Madrid, ich werde mich dir eine Nacht lang ausliefern. Verzeih mein miserables Spanisch, füll mich sanft ab, und zeig mir etwas Überraschendes. Etwas, das mich morgen früh die resaca, wie du den Kater nennst, ertragen lässt. Mit dabei ist Nana, sie wird mich in dieser Nacht – und nicht nur in dieser – begleiten. Wir beginnen auf der Plaza de Santa Ana, denn der Platz erinnert an die beiden berühmtesten Trinker von Madrid. Wobei keiner der beiden Spanier war, und einer nicht mal wirklich Trinker.

In der Cervecería Alemana an der Südseite der Plaza hatte der eine, Ernest Hemingway, einen Stammtisch. Und dem anderen, Joseph Bonaparte, ist zu verdanken, dass es die Plaza überhaupt gibt. Joseph war Napoleons Bruder und Anfang des 19. Jahrhunderts kurzzeitig König von Spanien. Er ließ Klöster und Kirchen abreißen, so entstand Platz für Plätze. Wegen seiner angeblichen Trinklaune nannte man ihn auch "Pepe Botella", Pepe die Flasche. Aber das war wohl nur üble Nachrede. Gründe zu saufen hätte die Flasche allerdings gehabt, seine Regentschaft verlief kläglich.

Darauf heben wir erst mal ein Bier. In der Cervecería tragen die Kellner weiße Hemden und schwarze Schürzen und rufen den Kollegen hinter der Bar laut die Bestellungen zu. Am Tresen bekommt man ungefragt kleine Würstchen, Brot und Oliven vorgesetzt, das erleichtert frühabends den Alkoholkonsum. Cristian, der Barmann, wirft einen Kronkorken aus zwei Metern Entfernung in einen kleinen Metallkübel und grinst stolz. Er steht seit 14 Jahren hinter der Theke der Cervecería Alemana. Cristian spricht kein Wort Deutsch, das ist schließlich keine Themenkneipe, auch wenn sie 1904 von Deutschen gegründet wurde. Als Hemingway später hier soff, laut eines Fotos "circa 1959", gehörte die Bar schon lange einem Spanier, und berühmte Matadore gingen ein und aus. Das muss den begnadeten Trinker beeindruckt haben. In seinem Roman Fiesta flüchtet sich der junge Autor Jake Barnes in den Alkohol, weil seine Angebetete mit einem Stierkämpfer abgehauen ist. Nana und ich sehen uns um und müssen lachen. Hier sieht niemand wie ein Matador aus. Eher wie Expats, die auf den Spuren Hemingways trinken.

Cristian würde uns sicher bis zur Sperrstunde mit Bier und Würsten versorgen und ambitioniert Kronkorken schnippen. Als wir fragen, wo wir als Nächstes hingehen sollen, ist er nicht erfreut. "Da drüben", murmelt er und zeigt über die Plaza. Der Name des Lokals geht im Betriebslärm unter.

Schwer zu sagen, ob wir tatsächlich da landen, wo Cristian uns hinschicken wollte. Die Richtung stimmt, ungefähr. Tut uns leid, Madrid, wir schweifen jetzt schon ab. Und so landen wir eher zufällig im zweiten Lokal des Abends, dass unpassenderweise La Tercera heißt, die Dritte, und eigentlich ein Restaurant ist. Immerhin mit Bar. Hinter der Theke steht Mónica, sie weiß viel über Madrid, über Männer, über Alkohol und über das, was man nach ein paar Gläsern melancholisch la vida nennt, das Leben. Ja, es sei kompliziert, sagt sie, aber Mónica macht nicht den Eindruck, als komme sie mit dem Leben schlecht zurecht. Sie trägt enge schwarze Jeans, ein asymmetrisches ärmelloses Top, hochhackige Schuhe und am linken Arm Schmetterlings-Tattoos. Und ihre Nase! So dominant, die gibt ihrem Gesicht einen störrischen Ausdruck.

Wenn Mónica spricht, klingt es wie ein Track von Iggy Pop. Das La Tercera, sagt sie, habe sie bei ihrer letzten Scheidung von ihrem Ex-Mann bekommen, es sei aber ihr zweiter Ehemann gewesen, nicht ihr dritter, hahahahahaha. Die Taverne verdanke ihren Namen der Tatsache, dass sie die dritte Bar des Ex gewesen sei.