Das Kreuz ist nicht nur dazu da, damit die Bayern etwas zum Streiten haben. Das Kreuz steht zuerst für den Glauben. In ihm hat ein gläubiger Katholik ein wertvolles Fundament für sein Leben. Die empathischen Werte der Bergpredigt sollen ihn leiten: Liebe, Wahrheit, Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Treue. Und wenn er einmal fehlt und seine Sünden bereut, dann droht ihm keine ewige Verdammnis. Hat er in seinem Leben viel Gutes bewirkt, winken ihm am jüngsten Tag Erlösung und ewiges Leben. Er hat einen gütigen Gott, der jeden einzelnen Menschen liebt, mit Stärken und Schwächen, und der stets verzeiht. Es ist ein Gott, der sagt: Fürchtet euch nicht! Der Hoffnung und Zuversicht gibt – gerade in unsicheren Zeiten.

Besonders für junge Menschen sind die Aussichten heute eher unruhig und unsicher. Ihre Zukunft entwickelt sich durch die Digitalisierung, die Globalisierung, durch künstliche Intelligenz, durch die exponentiell immer schneller werdende Entwicklung der Technik vollkommen unvorhersehbar. In diesen Zeiten wollen viele ihr Leben wieder mit Werten bereichern und nähern sich – laut der 17. Shell Jugendstudie – den Traditionen an. Doch die Zahl der gläubigen jungen Katholiken erodiert. Nach der Bullivant-Studie von 2018 sind nur noch 20 Prozent der 16- bis 29-jährigen Deutschen nominell Katholiken, nur noch 6 Prozent besuchen außerhalb von hohen Feiertagen den Gottesdienst. Die Zahl der Messdiener ist in den letzten zehn Jahren um 20 Prozent zurückgegangen.

Was für eine paradoxe Entwicklung! Die jungen Menschen sehnen sich nach Werten und nach Toleranz, doch die wertvolle Bergpredigt bleibt ihnen zunehmend verschlossen. Papst Franziskus treibt dies besonders um. Im Oktober beraten seine Bischöfe und ausgewählte junge Menschen in Rom über die Frage, wie man die Jugend wieder für die Kirche begeistern kann. Das ist die wichtigste Frage des Katholizismus! Der Papst weiß es. Wissen es die deutschen Bischöfe auch? Natürlich. Nur haben sie auch eine breite Kenntnis von dem, was junge Katholiken heute bewegt? Haben sie die Energie, die Offenheit, den Mut – all das, was der Papst ihnen vorlebt –, sich zu ändern und die stark angeschlagene Glaubwürdigkeit der Kirche bei den jungen Katholiken wiederherzustellen?

Zweifel sind angebracht: Sieben deutsche Bischöfe opponierten soeben beim Papst gegen die Reformen ihrer eigenen Bischofskonferenz. Sie fürchten sich immer noch vor der Zukunft, statt sich rechtzeitig über gewisse Zustände in ihrer Kirche zu empören. Wo war zum Beispiel der Aufschrei der Bischöfe, als Bischof Kurt Krenn 2004 in St. Pölten kinderpornografische Bilder, die in seinem Priesterseminar kursierten, als Bubendummheiten bezeichnete? Wo war ihr Aufschrei, als ihr Bruder Tebartz-van Elst die Kirche aufs Dümmlichste schädigte, indem er sich ein Bischofshaus für über 30 Millionen Euro genehmigte? Sowohl Krenn als auch Tebartz waren vorher schon keine Vorbilder für die Jugend. Gerade junge Menschen sind sehr aufmerksam und kritisch, wenn Anspruch und Verhalten auseinanderfallen. Und sie sind sensibel bei Ungerechtigkeit. Was ging in ihnen vor, als Bischof Gerhard Ludwig Müller in Regensburg die Misshandlung von über 500 Domspatzen als Einzelfälle abtat und dennoch von Papst Benedikt XVI. zum mächtigen Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre ernannt wurde? Oder als Benedikt den Holocaust-Leugner Richard Williamson als Bischof rehabilitierte, auch wenn er, der Papst, sich persönlich distanzierte?

Und ganz aktuell: Wo ist die Liebe, die Wahrheit, die Gerechtigkeit der Bergpredigt, wenn eine arme Diözese in Hamburg beschließt, acht katholische Schulen zu schließen, ohne dies vorher mit Schülern, Eltern und der Gemeinde zu besprechen? Im Mai müssen die Hamburger über das Schicksal dieser Schulen entscheiden. Die anderen, teilweise richtig reichen Bistümer aber schauen passiv zu, ohne ihren armen Bruder in der Diaspora mit Rat und Tat zu unterstützen! Gleichzeitig wurde bekannt, dass das Bistum Eichstätt 50 Millionen Euro aus Kirchensteuer-Einnahmen verzocken konnte. Wie empfinden das die betroffenen Hamburger Schüler, ihre Eltern und die ganze Öffentlichkeit?

Die Bischöfe diskutieren immer noch über Keuschheit und deren Kontrolle, über den Segen für homosexuelle Paare und die Frage, ob Wiederverheiratete die Kommunion empfangen dürfen. Aus theologischer Sicht mag dies alles sehr wichtig sein. Nur gehen die Diskussionen vollkommen an dem vorbei, was junge Katholiken bewegt: Sie haben andere Sorgen, Nöte, Hoffnungen, Freuden. Weshalb Frauen in der katholischen Kirche keine Rolle auf Augenhöhe übernehmen dürfen, bleibt vielen von ihnen ebenfalls ein Rätsel. Würden unseren Hirten zusätzliche Qualifikationen außerhalb der Theologie vielleicht helfen, die Bedürfnisse der Menschen besser zu verstehen?

Wenn die katholische Kirche die Jugend wieder begeistern will, hat sie gerade heute gute Chancen. Das Christentum ist eine sehr empathische, optimistische Glaubenslehre. Ihre irdischen Vertreter müssen die christlichen Werte nur glaubwürdig vorleben, ihre Probleme transparent angehen und energisch beheben. Sie sollten Kritik zulassen und daraus lernen, ja zur Kritik ermuntern. Nur wenn sie die Lebenswirklichkeit der jungen Gläubigen erkennen und akzeptieren, nur wenn sie ihnen pragmatisch, liebevoll und in Demut Seelsorger sind, können sie den jungen Christen auf ihrem Weg in die Zukunft helfen.