Neunzig Prozent der Kirchenmitglieder nehmen nicht am Gemeindeleben teil. Sie zahlen nur für den Rest. Kann das wirklich die Idee einer Kirche sein?

Mein Name ist Erik Flügge, und ich bin einer von den 90 Prozent. Jeden Monat frage ich mich: Was passiert eigentlich mit meinen Kirchensteuergeldern? Wahrscheinlich viel – nur halt nichts für mich. Das ist nicht schlimm, denn andere könnten es nötiger haben, dass die Kirche sich um sie kümmert. Aber nicht mal "Danke" wird mir gesagt dafür, dass ich Monat für Monat mit meiner Kirchensteuer mitfinanziere, was andere Leute nutzen. Was wird denn an Gemeindeleben finanziert? Gemeindehäuser. Ach je. Klar, auch ich könnte in ein muffiges Gemeindehaus gehen, um am Seniorennachmittag teilzunehmen – nur will ich das nicht. Mir bedeutet das Gemeindehaus gar nichts. Ob es da ist, ob es weg ist, ob es offen ist, ob es geschlossen ist, das macht für mich überhaupt keinen Unterschied mehr. Mir bedeutet das Pfarramt gar nichts. Ob es da ist oder weg ist, ob es offen ist oder ob es geschlossen ist, das ist mir wirklich komplett egal.

Meine Kirche, die bedeutet mir etwas. Das Christentum in unserer Welt halte ich für bereichernd. Die Gesamtorganisation Kirche mag ich, weil sie mich biografisch prägte. Aber immer wenn ich ihr heute real begegne, regt ihr Desinteresse an 90 Prozent ihrer Mitglieder mich furchtbar auf. Ich habe ein paarmal darüber nachgedacht, auszutreten. Weil es am kirchlichen Leben so gar nichts gibt, was mit meinem Leben in Verbindung steht. Noch tue ich es nicht. Aus Verbundenheit – weil diese Kirche mir mal Heimat war. Aber wie lange mag es noch dauern, bis die Erinnerung daran verblasst? Und was ist mit all jenen, die niemals eine Heimat in der Kirche gefunden haben?

Wie lange kann eine Organisation überleben, wenn die meisten Mitglieder, die sie finanziell tragen, keinerlei Nutzen in ihrer Tätigkeit mehr erkennen? So eine Organisation würde Mitglieder verlieren, wahrscheinlich sogar sehr viele Mitglieder. Egal, wie groß ihre Bindungskraft früher gewesen sein mag, wenn eine Organisation heute nichts mehr zum Leben beiträgt, dann wird man sie verlassen. Solch eine Organisation ist die Kirche. Die Leute verlassen sie.

Wissen Sie, ich habe dieses Christentum noch nicht aufgegeben. Ich glaube noch daran, dass es bestehen kann. Weil das Christentum vielleicht die faszinierendste unter allen Religionen ist. Die eine Religion, die nicht den Sieger feiert, sondern den Gekreuzigten.

Vor einiger Zeit stellte ich ein paar Thesen auf, wie die christlichen Kirchen überleben können. Ich war durchaus verwundert, dass ich Zustimmung fand. Schließlich hatte ich meine Thesen mit harten Sätzen begonnen. Zum Beispiel mit diesem: "Jeder Schlag der Abrissglocke gegen einen Glockenturm ist ein Geläut, das mir Hoffnung macht." Ich formulierte, dass ich die Hoffnung habe, dass sich die Kirche der Zukunft nicht länger über ihre Immobilien definiert, sondern über das aktive Leben in ihr. Dass diese Kirche nicht länger eine kafkaeske Bürokratie darstellen möchte. Dass die Mittel nicht mehr mit der Gießkanne verteilt werden, sondern überall dort investiert wird, wo noch Leben in der Kirche ist und daran geglaubt wird, dass es eine Zukunft gibt.

Diese Thesen fanden Zustimmung links wie rechts in der Kirche, und sie fanden wie gewohnt Widerstand. Der meiste Widerstand kam von Menschen in der Kirche, die ich noch von früher kenne. Menschen, die mir schon vor 20 Jahren erzählten, dass sie eigentlich keine Lust mehr haben, in der Kirchengemeinde zu arbeiten, und es noch heute tun. Sie empfanden es als Affront, dass meine fünfte These lautete, man solle sich von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern trennen, die eine pastorale Depression verspüren und versprühen.

Widerstand erntete ich auch von jenen, die um jedes Kirchengebäude kämpfen. Mir wurde immer wieder das Beispiel des Immerather Doms genannt. Eine alte Kirche, die dem Braunkohleabbau weichen sollte und die nun von Menschen verzweifelt verteidigt wurde. Als kämpften diese Menschen um das Kirchengebäude und nicht darum, dass ihr ganzer Ort bestehen bleibt. Als würde es einen Unterschied machen, wenn dieser Dom stehen bliebe, aber jedes Zuhause drum herum dem Abriss zum Opfer fiele. Der Immerather Dom ist ein Symbol. Er ist den Leuten weit weniger heilig als Gotteshaus denn als Symbol ihrer Heimat, die nicht verloren gehen soll.

Die Gegenargumente, die ich auf meine Thesen hörte, haben mich nicht überzeugt. Was spricht für eine Behördenkirche oder eine Immobilienverwaltungsgesellschaft im Namen des Herrn? Was spricht für pastorale Teams mit Mitarbeitenden, die an ihren Job nicht mehr glauben, wenn doch alle pastoralen Teams, die mit Freude arbeiten, auch heute noch Erfolg haben? Nichts.

Noch schwerer als diese schwachen Gegenargumente wiegt für mich: Ich habe keine Lust mehr auf den Untergangsdiskurs. Ich habe keine Lust mehr auf die zwanzigste Veranstaltung zur "Kirche 2030", in der immer darüber gesprochen wird, dass die Kirche sich aufmachen muss hinaus zu den vielen, nur um dann im Jahr 2030 die Veranstaltung "Kirche 2040" zu planen, in der dann besprochen wird, dass sich die Kirche jetzt aber wirklich aufmachen muss hinaus zu den vielen.

Keine Veränderung in der Kirchengemeinde kann gegen diejenigen gelingen, die bereits da sind. Wer Menschen mitnehmen will für einen neuen Weg, der muss sie zum Träumen und Hoffen bringen. Es muss die Lust entstehen, eine Veränderung mitzugestalten, statt gegen sie anzukämpfen. Das gilt für jeden Einzelnen von uns selbst.