In einem der schickeren Berliner Hotels liegt Janelle Monáe quer in einem Sessel. Sie trägt einen eleganten Anzug und ein Lächeln der gelangweilten Art zur Schau. Die in Kansas City geborene Amerikanerin ist ein Star alter Schule, obwohl sie am großen Erfolg bislang immer knapp vorbeischlitterte: Ihre Platten begeisterten eher Kritiker als Käufer, und als Schauspielerin bekam sie in Hollywood-Erfolgen nur Nebenrollen. Ihr neues Werk soll den Durchbruch bringen, eigens griff ihr noch Prince unter die Arme, um ihre Musik endlich für ein großes Publikum aufzuschließen.

DIE ZEIT: Janelle Monáe, Ihr neues Album heißt Dirty Computer. Was soll das sein?

Janelle Monáe: Stellen Sie sich einen Computer vor, der von Viren befallen ist. Aber das Programm des "Dirty Computer" sieht die Viren nicht als Problem, sondern als Erweiterung seiner Möglichkeiten, denn nur wenn man das Böse erkennt, kann man Dinge verändern. Eines ist klar: Ohne Schmutz keine Zukunft! Diese Erkenntnis habe ich von meinen Reisen in die Zukunft mitgebracht. Ich war schon hundert Lichtjahre in der Zukunft unterwegs und habe begriffen, dass wir uns dem Schmutz stellen müssen.

ZEIT: Sie spielen oft mit Elementen von Science-Fiction und Afrofuturismus und haben das in den R&B eingeführt. Was fasziniert Sie daran?

Monáe: Ich liebe Science-Fiction, seit ich ein kleines Mädchen war. Mit Science-Fiction begann ich erst wirklich zu leben, es war ein neuer Anfang. Ich bekam neue Augen, die mir einen frischen Blick auf mein Leben ermöglichten.

ZEIT: Wie alt waren Sie da?

Monáe: Ich? Ich habe kein Alter: Ich bin zeitlos. Egal. Ich bin in einer Kleinstadt in Kansas aufgewachsen, wo es kaum eine Möglichkeit gab, unser tristes kleines Viertel mal zu verlassen. Meine Eltern mussten hart arbeiten und hatten kaum Geld. Reisen an andere Orte waren unvorstellbar. Also erkundete ich aufregende neue Welten eben in meiner Fantasie. Science-Fiction bot mir die Möglichkeiten dazu: Zeitreisen, andere Planeten, unbekanntes Leben. Science-Fiction wird von vielen Menschen unterschätzt, dabei hilft sie uns, über die Möglichkeiten der Zukunft nachzudenken. Deshalb habe ich mit zwölf auch schon ein Theaterstück geschrieben über einen Alien, der einer Familie beibringt, sich nicht mehr zu streiten.

ZEIT: Vor Ihren ersten Songs schrieben Sie Science-Fiction-Geschichten?

Monáe: Ich schrieb, wann immer sich die Gelegenheit bot. Mit sechzehn beschloss ich, Künstlerin zu werden. Mein Kopf war voll von wunderbaren Welten. Aber ich liebe nicht nur die Fiction, sondern auch die Science, also Wissenschaft. Chemie war eines meiner Lieblingsfächer in der Schule, und auch Mathematik faszinierte mich. Ich hatte immer eine große Sehnsucht nach dem Unbekannten. Und sehnte mich nach Utopien.

ZEIT: Und was ist eigentlich Afrofuturismus?

Monáe: Zuerst wird da gefeiert, afroamerikanischer Herkunft zu sein. Damit daraus Afrofuturismus wird, muss Science-Fiction addiert werden. Die Afrofuturisten waren lange totale Außenseiter, aber so langsam kommen sie im Mainstream an. Sun Ra ist der Pate des Afrofuturismus, er hat Jazz, Rasse, Kunst und Science-Fiction so virtuos kombiniert wie kein anderer. Mein Videoclip zu Tightrope war meine Hommage an das Genie Sun Ra. Und auch wenn seine sperrige Musik mittlerweile in hippen Plattenläden zum Kauf angeboten wird, empfinde ich seine Kunst noch immer als herausfordernd und avantgardistisch.

ZEIT: Ihre neue Platte ist weniger abstrakt und eher persönlich. Was ist passiert?

Monáe: Es war einfach an der Zeit, das Mysteriöse gegen Aufrichtigkeit einzutauschen. Ich habe mich lange hinter dem inszenierten Künstlichen versteckt, aber das ändert sich mit dieser Platte. Viele der Songtexte sind intim, offen und persönlich, und Menschen werden gefeiert, die sonst kaum wahrgenommen werden. Alle, die sich am Rand der Gesellschaft verstecken: der Muslim, der wegen seiner Religion in einem Laden schlecht behandelt wird, der homosexuelle Cousin, für den sich die Familie schämt, die ehrgeizige Frau, die keine Karriere machen darf, weil sie eine Frau ist. Alles Menschen, die das Gefühl haben, dass ihre Stimme nicht gehört wird. Viele dieser Texte könnten von einer schwarzen Jugendlichen kommen, die jetzt in den USA aufwächst. Ich bin so aufgewachsen, ich habe das alles erlebt.