Die AfD droht die Schlagzeilen des Katholikentags in Münster zu bestimmen. Erstmalig ist der kirchenpolitische Sprecher der rechtspopulistischen Partei zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Die Kritik ist laut, die Befürchtungen sind groß: Wiederholt sich die Geschichte? Konservativ-nationalistische und völkische Kräfte haben schon einmal die demokratische Tradition des Treffens untergraben, wie ein Blick zurück zeigt.

Der erste deutsche Katholikentag fand im Revolutionsjahr 1848 statt. Damals gaben die Anhänger des modernefeindlichen Papstes Pius IX. den Ton an. Sie grenzten zwar jene aus, die den Katholizismus mit den Ideen der Aufklärung versöhnen wollten, stritten aber für die Grundrechte auf Religions- und Versammlungsfreiheit. Zugleich begegneten sie dem grassierenden Nationalismus sehr zurückhaltend.

Ab den 1870er Jahren dominierte die katholische Zentrumspartei die Veranstaltung. Ihr gelang es, die unterschiedlichsten sozialen Schichten zu vereinigen. Nach dem Ersten Weltkrieg geriet die Vormachtstellung dieser Partei jedoch ernsthaft in die Kritik. Die sogenannten Rechtskatholiken, unter ihnen einflussreiche Adlige und Großbürger, wechselten zur konservativ-nationalistischen, eigentlich protestantisch geprägten Deutschnationalen Volkspartei (DNVP).

In mancher Hinsicht erinnern sie an Katholiken der Gegenwart, die sich, von den Unionsparteien enttäuscht, der AfD zuwenden. Unter ihnen waren fromme Papsttreue, aber auch Nationalisten, die eine Verständigung mit den Protestanten suchten, Monarchisten ebenso wie Anhänger eines autoritär regierten Ständestaats. Sie schürten Ängste vor einer Degeneration des deutschen Volkes und vertraten oft antisemitische Ansichten. Unter dem Schlagwort der "Sittlichkeit" ging es auch damals schon um Familienmodelle und Geschlechterrollen. Die Rechtskatholiken – und nicht nur sie – waren entsetzt von den sexuellen Freiheiten im "Babylon Berlin" und sorgten sich wegen sinkender Geburten- und steigender Scheidungszahlen.

Was sie einte, war aber vor allem die Ablehnung des Kurses, den das Zentrum eingeschlagen hatte. Die katholische Partei entwickelte sich gemeinsam mit der SPD und kleineren liberalen Koalitionspartnern zu einer Stütze der Weimarer Republik – in den Augen der Rechtskatholiken eine Ungeheuerlichkeit. Schließlich war die neue Staatsordnung durch eine Revolution entstanden, und in der Verfassung fehlte ein Gottesbezug. Im Reichstag hetzten Abgeordnete der DNVP hemmungslos gegen den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger, der das Bündnis mit der SPD angebahnt und die Waffenstillstandskommission geleitet hatte. Im August 1921 wurde er von Rechtsextremisten ermordet, unmittelbar vor Beginn des ersten Katholikentags nach dem Weltkrieg.

Dort konnte das Zentrum seine Dominanz zunächst verteidigen. Nach wie vor standen die Mehrheit der katholischen Wähler, ein Großteil des Klerus und die meisten Verbände hinter der Partei. Unter katholischen Würdenträgern hatten die Republikgegner damals jedoch deutlich mehr Sympathien als die AfD heute. Das galt erst recht für die Bayerische Volkspartei, die sich vom Zentrum abspaltete und deutlich weiter rechts stand. Auf dem Katholikentag 1922 in München bezeichnete der gastgebende Erzbischof Michael von Faulhaber, der sich dem bayerischen Königshaus verbunden fühlte, die Revolution von 1918 als "Meineid und Hochverrat". Der Republik warf er unter anderem vor, die "Theater- und Kinoseuche" nicht zu bekämpfen und Ehescheidungen zu erleichtern. Der republikanisch gesinnte Katholikentagspräsident widersprach ihm nachdrücklich und sorgte damit für einen Skandal – es handelte sich um den späteren Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Der diplomatische Vertreter des Heiligen Stuhls in Deutschland, Nuntius Eugenio Pacelli – der spätere Papst Pius XII. –, hätte gerne eine Koalition des Zentrums mit der Rechten gesehen. Er misstraute aber den Protestanten in der DNVP, und die Mehrheitsverhältnisse im Reichstag legten andere Koalitionen nahe, sodass der Nuntius pragmatisch agierte: Mitte der 1920er Jahre gelang es ihm mit Mühe, den Papst von einer öffentlichen Verurteilung der Mitte-links-Koalitionen des Zentrums abzuhalten.

In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre sorgte die sogenannte Katholische Aktion dafür, dass die Rechtskatholiken Oberwasser gewannen. Dabei handelte es sich um ein Lieblingsprojekt des Papstes Pius XI.: Weltweit sollte die Katholische Aktion Laien aller politischen Richtungen unter Führung des Klerus vereinigen. Das war nichts anderes als ein Alternativmodell zum selbstbewussten, auf Unabhängigkeit von Rom bedachten deutschen Verbandskatholizismus, der eng mit der Zentrumspartei verwoben war. Das heute wieder beliebte Schlagwort der "Entpolitisierung" diente damals dazu, deren Dominanz zurückzudrängen. Die Rechtskatholiken warfen dem Zentrum vor, seine Macht vor allem auf die Predigten des niederen Klerus zu stützen.

Aloys zu Löwenstein, der Vorsitzende des Zentralkomitees, das die Katholikentage mit organisierte, wollte sein Gremium zur zentralen Instanz der Katholischen Aktion in Deutschland umwandeln, wie der Historiker Christoph Hübner jüngst in seiner Dissertation gezeigt hat. Auf dem Treffen 1928 in Magdeburg bot Löwenstein daher Eugenio Pacelli ein Forum, um für die Ideen des Papstes zu werben – alles in allem mit bescheidenem Erfolg. Doch auf den Katholikentagen führte die Katholische Aktion zu einer spürbaren Verschiebung der Machtverhältnisse. Rechtskatholiken waren nach 1928 nicht nur als Teilnehmer eingeladen, sondern auch in die Organisation eingebunden. Sie nutzten das Forum jetzt verstärkt, um die Zusammenarbeit mit der SPD und die Außenpolitik des Zentrums zu verurteilen, die parlamentarische Demokratie infrage zu stellen und für eugenische Konzepte zu werben.