Ricarda: Meine Mutter ist ein Riesenvorbild für mich, sie hat ihre Apotheke aufgebaut, während sie schwanger und mein Bruder gerade mal ein Jahr alt war. Mein Vater ist mit seinem Erfolg als Unternehmer schon fast ein bisschen unerreichbar geworden, rational gesehen werde ich es nie so weit bringen wie er. Meine Eltern sagen zwar: "Ricci, versuch’s gar nicht erst, ist nicht schlimm, wir erwarten das nicht." Aber ich frag mich trotzdem: Wie kann ich das schaffen?

Lando: Man müsste fast so jemand wie Bill Gates sein, um an die eigenen Eltern ranzukommen. Also gefühlt. Das macht einem viel Stress.

Zahra: Das sind Probleme, über die ich noch nie nachgedacht habe. Dass Leute diesen Stress haben. Gleichzeitig kann ich aber verstehen, dass man genauso oder besser als seine Eltern werden möchte. Damit die einen anerkennen und man sich selbst anerkennen kann.

ZEIT: Wollt ihr eure Eltern auch übertreffen?

Matin: Mein Vater hat jetzt keinen so großartigen Beruf, aber ich bewundere ihn für seine Hartnäckigkeit. Der ist sein ganzes Leben ein richtiges Arbeitstier gewesen. Hat sich hochgearbeitet.

Zahra: Meine Eltern möchten gern in mir ihren Traum vom Arbeiten in Deutschland weiterleben, das ist auch ein ziemlicher Druck. Mein Vater möchte, dass ich in die Wirtschaft gehe, weil er das selber nicht machen konnte. Meine Mutter wünscht sich, dass ich Medizin studiere.

ZEIT: Wie gehst du damit um?

Zahra: Einerseits möchte ich das respektieren, um sie nicht zu enttäuschen. Aber andererseits möchte ich mich nicht zu sehr von ihnen beeinflussen lassen. Ich muss mir ja auch vorstellen können, diesen Beruf 40 Jahre auszuüben.

ZEIT: Habt ihr konkrete Träume, die ihr verfolgt?

Matin: Ich bin noch unschlüssig, was ich mal machen will.

Zahra: Ich auch. Studieren würde ich gerne.

Ricarda: Mein Traum ist es, im Ausland zu studieren. Wirtschaft, Geschichte oder Philosophie.

ZEIT: Nicht Pharmazie wie deine Eltern?

Ricarda: Nee. Also na ja, mal sehen.

Lando: Ich würd am liebsten etwas Geisteswissenschaftliches studieren, in Berlin vielleicht. Eigentlich ist es egal, was ich später mal mache, solange ich irgendeine feste Bestimmung habe, von der ich sagen kann: Das bin wirklich ich.

ZEIT: In Deutschland studieren 77 von 100 Akademikerkindern und nur 23 Prozent der Kinder von Eltern, die nicht studiert haben. Wie würdet ihr Deutschland gerechter machen?

Lando: Wir haben extrem gute Lehrer an unserer Schule, weil sie einen tollen Ruf und eine lange Tradition hat. Manchmal erzählen uns Lehrer, dass sie von Brennpunktschulen weggegangen sind, weil sie den Kindern dort erst einmal beibringen mussten, für welche Werte Deutschland steht. Es ist aber gerade für diese Schüler tragisch, wenn die ambitionierten Lehrer in die Schulen der besseren Viertel abwandern. Eigentlich müsste es egal sein, wo man zur Schule geht – am Ende sollten alle mehr oder weniger das Gleiche wissen.

Zahra: Aufklärung ist jedenfalls ganz wichtig, gerade wenn die Eltern etwas anderes vermitteln. Diesen Schülern zu erklären, wofür Deutschland steht, dafür braucht es gute Lehrer.

ZEIT: Wenn es um Chancengleichheit geht, wird schnell mehr Geld gefordert. Bringt das was?

