir nicht auch mal Markenschuhe kaufen könnte.

ZEIT: Wie war das dann, welche zu besitzen?

Zahra: Gut. Weil es sich so angefühlt hat, als wäre man mit den anderen gleichgestellt. Ich glaube, das ist für ein Kind ein prägender Moment.

ZEIT: Und jetzt sind dir Markenklamotten wieder egal?

Zahra: Ich trage immer noch Markenschuhe. Einfach weil sie länger halten. Die ersten damals hatte ich vier Jahre, weil ich wirklich sehr behutsam mit ihnen umgegangen bin.

Lando: Vier Jahre ein Paar Schuhe hatte ich noch nie im Leben. Unvorstellbar.

ZEIT: Bei dir, Zahra, sind beide Eltern krank, können nicht mehr arbeiten. Ihr lebt von Hartz IV und einer Frührente. Was hat sich dadurch verändert?

Zahra: Weil meine Eltern schon sehr lange nicht mehr arbeiten können, habe ich das gar nicht so bemerkt, dafür war ich zu klein. Aber für sie war der Unterschied sehr groß. Die fühlen sich manchmal schuldig, dass sie uns nicht den Lebensstandard bieten können, den andere haben.

ZEIT: In Deutschland hängt der Schulerfolg ganz wesentlich von der Herkunft eines Kindes, also von seinem Elternhaus ab. Würdet ihr aus eigener Erfahrung sagen, dass das stimmt?

Zahra: Es kommt nicht darauf an, was die Eltern arbeiten, sondern darauf, wie gebildet sie sind. Kann ja sein, dass man viel Geld verdient, wenn man ein Restaurant leitet, aber trotzdem keine richtige Bildung hat. Und es kommt darauf an, wie motiviert die Eltern sind, einem zu helfen. Meine Mutter hat Germanistik studiert, mein Vater eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker gemacht, sie haben mir immer geholfen.

Ricarda: Ich hasse es, wenn meine Eltern sich in meine Hausaufgaben einmischen. Schule sollte nicht so viel mit den Eltern zu tun haben. Allerdings habe ich eine Zeit lang Hilfe wegen meiner Lese-Rechtschreib-Schwäche bekommen. Ohne die finanzielle Unterstützung meiner Eltern wäre das nicht gegangen.

Matin: Solange die Eltern genügend Geld haben, dem Kind einen Schreibtisch und Schulsachen zu kaufen, reicht das eigentlich. Ansonsten ist das Kind auf sich allein gestellt in der Schule.

ZEIT: Wie erklärt ihr euch dann, dass es in Billstedt nur 28,5 Prozent aller Kinder aufs Gymnasium schaffen, in Blankenese aber 77,5 Prozent?

Lando: Weil Elternhaus und Schulerfolg eben nicht voneinander entkoppelt sind. Allein mein Auslandsjahr in Kanada: Das haben mir meine Eltern bezahlt, und das hat mir viel gebracht, Lebenserfahrung, Englischkenntnisse. Auch dass ich auf dem Gymnasium war, hat mit Sicherheit mit meinem Elternhaus zu tun. Eine Empfehlung hatte ich jedenfalls nicht.

Matin: Uns sagte mal eine Lehrerin, dass unser Gymnasium in Billstedt eigentlich gar nicht existieren sollte, weil man davon ausgeht, dass in Billstedt eh keine Leute leben, die es aufs Gymnasium schaffen. Bildung steht hier in vielen Familien sicher nicht an erster Stelle, da geht es zunächst darum, dass genügend Essen auf den Tisch kommt. Und dann fehlt natürlich oft die schulische Unterstützung durch die Eltern. Trotzdem ist es hart, so was von einer Lehrerin zu hören.

Zahra: Es hat viel mit dem Migrationshintergrund zu tun. Je schlechter die Eltern Deutsch sprechen, desto weniger können sie ihre Kinder unterstützen.

ZEIT: Gab es Situationen in der Schule, in denen ihr dachtet: "Jetzt bräuchte ich zu Hause jemanden, der sich für mich einsetzt"?

Lando: Meine Eltern haben teilweise vor meinen Mathe-Hausaufgaben gesessen und mit mir geheult, weil ich es nicht hinbekommen habe. Die haben mich immer unterstützt, und wenn es um Praktika ging, hat meine Mutter gesagt: "Ich kenn da jemanden, meld dich da mal."

Zahra: Praktika? Da hieß es bei mir oft: "Dein Kopftuch schreckt die Klienten ab."

ZEIT: Wo hast du dich beworben?

Zahra: Bei einer Anwaltskanzlei, im Kindergarten, in der Grundschule, bei Banken, Apotheken. Nur Ablehnungen. Dabei sind meine Noten sehr gut. Das war so deprimierend. Manche haben die Bewerbung gar nicht erst angenommen oder haben sich Ausreden ausgedacht, bis den Platz dann eine Klassenkameradin ohne Kopftuch bekam.

Ricarda: Ich weiß nicht, ob man das fragen kann, ich frag es trotzdem: Wieso trägst du ein Kopftuch?

Zahra: Unsere Mutter hat meine Schwestern und mich nicht dazu gezwungen, wenn du das meinst. Aber sie trägt eins, und ich wollte so sein wie sie. Die ersten Jahre, als ich zehn, elf war, habe ich es getragen, ohne wirklich zu wissen, wieso. Später, als ich mehr darüber wusste, wollte ich es tragen, um zu zeigen, dass es nicht für Unterdrückung steht. Ich habe mich selbst dazu entschieden.

Lando: Hast du schon mal überlegt, es abzulegen?

Zahra: Immer nur für einen kurzen Moment – meist dann, wenn Leute mich deshalb abgelehnt haben. Aber im selben Moment kommt dann auch der Gedanke: "Wieso will ich etwas mit Leuten zu tun haben, die mich wegen meines Kopftuches ablehnen?"