Am Hafen erinnert bröckelnder Stuck an den Fassaden daran, dass Tripoli einst für den Reichtum der Levante stand. Heute leben die meisten Libanesen hier so wie Mohammed Abboud. In seinem Viertel Mankubin haben die Straßen Schlaglöcher, und der Strom fällt öfter aus. Seit Jahren geht es mit den Städten und Dörfern im Norden des Libanons bergab. Trotzdem ist er dieser Tage in Hochstimmung.

Abboud, 31, kräftige Hände, lederne Haut, ist Wahlkämpfer. Am 6. Mai wählen die Libanesen ein neues Parlament, das erste Mal seit neun Jahren. Die Wahlen waren immer wieder verschoben worden: Erst drohte der Krieg aus Syrien auch den Libanon zu erfassen, dann konnten sich die Parteien auf keinen Termin einigen. Abboud macht Wahlkampf für einen der mächtigsten Männer des Landes, Premierminister Saad al-Hariri. Der sorgte kürzlich auch in Europa für Aufsehen, als er ausgerechnet in Saudi-Arabien per Fernsehansprache seinen Rücktritt erklärte – um kurz darauf vom Rücktritt zurückzutreten.

Nun möchte sich Hariri wieder wählen lassen. Hier in Tripoli, der Hochburg der libanesischen Sunniten, hat er bei den Wahlen sein Heimspiel. Und sein Wahlkämpfer Abboud hat es einfach: "Ich sage den Leuten: Wählt Hariri, er ist der Patron der Sunniten!" Was ein Patron für die Menschen hier tut? "Nichts", sagt Abboud und lacht laut. "Aber das erwartet im Libanon auch keiner von einem Politiker."

Der kleine Libanon steht ständig am Rande des nächsten Krieges. Dass der bislang ausgeblieben ist, hat auch Europa vor neuen Krisen bewahrt. Eine Million Syrien-Flüchtlinge hat der Libanon aufgenommen. Europa braucht und will Stabilität im Nahen Osten. Also sollen die Wahlen möglichst glatt laufen. Was aber bedeuten die Wahlen für die Menschen im Land – die Libanesen und die Syrer? Kann eine Wahl, so wie es sich einige europäische Entscheidungsträger erhoffen, überhaupt für mehr Stabilität sorgen?

Wahlkämpfer Abboud ist eigentlich Busfahrer. Was er damit verdient, reicht nicht, um für seine Frau und zwei Kinder eine eigene Wohnung zu mieten. Also leben sie bei seinen Eltern, gemeinsam mit Abbouds Geschwistern und deren Familien. Trotzdem macht er diesen Wahlkampf ehrenamtlich. "Für mich ist das soziale Arbeit." Um zu verstehen, was das heißt, muss man bloß einige Minuten neben ihm Platz nehmen.

Abboud sitzt hinter einem schiefen Schreibtisch in einem kleinen Ladenraum, der für diese Wochen zum überdachten Wahlkampfstand umfunktioniert worden ist. Alle paar Minuten kommen Männer und Frauen aus der Nachbarschaft durch die offene Tür herein und legen Zettel auf den Tisch vor Abboud. Es sind Arztrechnungen oder Quittungen aus der Apotheke. Abboud überfliegt sie und lässt die Zettel in der Schreibtischschublade verschwinden. "Abends begleichen wir die Rechnungen", sagt er. Parteien dürfen Wähler nicht bezahlen, damit sie ihnen ihre Stimme geben. Dass sie keine privaten Rechnungen begleichen dürfen, steht aber nicht im Gesetz.

Diese Schubladen sind das wichtigste Wahlkampfinstrument. Politiker streiten zwar vehement ab, dass Stimmen gekauft werden. Doch in ärmlichen Vierteln wie Mankubin käme man gar nicht auf die Idee, die Schubladen zu verheimlichen. Sie sind eine Selbstverständlichkeit. In Mankubin, sagt Abboud, zahlten verschiedene Kandidaten zwischen 100 und 500 Dollar pro Wähler. Recherchen libanesischer Journalisten bestätigen diese Zahlen. Für viele Wähler zählt denn auch weniger der Wahlausgang als die Tage bis dahin. Auf die Wahl angesprochen, zeigt eine Frau in der Nachbarschaft nur auf ihre hochschwangere Tochter: "Alles, was ich hoffe, ist, dass die Wehen vor dem Wahltag kommen! Wer soll sonst die Krankenhausrechnung zahlen?"