Die letzten Schritte sind die schönsten. Ich bin vier Tage durch die Wildnis Jordaniens gewandert. Ich habe dem leisen Rauschen der Steppe gelauscht und mich gegen den Gipfelwind gestemmt, habe sengend heiße Täler durchquert und hoffend zum Himmel gestarrt, auf der Suche nach einer Schatten spendenden Wolke. Vier Abende habe ich mich am Lagerfeuer gewärmt, der einzigen Lichtquelle in vielen Kilometern Entfernung. Vier Nächte habe ich im Zelt geschlafen und mir den Schlafsack bis zur Nasenspitze gezogen, um mich vor der Kälte der Berge zu schützen. Mehr als 100 Stunden lang war ich unterwegs, fast allein mit der Wüste.

Dann tauchen hinter einer Rechtskurve plötzlich die hellen, in den Sandstein geschlagenen Säulen des Klosters von Petra auf. Und der Moment, in dem ich die Ruinenstadt betrete – er fühlt sich an wie die Rückkehr in die Zivilisation. Ein weiches Bett und eine warme Dusche warten auf mich. Der Komfort der Moderne ist wieder da. Und schon bald ein wenig Wehmut: Die Wildheit der Wüste wird mir fehlen.

Ein neuer Wanderweg hat mich hergeführt: der Jordan Trail, dessen Route sich von der Kleinstadt Umm Qais im äußersten Norden des Landes bis zum Roten Meer im Süden erstreckt. Er führt über antike Handelsrouten und Beduinenpfade, über Waldwege und Landstraßen, durchmisst auf 650 Kilometern das ganze Königreich. Er soll Symbol sein für ein Jordanien, das so sicher und gastfreundlich ist, dass Touristen es auch allein und zu Fuß erleben können.

Selbstverständlich ist das nicht. Jordanien liegt in einer Region, die seit Jahren instabil und umkämpft ist. Im Norden grenzt es an Syrien, im Osten an den Irak, im Süden an Saudi-Arabien. Jordanien gilt als Ruhepunkt im arabischen Orkan, der letzte Krieg liegt fast ein halbes Jahrhundert zurück, verschiedene Ethnien leben friedlich neben- und miteinander – obwohl derzeit zu den zehn Millionen Einwohnern noch fast zwei Millionen syrische Flüchtlinge kommen.

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Um den kompletten Jordan Trail zu laufen, braucht man mindestens 40 Tage. Meine Teilstrecke ist die sechste von acht Großetappen. Es soll die schwerste, aber auch die spektakulärste sein, das Magazin National Geographic hat sie unter die 15 schönsten Wanderwege weltweit gewählt. Sie führt durch den südlichen Teil des Landes, in dem, bevor die Römer kamen, das Wüstenvolk der Nabatäer herrschte.

Meine Wanderung startet auf 1.240 Metern in Dana, einem verfallenen Beduinenörtchen, das nur aus einigen Gasthäusern für Abenteuertouristen wie mich besteht. Zu meinen Füßen erstreckt sich das Naturschutzgebiet von Dana. Grün bewaldete Berge, zwischen ihnen ein Tal aus Kalk- und Sandstein.

"Yalla?", fragt Ali, "Geht’s los?". Der 19-Jährige, ein groß gewachsener Beduine aus Petra, wird für die nächsten Tage mein Führer sein. Ali sieht aus, als sei er auf dem Weg in die Kino-Spätvorstellung: Er trägt Levi’s-Jeans und ein blütenweißes Hemd, dazu Slipper aus Kunstleder. Wie schwer, denke ich, kann unsere Wanderung bei diesen Schuhen schon werden? Also dann, yalla.

Wer den Jordan Trail ganz allein laufen will, muss sich gründlich vorbereiten: Bislang ist nur der nördlichste Abschnitt gut markiert. Für die restlichen Etappen braucht man detaillierte Karten und die GPS-Daten, die auf der Website stehen. Die andere Möglichkeit: Man bucht einen Führer. So kam ich auf Ali.

850 Höhenmeter sind es von Dana bis ins Tal. Der Weg schlängelt sich in engen Kurven den Hang hinab. Unten verläuft ein schmaler Pfad neben einem ausgetrockneten Flussbett. Die Hitze bleibt zunächst erträglich, weil ein lauer Wind weht. Schwalben schweben über uns und necken sich pfeifend. Nach drei Stunden rasten wir das erste Mal unter einem Olivenbaum. Ali raucht zwei Zigaretten. Ich esse Fladenbrot.

Das Dana-Naturreservat ist Jordaniens größtes ökologisches Schutzgebiet. Nachts streifen seltene Tierarten wie der Arabische Wolf oder die Wüstenkatze durch die Berge. Auf unserem Marsch erblicken wir aber vor allem Ziegen: Die Beduinen nutzen das Tal als Weideland. Im Winter, wenn Regen die Pflanzen sprießen lässt, finden die Tiere hier Wasser und sattes Gras, im Sommer fressen sie trockene Sträucher.