Was ist eigentlich das Problem mit der Heimat? Hat nicht jeder eine Heimat, die er liebt, bewahren und vor Veränderung schützen will, also davor, unkenntlich zu werden? Das Problem mit der Heimat besteht eben darin – dass der Begriff stets eine Verlusterfahrung oder Verlustbefürchtung mitschwingen lassen muss, um seinen emotionalen Wert zu entfalten. Namentlich politisch wird Heimat überhaupt nur, wenn sie als bedroht gedacht wird; davon lebt die Propaganda der AfD. Und erst recht muss Heimat sofort als prekär wahrgenommen werden, wenn sie eigens einem Ministerium als Gestaltungsaufgabe zugeordnet wird. Horst Seehofer, der frisch installierte Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat, hat darum in einem bemerkenswerten Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung versucht, dieses Prekäre zu benennen und gleichzeitig von seinen toxischen, tendenziell fremdenfeindlichen Bestandteilen zu reinigen.

Als Erstes unternimmt er dazu eine Feindbestimmung, die ohne das aktuelle Gespenst der Zuwanderung auskommt. Der Feind der Heimat, das ist für ihn die Globalisierung, in ihrer marktradikalen Gestalt des "ökonomischen Liberalismus". Seehofer scheut nicht die klassenkämpferische Zuspitzung: "Das Projekt der Globalisierung, das sich in den wirtschaftlichen Eliten im wahrsten Sinne des Wortes positiv ausgezahlt hat, ist zum überragenden politischen Problem der kleinen Leute geworden." Pointierter könnte auch kein linker Politiker den liberalen Glauben an die "Selbstregulierungsfähigkeit" möglichst "unregulierter und grenzenloser Märkte" als sozialschädlichen Aberglauben entzaubern. "Heimatpolitik" (er benutzt den Ausdruck tatsächlich) besteht für ihn darum wesentlich in der Rückkehr des Staates als Kontrollorgan. "Das neoliberale Denken muss durch ein ordoliberales Handeln ersetzt werden – und das beginnt mit der Würdigung eines sichtbaren und spürbaren Staates."

Damit ist Heimat als ministerielle Aufgabe schon gerechtfertigt; die FDP wird es nicht freuen. Zum Zweiten will Seehofer die unguten, ausgrenzenden Affekte des Begriffs fernhalten, indem er Heimat im Plural denkt – Deutschland umfasse vielfältige, auch konkurrierende Heimaten. Barsch formuliert er: "Heimatpolitik ist daher stets eine Politik der Vielfalt", und entsprechend kalt lässt er die ehemals geschätzten Schlagworte Leitkultur und Nation fallen – als tendenziell "streitbelastet".

Aber wie kommt er zu einer positiven Bestimmung von Heimat? Er erinnert daran, dass er für Bayern schon einmal ein "Wertebündnis geschmiedet" habe, "eine plural basierte Werteordnung", die allerdings auch nach längerer Erläuterung blass bleibt und sich wenig von der berühmten Verfassungstreue abhebt; immerhin zeigt sie mit der Hervorhebung von Gewissensfreiheit und der Gleichberechtigung von Mann und Frau eine erkennbare Kante gegenüber radikalislamischen Gemeinschaften. Deutlicher wird er mit den Begriffen "Zusammenhalt", "des Verbindenden und des Kollektiven", schließlich mit der Forderung an Einwanderer, an dem Verbindenden auch partizipieren zu wollen, sich "zugehörig" zu fühlen.

Damit biegt Seehofer auf den letzten Metern dann doch in die Kurve ein, die an die bekannte Streckenführung der Leitkulturdebatte erinnert, an die Warnungen vor Parallelgesellschaften und vor integrationsunwilligen Zuwanderern. Aber kann es anders sein? Wer den Rechtspopulisten den Heimatbegriff entwinden will, muss sich wenigstens in der Asymptote deren politischen Koordinaten nähern. Aber im Wesentlichen hält er auf Abstand; um seinen toleranten Heimatbegriff anschaulich zu machen, nennt Seehofer den türkischstämmigen Kabarettisten Django Asül als schönes Beispiel einer heimatprägenden Gestalt im niederbayerischen Raum. Damit hat er die deutschnationalen Fanatiker schon einmal als Adressaten seines Heimatbegriffs ausgeschlossen. Mehr ist von der CSU nicht zu verlangen; es ist schon allerhand.