Der weit gestellte, harmlose Blick. Die feuchten Schnäuzlein, die nicht zu bändigende Neigung, noch jedem Idioten die Treue zu halten, die Kunst, sich für albernsten Unsinn zu begeistern – ach ja. Wer Hunde und Kinder hasse, könne kein schlechter Mensch sein, hat Churchill berühmterweise gebrummelt. Was deshalb lustig ist, weil das Gegenteil stimmt. Man muss sie lieben, Kinder und Hunde sind Herzensbrecher. Ein Film, der Hunde und Kinder fokussiert, ein Wes-Anderson-Hund-Kinder-Film, das ist das Versprechen schlechthin, worauf? Auf eine Poesie, die unsere Welt in rätselhafter Schönheit transzendiert. Eine Verzauberung in Stop-Motion-Technik. Der Meister von Grand Budapest Hotel und Darjeeling Limited hat es wieder getan, jetzt mit Isle of Dogs, Insel der Hunde.

Es geht, na klar, um alles. Tod oder Leben. Um verwaiste Wesen, um echte Alpha-Typen, Hundemachos mit Namen Boss oder Chief oder Rex oder King. Ihr nicht ganz freiwilliger Job ist es, auf einer Müllkippe zu überleben, in der wir umstandslos die Zukunft unseres Planeten erkennen können. Es geht um Korruption und faschistische Hetze, die jedem, der die Nachrichten ein bisschen verfolgt, bekannt vorkommen. Natürlich geht es auch um Liebe. Auftakt mit Bumm, bumm, bumm, man sieht zu diesem Herzschlag-Soundtrack vier Rundlinge, Taiko-Kindertrommler, animierte Knetfiguren im Tempel-Setting.

In Großbritannien haben gerade 40.000 Besucher eine Ausstellung gestürmt, in der die 1.097 Puppen des Films und die übrigens in Berlin von Simon Weisse gebastelten Miniatur-Sets zu sehen waren. Der Guardian spottete, Wes Anderson habe uns so fest im Griff, dass wir die Welt sehnsuchtsvoll mit Anderson-Augen scannen. Ein Wes-Anderson-look alike account auf Instagram postet täglich, wie viel Mühe sich die Welt schon heute gibt, um so witzig wie ein Wes-Anderson-Setting rüberzukommen, also wie eine crazy colorierte Cupcake-Deko. Man sollte jetzt darauf wetten, dass uns in Kürze auf der Hundewiese die ersten Wes-Anderson-Züchtungen begegnen werden, verschlammte Zottel, die sich auf "Sitz!" zackig setzen, aber sich ansonsten furchtlos wie Straßengangs in blutige Kämpfe stürzen, getaktet nur von lästigen Nies-Attacken.

Die Hunde haben nach der Regie von Anderson Schnupfen, weil das faschistoide Regime des Bürgermeisters Kobayashi von Megasaki die Hundepopulation mit Hundestaupe heimlich infiziert hat sowie mit Zecken, Tollwut et cetera, um mit diesen fiebernden rotäugigen Tieren das Volk in Schrecken zu versetzen. Hunde also als Sündenböcke. Untergebene als blöde Schafe. Staatliche Propaganda mit Fake-News. Die Hunde werden deportiert nach einer mit Brimborium inszenierten Verkündigung, Atmosphäre wie Reichsparteitag. Dann das grausame Hunde-Cleansing per Müllgondel, die Seilbahn führt über das Meer auf eine vorgelagerte Mülldeponie, der Gondelboden klappt auf, und – Plopp – die Hunde stecken im giftigen Dreck.

Die Szenario von Isle of Dogs zitiert lustvoll alle Katastrophenfilme. Verwüstungen wie nach The Day After, nach der Schlacht auf Okinawa. Industrieanlagen zerlegt wie Fukushima. Die Hunde hungern sich durch. Jede Mülltüte wird inspiziert. Eierschalen? Halbe Gurke? Eine von Maden wimmelnde Fleischhaxe – lohnt es sich, dafür zu sterben? Klaro! Kampfgetümmel, bis abgebissene Ohren fliegen.

Jedes Detail löst Entzücken aus

Die Szenen leben von Kontrasten. Zwischen grauen Blöcken von Unrat fantasieren die Hunde vom Luxus ihrer besseren Tage, Daunen-Körbchen oder stylischen Näpfen mit Chili con Carne, dazu Vitaminstreusel. Während sie sich zu Kämpfen formatieren wie die schwarzen Reiter, wuschelt der Wind zärtlich durchs verklebte Fell. In der Atempause vor dem Angriff tänzeln Staubwolken wie Wattebäusche über den Giftboden. Schönere Animation war nie. Die Hundestimmen werden synchronisiert von Harvey Keitel, Greta Gerwig, Ken Watanabe. Tilda Swinton gibt die Möpsin, Bill Murray natürlich den "Boss". Inmitten der größten Verlorenheit aber verkörpern diese Hunde, mit jeder hingeblafften Überlegung, eine überlegene Ratio und tadellose Haltung. Dann erscheint am Himmel ein Flugzeug, kracht ab – und aus den Trümmern steigt, Deuslein ex Machina, ein Junge, der seinen Hund zurück will. Atari sucht Spots.

Der herzzerfetzendste Moment des Films ist der, in dem beiläufig angemerkt wird, dass von allen Herrchen und Frauchen in der von Gift-Propaganda verseuchten Stadt es genau einer schafft, für seinen treuen Hund hinzustehen. Ein Zwölfjähriger. Waise und Mündel des Bürgermeisters. Spots ist sein Leibwächter-Hund.

Ataris Landung führt zu Streifzügen über die Insel, die von Dante gebrieft wurden. Es gibt eine höllische Fahrt durch eine Industrieanlage, die aufholt zu der schönsten dieses Genres. Wes Andersons Kunst, jede Figur auf ihren Typus zu zuzuspitzen, bewährt sich an diesen Hunden. Hintern am Boden auf "Platz!". Der Rundrücken, wenn die Sache verloren erscheint. Der stoische Blick, der das Elend der Welt in sich aufnimmt. Die Meute wagt sich wie Joseph Conrads Marlow bis in das Herz der Finsternis, zu den Kannibalen-Kötern, die auf einem Außenposten der handgeformten Deponie hausen, Name Cuticle, wie "Nagelhaut". Jedes Detail dieses Films löst Entzücken aus.

Das Unglück der Tölen wäre alternativlos, gäbe es nicht, wie in jeder ordentlichen Diktatur, Aufständische, hier Studenten mit fein gepinselten Wandzeitungen, Wissenschaftler mit Impfstoff gegen Hundeseuchen. Aber sie sind nur Accessoire bezüglich des Wesens der Hunde, die ihre intelligente Souveränität im schnauzigen Witz bewahren. Jeder Satz ist ein Treffer. Das kristallisiert am Schönsten heraus in den Liebesszenen zwischen einem Streuner und einer hochgezüchteten Zirkustöle, die Scarlett Johansson mit kühlen Alt raspelt. Sagt er zu ihr: "Schau mir in die Augen, Kleines"? Also – die Hundeversion.