Ein Museum, das dem Kommunismus huldigt – mitten in Brüssel! Gefördert von der Europäischen Union, hofiert von ihren Repräsentanten, erdacht von einem Deutschen: Träfen die Vorwürfe zu, die dem Haus der Europäischen Geschichte gemacht werden, dann müsste man dort, im Herzen des Europaviertels, einen handfesten Skandal besichtigen können.

Dieser Skandal erscheint in den Augen des polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki so groß, dass er seine Kollegen darauf aufmerksam machte. In der exklusiven Runde der Staats- und Regierungschefs der Union, in der für gewöhnlich die ganz großen Themen verhandelt werden, der Krieg in Syrien etwa oder die Zukunft des Euro, ergriff Morawiecki, gerade frisch im Amt, im vergangenen Dezember das Wort und beschwerte sich – über das Haus der Europäischen Geschichte.

Dieses Haus folgt einer kühnen Idee. Es will die Geschichte Europas in einer europäischen Perspektive darstellen, nicht als Summe seiner nationalen Geschichten. Das Haus solle "der Erneuerung unseres europäischen Selbstverständnisses" dienen, versprach Hans-Gert Pöttering 2009. Der deutsche CDU-Mann war damals Präsident des Europaparlaments, das Haus der Europäischen Geschichte ist seine Erfindung.

Fast zehn Jahre lang haben Historiker und Kuratoren aus den verschiedenen Ländern der EU um das Projekt gerungen. Im vergangenen Mai feierte man dann endlich die Eröffnung.

Wer offiziösen EU-Klimbim befürchtet, wird angenehm überrascht. Die Ausstellung bemüht sich durchweg um eine kritische Verdichtung. Die zurückliegenden 200 Jahre europäischer Geschichte werden auf 4.000 Quadratmetern konzentriert und wesentlich verknappt.

Den chronologischen Abschnitten ist eine kleine Vitrine vorangestellt. Darin versuchen die Ausstellungsmacher zu definieren, was den Kontinent ausmacht. Europas Sein und Erbe, pointiert in zweimal 14 Objekten. Eine kleine Aristoteles-Büste repräsentiert die Philosophie, daneben ein Foto von Slavoj Žižek. Für die Aufklärung stehen Diderots Encyclopédie und die Kartierung des menschlichen Genoms. Rechtsstaatlichkeit, Kolonialismus, Humanismus, Kapitalismus, Marxismus, Nationalstaat oder Völkermord werden auf die gleiche Art verhandelt.

Auf der zweiten Ebene wird das Trümmerfeld besichtigt. Nationalsozialismus und Stalinismus stehen einander gegenüber und werden recht eng geführt, enger, als man es im Westen Europas gewohnt ist. Und mittendrin, noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, kündigt sich das Motiv an, das im Weiteren immer deutlicher hervortritt: ein europäischer Musterausweis, die Carte de Nationalité Européenne, ausgestellt am 20. Oktober 1933 in Lüttich, daneben eine fiktive gesamteuropäische Münze, geprägt schon 1928. Fast hätte man sie übersehen.

Vor allem zwei Instanzen haben ihre Kritik in Brüssel hinterlegt, die polnische Regierung und die Platform of European Memory and Conscience, ein Zusammenschluss verschiedener Forschungs- und Gedenkstätten aus 20 Ländern mit Sitz in Prag.

Am 25. September 2017 schrieb der polnische Minister für Kultur und nationales Erbe, Piotr Gliński, an den Präsidenten des Europaparlaments Antonio Tajani, das Haus der Europäischen Geschichte sei es "nicht wert, diesen Namen zu tragen und unter der Schirmherrschaft des Europäischen Parlaments zu stehen". Zu diesem Zeitpunkt hatte Gliński die Ausstellung noch gar nicht gesehen. Er machte sich einfach die Kritik zu eigen, die polnische Historiker und Journalisten zuvor geäußert hatten: Deutschland erscheine als größtes Opfer des Zweiten Weltkriegs, den Kommunismus stelle das Museum "in einen positiven Zusammenhang". Die Rolle des Christentums werde "selektiv und negativ" beschrieben, Papst Johannes Paul II. gar nicht erwähnt und die Geschichte der polnischen Nation verkürzt. Die Kritik des Ministers gipfelt in einem scharfen Vorwurf: "Es scheint, als sei die Darstellung der Religion und der Idee der Nation als Wurzel allen Übels in der Geschichte unseres Kontinents Ausdruck einer ideologischen, linken Gesinnung der Ausstellungsmacher."

Mancher Kritikpunkt lässt sich leicht widerlegen. Die Nationalgeschichten sind ausdrücklich nicht Gegenstand der Ausstellung, Johannes Paul II. und seine Unterstützung für die polnische Opposition werden sehr wohl erwähnt. Und an der Verantwortung Deutschlands für das Massenmorden im Zweiten Weltkrieg und die Schoah lässt die Präsentation keinen Zweifel. Anderes, was Gliński ausführt, entspringt ganz offensichtlich dem Versuch der polnischen Regierung, die Geschichte in den Dienst der eigenen, nationalkonservativen Idee zu stellen. Das passt ins Bild: Zuletzt hatte die Regierung in Warschau ein Gesetz verabschiedet, das mit Strafe droht, wenn jemand dem "polnischen Volk oder dem polnischen Staat" eine Mitverantwortung für Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs zuschreibt.