Zahra: Bei uns gibt es schon viele Angebote im Nachmittagsbereich. Zum Beispiel Nachhilfe. Aber die bringt nichts, wenn die Motivation bei den Schülern fehlt. Man kann nicht immer sagen, dass die Schulen schuld an schlechten Schülern sind.

Matin: Es nützt nichts, dass die Schule Tausende Förderkurse anbietet, wenn jemand nicht lernen will. Wozu sollte man dann versuchen, ihm etwas einzuhämmern?

Lando: Es kann auch nicht jeder – meine Meinung – Akademiker sein. Wir haben ja jetzt schon einen Handwerkermangel in Deutschland. Das ist allerdings sehr egoistisch, wenn ich das so sage, weil ich selbst niemals Handwerker werden will.

Ricarda: Mein Bruder hat die Schule mit dem Realschulabschluss beendet und wird jetzt Forstwirt. Und er ist superglücklich damit.

ZEIT: Habt ihr vor etwas Angst, wenn ihr an eure Zukunft denkt?

Zahra: Zu scheitern ist mit die größte Angst, die man haben kann.

Ricarda: Klar habe ich Angst vorm Versagen. Und ein bisschen auch vor mir selbst. Ich bin besser darin, ganz viele Dinge schnell zu machen, als eine Sache richtig gut. Das funktioniert im Berufsleben aber nicht mehr.

Lando: Ich hab, was die nähere Zukunft angeht, keine Angst. Ich hab das Gefühl, dass ich alles hinbekommen kann, auch dank meines Umfeldes. Ich weiß ja, dass mich meine Familie immer auffangen würde. Das Einzige, wovor ich mich fürchte, ist die Schere zwischen Arm und Reich. Dass uns irgendwann unser Wohlstand genommen wird.

ZEIT: Wie meinst du das?

Lando: Vieles ist ja schon extrem ungerecht. Man könnte schließlich auch sagen, anstatt dass Ricci und ich ein Jahr ins Ausland gehen, gehen alle Schüler für drei Wochen ins Ausland. Das wäre schon gerechter. Wenn die Privilegien der einen aber so groß bleiben und die anderen bestimmte Möglichkeiten nie haben werden, werden die Leute irgendwann sagen: Es reicht! Ich kann das verstehen, und doch ist es eben auch eine Angst: dass Familien wie meine dann alles verlieren. Ich weiß, das klingt extrem.

ZEIT: Ihr vier seid in Hamburg aufgewachsen, etwa 25 Kilometer voneinander entfernt. Trotzdem haben eure Leben kaum Überschneidungspunkte. Ist das ein Problem?

Ricarda: Es ist bescheuert, dass wir so wenig voneinander wissen. Zum Beispiel die Fragen zum Kopftuch, die ich Zahra stellen konnte, dazu hatte ich noch nie die Möglichkeit.

Zahra: Ich freu mich, dass du mich gefragt hast. All die Vorurteile gibt es ja deshalb, weil der Kontakt zueinander fehlt. Wir sind gleich alt, und wir haben mehr oder weniger denselben Druck, der auf uns lastet. Dass wir uns austauschen konnten, hat mich irgendwie weitergebracht.

Lando: Geht mir genauso. Dieser Austausch fehlt in unserer Generation – und in der Gesellschaft.

Matin: Wenn man sagt: "Billstedt oder Blankenese – das sind zwei fremde Welten", dann sollte man einfach losgehen und etwas über diese Welten herausfinden.

ZEIT: Wenn ihr ein ernsthaftes Interesse aneinander hättet, dann müsstet ihr jetzt aktiv werden, den Weg zueinander suchen. Aller Voraussicht nach wird das nicht passieren – warum?

Lando: Weil wir ja wirklich aus verschiedenen Welten kommen. Die Vorurteile haben nun mal einen Kern. Wenn man ehrlich ist, da bleibt eine Mauer.