Ist doch irre, was gerade beim HSV abgeht. Die Millionäre auf dem Platz, die bislang besonders dadurch deutschlandweite Berühmtheit erlangt haben, dass sie als die überbezahltesten und zugleich untalentiertesten Athleten der Fußballbundesliga galten, gewinnen wieder. Zwei Siege hintereinander, und dann noch Kommentare nach dem Spiel, die so ehrlich und wahr sind, dass sie keiner weiteren Einordnung bedürfen: "Wir spielen das erste Mal seit vier Jahren Fußball", sagte Lewis Holtby nach dem Spiel gegen den VfL Wolfsburg. 3:1 gewonnen, die Hoffnung ist zurück. Und damit ein Gefühl, das beim HSV in dieser Saison noch stärker vermisst wurde als Tore auf dem Platz.

Der Club hat nur noch zwei Punkte Rückstand auf Wolfsburg. Zwei Spieltage vor Schluss wird es knapp, es wird wieder gezittert, es geht wieder um alles, die Fans sind wieder da und bejubeln ihre Mannschaft – selbst wenn sie nicht wissen, ob sie dieser überraschenden Wendung trauen können.

Im Sport gibt es den Ausdruck des Momentums. Er drückt aus, was alle, die nur ein wenig am HSV hängen, gerade spüren: Es hat sich etwas gewandelt. Die Mannschaft, der niemand mehr zugetraut hätte, den Abstiegskampf spannend zu machen, spielt mit neuem Selbstbewusstsein. Pässe kommen an, die Spieler zeigen Biss. Sie wollen den Ball. Und sie wollen gewinnen. All das war lange keine Selbstverständlichkeit in diesem Club.

Es hat sich in den vergangenen Wochen allerdings nicht nur etwas beim HSV gewandelt. Sondern auch in der Beziehung der beiden großen Fußballvereine dieser Stadt, deren Rollen bislang klar verteilt waren.

Der HSV: ein Chaotenclub, über den selbst St. Pauli-Fans eher bemitleidend lächelnd sprachen; der von einem mächtigen Mäzen abhängt und dessen Führungsriege sich wöchentlich überwirft; der auf dem Platz so grauenhaft auftritt, dass man sich eigentlich nur noch für ihn schämen kann.

Der FC St. Pauli: ein Verein, der gut geführt wird und gegen dessen Anti-Kommerz-Kampagnen selbst viele HSV-Fans nicht viel sagen können; der in der vergangenen Saison am Trainer festhielt, obwohl er nicht erfolgreich war, und für seine Treue am Ende belohnt wurde; der solide wirtschaftet und eine Mannschaft kontinuierlich aufbaut.

Natürlich stimmt noch vieles. Natürlich ist beim HSV nicht alles gut, nur weil er zweimal hintereinander gewonnen hat. Die Finanzprobleme sind noch da, genauso wie die Unruhe in der Führungsebene und um Geldgeber Klaus-Michael Kühne. Und natürlich ist der FC St. Pauli weiterhin ein solide geführter Verein, der sich tapfer gegen die völlige Abhängigkeit des Profifußballs von den Superreichen der Welt stemmt.

Doch die Ergebnisse auf dem Platz verändern die Erzählungen über die Vereine. Beim HSV zum Positiven. Bei St. Pauli zum Negativen.

Der FC St. Pauli hat sein jüngstes Spiel gewonnen, 3:0, im Millerntorstadion gegen die Spielvereinigung Greuther Fürth. Der Verein steht nun nicht mehr auf einem der letzten drei Plätze in der Tabelle. Aber allein die Tatsache, dass er zwei Spieltage vor Schluss noch gegen den Abstieg spielt, ist eine große Niederlage.