In einer Turnhalle in Wilhelmsburg steht ein Mann in blauem Trainingsanzug, auf seinem Rücken das Wort "Coach", und spricht nun schon seit fünf Minuten übers Schminken. In der Hallenmitte sind drei Holzbänke zu einem Dreieck zusammengeschoben, darauf sitzen sechs Jungs in Sportklamotten, 9 bis 14 Jahre alt, und hören zu. Ein bisschen zappelig und ungeduldig sind sie, aber aufmerksam. "Auch Männer schminken sich", sagt der Coach schließlich, "ich schminke mich manchmal."

"Bist du schwul oder was?", fragt einer der Jungs und kichert.

"Ob sich ein Mann schminkt, hat nichts damit zu tun, ob er homosexuell ist", antwortet der Coach. "Im Fernsehen sind die Leute zum Beispiel alle geschminkt. Die bei DSDS oder so: Die sind alle geschminkt."

"Warum schminkst du dich?", fragt einer aus der Gruppe. "Als ich früher viele Pickel hatte, habe ich versucht, die zu überdecken", sagt der Coach. "Bedeutet das jetzt, dass ich homosexuell bin?"

Über den Sitzbänken hängt ein Plakat an der Hallenwand. Die Gruppe hatte gemeinsam überlegt, welche Eigenschaften ihr zu Jungs und Mädchen einfallen, der Coach hatte alles notiert. Jungs: stark, Fußball, Style, cool, gute Schuhe. Mädchen: hübsch, bauchfrei, Topmodel, Haare machen, schminken. "Wir denken in Schubladen", sagt der Coach, "das machen wir alle, auch Erwachsene." Er tippt auf das Wort Schminke, das jeder der sechs Jungs genannt hatte. "Ganz ehrlich, auch wir wollen gut aussehen. Also, was könnt ihr davon mitnehmen?"

"Dass Jungs und Mädchen fast gleich sind", sagt der Jüngste der Gruppe. "Spielen wir jetzt Fußball?"

Es geht um Vorurteile und Klischees an diesem Nachmittag in der Turnhalle in Wilhelmsburg. Und es geht darum, zu lernen, cool zu sein – im umfassendsten Sinne des Wortes: gelassen, souverän, besonnen. Die sechs Jungen sind Teilnehmer eines mehrwöchigen Trainingskurses des Vereins "Zweikampfverhalten". Im sogenannten Coolness-Training, einer Mischung aus pädagogischem Anti-Aggressivitäts-Training und Teamsport, sollen sie lernen, ihr manchmal gewalttätiges Verhalten zu ändern. Die Teilnehmer sollen die Ursachen ihrer Aggression erkennen und versuchen, die Auslöser zu vermeiden.

"Wir arbeiten mit Menschen aus einem problematischen Umfeld", sagt der Coach. Anders ausgedrückt: Die Jungs sind nicht ohne Grund hier. Die meisten haben Probleme in der Schule, mit ihren Lehrern oder mit Klassenkameraden. Sie sind aufbrausend und hitzig. Viele haben Eltern, die überfordert sind und sie kaum fördern können. Im Training geht es darum, überlegter zu handeln und Streitigkeiten zu schlichten, anstatt sie zu provozieren. Die Jungs sollen merken, wie viel in ihnen steckt, und zum Vorbild für andere werden im als Problemviertel bekannten Wilhelmsburg.

Wilhelmsburg und seine Bewohner wurden lange vernachlässigt. Nach der Flut von 1962 standen große Teile des Stadtteils unter Wasser. Danach wurde wenig in den Wiederaufbau investiert, viele bildungsbürgerliche Familien gingen. Es kamen Menschen, die vor allem günstige Wohnungen suchten. Das Bild der Gegend begann sich zu wandeln. Geschäfte mussten schließen, da es keine kaufkräftige Mittelschicht mehr gab, den Schulen fehlte die gesunde Mischung.

In den vergangenen Jahren hat Hamburgs Politik den Stadtteil zwar wiederentdeckt, es entstehen Tausende neue Wohnungen und mit dem Reiherstiegviertel sogar so etwas wie eine rauere Version des Schanzenviertels; die Internationale Gartenschau gastierte in Wilhelmsburg, die Stadtentwicklungsbehörde zog ins Viertel. Aber die Arbeitslosenquote in Wilhelmsburg ist heute immer noch fast doppelt so hoch wie im gesamten Stadtgebiet. Das Durchschnittseinkommen ist halb so hoch wie das aller Hamburger, der Anteil der Sozialleistungsempfänger mehr als doppelt so groß. Fast zwei Drittel aller Wilhelmsburger haben einen Migrationshintergrund, und während im Hamburger Durchschnitt fast jeder zweite Schüler ein Gymnasium besucht, ist es in Wilhelmsburg nur einer von fünf.

"In Wilhelmsburg ist vieles anders", sagt Rebekka Henrich, "oft haben die Eltern keine Zeit, weil sie vier Jobs gleichzeitig machen, und die Lehrer sind überfordert." Wenn es dann zu Konflikten kommt, regeln die Jungs Streitereien schon mal mit den Fäusten. "Deswegen wollen wir jungen Menschen in Wilhelmsburg zeigen, wie sie ihre Konflikte konstruktiv lösen können", sagt Henrich.

Vor zehn Jahren gründete die Sozialarbeiterin den Verein Zweikampfverhalten. Zunächst zogen sie und ihre Mitarbeiter über die Fußballplätze in der ganzen Stadt, besuchten Jugendmannschaften, die in ihren Spielen besonders viele Rote Karten kassiert hatten. Denn die Aggressionen auf dem Platz waren letztlich nur die Symptome von Problemen, die mit Fußball nichts zu tun hatten. Später konzentrierte sich der Verein auf Wilhelmsburg. Inzwischen kommen jedes Jahr etwa 400 Kinder und Jugendliche zu den Kursen, auf Empfehlung von Lehrern, Trainern, Freunden oder Geschwistern.

Auch der Coach im blauen Trainingsanzug, der so lange übers Schminken gesprochen hat, kam einmal auf Empfehlung seines damaligen Fußballtrainers. Damals war Arwin Mostauli 13 Jahre alt, Mannschaftskapitän beim HSV Barmbek-Uhlenhorst, ein Hitzkopf, der schlecht verlieren konnte und ausflippte, wenn etwas nicht so lief, wie er es sich vorstellte. Er war einer von 15 Jungs, die am ersten Coolness-Training teilnahmen. Heute, zehn Jahre später, studiert er Sozialpädagogik und leitet fünf Kurse bei Zweikampfverhalten.

"Früher habe ich meine Aggression in den Zweikämpfen beim Fußball ausgelebt", sagt Mostauli. "Das Coolness-Training hat mir persönlich sehr geholfen, das in den Griff zu bekommen." In seiner Klasse eines Bramfelder Gymnasiums war Arwin Mostauli einer von zwei Ausländern. Seine Mitschüler wohnten in Häusern mit Gärten, er war der Einzige, dessen Familie in einer Wohnung lebte. Nach der Schule fuhr er zum Fußballtraining, zunächst noch auf einem Sportplatz in Steilshoop. "Unter meinen Freunden waren einerseits Schüler eines hoch angesehenen Gymnasiums in Bramfeld und andererseits Fußballer aus Steilshoop", sagt Mostauli. "Ich bin in zwei Welten groß geworden." Wissenschaftsprojekte und Musikunterricht am Gymnasium, Blödsinn machen nach dem Training.