Der bunte Lack am Tor des Kinderzentrums blättert ab, das beige Gebäude liegt versteckt hinter Hecken. Es ist neun Uhr, acht Kindergartenkinder der "blauen Gruppe" spielen und streiten. In zwei Stunden gehen sie auf den Hof, bis dahin haben sie kein festes Programm. Auf einem Tisch verteilen sie Memory- und Uno-Karten, die von braunem Klebeband zusammengehalten werden. Die vierjährige Bikira setzt sich in einen Karton. Mit einem Pappfetzen schlägt sie auf Kinder ein, die in ihr "Schiff" möchten. "Können wir endlich rausgehen?", fragt ein Mädchen den Erzieher. Er wimmelt sie ab.

Zwei Kilometer weiter betreten die Eltern den herrschaftlichen Altbau der bilingualen Montessori-Kita. In der Kindergartengruppe herrscht um neun Uhr geschäftige Ruhe. 13 Kinder sind bereits da, wie einstudiert wechseln sie die Spielstationen. Zwei Jungen bauen mit einem magnetischen Set, zwei andere lehnen sich in ergonomischen Kinderstühlen zurück und blättern in Bilderbüchern. In der Brotzeit-Ecke essen die Kinder Bio-Paprika. Sie beachten ihre Erzieherinnen kaum. Als eine Mutter den Raum betritt, legt Erzieherin Irena Franke den Zeigefinger an die Lippen und sagt: "Psst, wir wollen nicht beim Spielen stören."

Zwei Kitas, eine Frage: Wie gerecht ist das Bildungssystem in diesem Land? Anders gefragt: Fängt die Ungerechtigkeit schon in der Kita an? Zementiert sie die Ungerechtigkeit sogar, weil in der einen Kita Kinder aus gutem Hause optimal gefördert werden, während die andere im sozialen Brennpunkt als Aufbewahrungsort dient? Es sind Fragen, die in das Herz des Bildungssystems zielen.

In Frankfurt gehen 90 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen in Kitas. Drei Viertel von ihnen bleiben dort länger als 35 Stunden wöchentlich. Kitas sind eine Chance für Kinder aus schwierigen Verhältnissen, all das nachzuholen, was in der Familie zu kurz kommt. Das hat auch die Politik verstanden. Aufgeschreckt von der Pisa-Studie, die 2001 nachwies, dass der Schulabschluss in Deutschland so stark wie in fast keinem anderen OECD-Land vom sozialen Status der Eltern abhängt, baute die Regierung die frühkindliche Bildung massiv aus. Auch die neue Familienministerin Franziska Giffey erklärte, dass bis zum Ende der Legislatur zusätzliche 3,4 Milliarden Euro des Bundes in den Bereich fließen sollen.

Die Stadt Frankfurt ist die Trägerin des "Kinderzentrums Krifteler Straße 80". Sie fördert auch die bilinguale Montessori-Kita "ibms", die zusätzlich von einem Verein getragen wird. Die Höhe der Gebühren an beiden Kitas richtet sich nach dem Gehalt der Eltern. Für einen Ganztagesplatz mit Verpflegung zahlen sie im Kinderzentrum höchstens 250 Euro im Monat. Bei mehr als der Hälfte der Kinder übernehmen Jugend- und Sozialamt die Kosten. Ein Platz in der bilingualen Montessori-Kita kostet etwa 150 Euro mehr. Hinzu kommt eine einmalige Aufnahmegebühr von 2.000 Euro. Kinder, für die das Jugend- oder Sozialamt aufkommt, gibt es hier derzeit nicht.

Die Kinder aus "Raum 5" der Montessori-Kita verteilen sich auf einen Bewegungsraum, einen Gruppenraum und einen Ruheraum, die zusammen 114 Quadratmeter groß sind. Zwei Erzieherinnen und eine Auszubildende arbeiten mit 22 Kindern.

Der Raum der blauen Gruppe hat 55 Quadratmeter. Zwei Betreuerinnen passen auf 18 Kinder auf. An diesem Tag ist eine der beiden krank. Wie so oft. Der Stress. Thomas Borchard springt aus einer anderen, kleineren Gruppe ein. Der Ausflug in den Wald fällt für die Kinder trotzdem aus. Die Kinder der Montessori-Kita gehen wie jeden Dienstag in den Palmengarten.

In Deutschlands Städten trifft Perspektivenreichtum auf Perspektivenarmut. In Frankfurt kommen sie sich besonders nah. Stadtviertel wie das Westend liegen unweit von Vierteln wie dem Gallus. Im Westend hetzen um acht Uhr morgens Menschen in gut geschnittenen Anzügen zur Montessori-Kita ibms, viele von ihnen hat der Job nach Frankfurt geführt. Im Gallus bringen um acht Uhr morgens Frauen mit Lederjacken oder langen Gewändern ihre Töchter und Söhne ins Kinderzentrum, viele hat die Armut oder der Krieg nach Frankfurt getrieben. Sie stammen aus Afrika, dem Nahen Osten oder Jugoslawien.

Diese Kinder, aus dem Westend und aus dem Gallus, sollen die gleichen Chancen erhalten. Wie soll das gehen? Im Bildungsdezernat der Stadt Frankfurt kann kein Ansprechpartner auf die Frage antworten, wie es um die Chancengleichheit in Frankfurts Kitas steht. "Es ist schwierig, eine pauschale Antwort zu finden. Es gibt so viele verschiedene Träger und Konzepte", sagt eine Sprecherin. Auf das Thema sei sie nicht vorbereitet. Aber: Chancengleichheit werde großgeschrieben.