Heinz Bude: Mario Draghi liest Marx

"Whatever it takes": drei Wörter, mit denen Mario Draghi am 26. Juli 2012 während einer Rede vor Finanzmarktakteuren in London einen Wendepunkt in der Staatsschuldenkrise für die südlichen Länder des Euro-Raums herbeiführte. Der EZB-Präsident kündigte keine Maßnahmen an, keine Ankäufe fauler Kredite, keine Interventionsstrategie für überschuldete Privatbanken. Er bekräftigte nur den politischen Willen, das mit dem Euro verbundene Rückzahlungsversprechen einzuhalten. Plötzlich war Schluss mit der mörderischen Spekulation zulasten von Griechenland, Portugal, Italien oder Frankreich.

Was hätte Karl Marx dazu gesagt? Hätte er sich über eine Farce in der Überbietungsspirale des fiktiven Kapitals mokiert? Hätte er Draghi als Puppe an den Fäden des Kapitalmarktspielers Goldman Sachs denunziert? Hätte er die letzte Stunde des Kapitalismus eingeläutet? Für Marx ist Kapital der Begriff für einen endlosen Selbstverwertungsprozess, der unter der Parole "Mehr Geld!" steht. Aus angelegtem Geld muss mehr Geld werden, damit es Kapital wird. Deshalb kann man im Kapitalismus die Realwirtschaft nicht von der Finanzwirtschaft trennen. Es gibt immer Menschen, die in Fabriken unter der Produktivitätspeitsche Waren produzieren, Geldvermögensbesitzer, die überall nach Anlagemöglichkeiten fahnden, Banken, die über Kreditinstrumente Geld produzieren, und Kapitalisten, die den auf den Märkten realisierten Mehrwert nach Gutdünken verwenden.

Das funktioniert für Marx jedoch nicht von selbst. Mit der Formel von der Kritik der politischen Ökonomie soll das Politische dieser Ökonomie gedacht werden. Es sind nämlich die "in Gesellschaft produzierenden, konsumierenden und sich reproduzierenden Individuen", die das Ganze in seiner ungeheuren Widersprüchlichkeit am Laufen halten. An irgendeinem weltgeschichtlichen Kulminationspunkt schließen sie sich zusammen und bestimmen gemeinschaftlich, wie sie weiterleben wollen.

Aber bis dahin muss man sich auf die wenigen Momente konzentrieren, in denen deutlich wird, dass wir alle für den Kapitalismus aufkommen müssen, den wir selbst hervorbringen. Da sagt einer im Namen der Vielen magische drei Wörter, und es herrscht für einen Augenblick Ruhe vor dem nächsten Sturm.

Heinz Bude, 64, ist Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel.

Seyla Benhabib: Wie eine neue Sprache

Eine Synthese aus deutschem Idealismus, britischer politischer Ökonomie und französischem politischem Denken: So wurde das Werk von Marx oft charakterisiert. Zweihundert Jahre später erstaunt diese Synthese immer noch. Die Begegnung mit seinen Texten gleicht dem Erlernen einer neuen Sprache: Die Welt ist nicht mehr dieselbe, wenn man einmal seine Begriffe wie Entfremdung, Warenfetischismus, Verdinglichung, Arbeitermacht, Produktionsmittel verstanden hat. Unverändert bleibt die Fähigkeit dieser Sprache, unsere Welt zu erschließen – die immer noch die des Kapitals ist. Weite Teile der Marxschen Theorie aber haben sich als falsch oder überholt erwiesen, zum Beispiel seine philosophische Anthropologie oder seine mangelhafte Idee vom Verfassungsstaat.

Marx’ Anthropologie geht von einer menschlichen Gattung aus, die die äußere Natur verwandelt, indem sie sich ihrer eigenen Tätigkeit entfremdet und diese in die objektive Form einer Welt einbettet, in der sie anschließend sich selbst entdeckt. Darin steht Marx in der Schuld Hegels und dessen Dialektik von Entfremdung und Versöhnung. Nicht nur ist ein Verständnis der Natur als eines leblosen Behältnisses im Dienste von Gattungszwecken falsch; das Subjekt im Kollektivsingular, also die Gattung, hat wenig mit den kulturell eingebetteten und sozial differenzierten Arbeitsprozessen der vielfältigen menschlichen Gesellschaften zu tun. Nun mögen sich manche Elemente einer marxistischen philosophischen Anthropologie noch retten lassen, wenn man zwischen Arbeit, Herstellen, Handeln und Interaktion differenziert, wie Hannah Arendt und Jürgen Habermas es vorgemacht haben. Eine marxistische Theorie des Verfassungsstaats jedoch ist kaum zu etwas nütze. Wir müssen uns klarmachen, wie sehr der bürokratische und repressive Staat der frühen Republiken, die nicht einmal das allgemeine Männerwahlrecht akzeptierten, Marx’ Vision von Klassenkampf, Diktatur des Proletariats und Bonapartismus prägt. Der demokratische Verfassungsstaat fortgeschrittener kapitalistischer Gesellschaften braucht andere Analyseinstrumente.

Jedoch wird das Ringen zwischen dem egalitären Versprechen der Demokratien und ihrer Unfähigkeit zu einem koordinierten Vorgehen gegen die vom Finanzkapital gesteuerte Globalisierung, die gewaltige Ungleichheiten verursacht, unser Jahrhundert prägen. Marx bleibt daher unverzichtbar.

Seyla Benhabib, 67, ist Professorin für Politische Philosophie an der Yale University.

Aus dem Englischen von Michael Adrian

Karl Marx - Triers umstrittener Sohn Vor 200 Jahren wurde Karl Marx in Trier geboren. Anlässlich seines Geburtstags feiert die Stadt den Philosophen mit Ausstellungen, einer Statue und einem Festakt. © Foto: Harald Tittel/dpa