Von der norwegischen Insel Tautra bis nach London sind es acht Schritte, von dort acht Schritte nach Peking, von wo aus man in acht Schritten nach Delhi kommt, bevor man in der gleichen Entfernung São Paulo erreicht. Jedes dieser fünf Stückchen Welt steckt in einem transparenten Iglu. Miteinander verbunden stehen sie an einem Frühlingstag in London.

Im Hof des Somerset House, eines klassizistischen Museums am Nordufer der Themse, warten diese kleinen durchsichtigen Halbkugeln in der englischen Sonne. Durch einen Plastikvorhang betritt man Tautra. Ein weißes Maschinchen bläst einen konstanten Luftstrom in den Raum, und was für einen: klar, sauber, rein, sodass man sich diskret zwischen den anderen Besuchern nach vorne schiebt, um mehr davon abzubekommen.

"Bessere Luft können Sie in ganz London nicht atmen", hatte Michael Pinsky gesagt. Er lebt nicht nur hier, von ihm stammt auch diese Installation. Pollution Pods nennt er sie, was man holprig mit Verschmutzungsbehälter übersetzen kann. Aber der Begriff ist gar nicht so wichtig, denn die Idee ist schlagend einfach. Fünf verschiedene Lüfte simuliert Pinsky, um den Besucher Luftverschmutzung erleben zu lassen. Ein paar Meter von Tautra liegt schon London. Wer gerade norwegische Landluft geatmet hat, dem fällt der Unterschied auf. "Ich muss jeden Tag mit dieser Luft leben", sagt Pinsky.

Im Delhi-Iglu warnt ein Monitor den Besucher: "Sport im Freien? Mit dem Baby rausgehen? Rad fahren? Draußen essen? – Vorsicht!" Denn hier stinkt es. Eine Maschine mit dem ulkigen Namen Fury Faze produziert einen konstanten Strom von Dunst. Es ist heiß, die Hose beginnt an der Haut zu kleben. Um mehr Details auf dem Bildschirm lesen zu können, der über die simulierten Messwerte informiert, muss man sich ihm bis auf 20 Zentimeter nähern. Zwei Inder treten in den Raum, schauen sich an, sagen "Ja". Ein Brite flucht und geht schnell weiter. Dem echten Delhi könnte man nicht so leicht entfliehen. Und die echte Luft Delhis ist, anders als jene in der Installation, tatsächlich giftig. 3,3 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen verpesteter Luft, so bezifferten es vor drei Jahren Forscher in Nature, die meisten davon in China und Indien.

Den Dunst am eigenen Leib zu erleben ist interessant, die Pollution Pods werfen aber eine größere Frage auf: Kann Kunst uns vergegenwärtigen, was in Durchschnittswerten, in präzisen Fakten und in modellierten Szenarios abstrakt bleibt? Pinskys Kunstwerk ist Teil eines Projektes names "Climart" (ein Kofferwort aus climate und art), das der Psychologie-Professor Christian Klöckner von der Universität Trondheim leitet. "Uns interessiert", erklärt er, "ob die Kommunikation über den Klimawandel auch einmal anders laufen kann als immer nur über wissenschaftliche Publikationen."

So unterschiedliche Probleme wie die Erderwärmung, die Umweltbelastung durch kurzlebige Modetextilien oder die schlechte Klimabilanz des Fleischkonsums haben eines gemeinsam: Nicht am Wissen darum, wie man ihre Ursachen bekämpft, mangelt es, sondern am Willen, konsequent zu handeln. "Ein persönliches Erlebnis erreicht das Bewusstsein, etwas tun zu müssen, anders, als wenn wir nur darüber lesen, dass die Konzentration von Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre gestiegen ist", sagt Klöckner.

Im Peking-Iglu ist es, aus Delhi kommend, fast schon angenehm, obwohl auch hier eine Schadstoffbelastung simuliert wird, die in Europa Entsetzen auslösen würden. In Chinas Hauptstadt ist das normal. Und in São Paulo tränen dem Besucher beinahe die Augen von den aggressiven Dämpfen. Pinsky hat den Gestank der vielen Fahrzeuge simuliert, die hier mit Ethanol fahren. Bei der Verbrennung des Kraftstoffs entstehen Ozon und Formaldehyd. Schnell weg aus São Paulo und wieder in den Tautra-Iglu, Erleichterung!

Irgendwann geht es zurück ins echte London. Das mit den Bussen, die im Leerlauf an der Ampel stehen, den dieselgetriebenen Lieferwagen, den ikonischen schwarzen Taxis, deren elektrische Nachfolger noch so selten zu sehen sind wie die Queen im Supermarkt. Durch diesen Verkehr fährt Michael Pinsky am Ende des Tages mit seinem Fahrrad, zurück nach Hause.

Zum Abschied erzählt er, in Großbritannien werde gerade breit über Plastikmüll diskutiert, die Tage von Einwegtüten scheinen gezählt. Dafür macht Pinsky weder Studien noch Kampagnen verantwortlich, sondern die opulente Naturdokumentationen Blue Planet II der BBC. Und Psychologe Klöckner erzählt später von einem Wal-Kadaver, der an der norwegischen Küste angespült worden war. Bei der Obduktion habe man Unmengen von Plastikmüll aus dem Wal-Magen ans Tageslicht gebracht. Die Dokureihe und der tote Wal – beide stoßen am Ende durch denselben Mechanismus eine Veränderung von Verhalten an: Sie verknüpfen ein abstraktes Problem mit einer Emotion.