Wenn Amaya Jiménez morgens um sieben in den Bus steigt, denkt sie nicht mehr daran, dass sie auch länger hätte schlafen können. Wenn sie die 35 Kilometer zur Arbeit fährt, denkt sie an 1,50 Euro. So viel Geld müsste sie für jede Stunde bezahlen, die ihr Auto am Straßenrand im Zentrum Madrids parken würde. Geld, das sie mit dem frühen Aufstehen spart.

Dass Jiménez so rechnet, liegt an einer Vision, die Madrid hat: Plan A wird sie genannt, Plan für Luftqualität und Klimawandel. Plan A, denn eine andere Luft, einen Plan B, gibt es nicht, sagen die, die sich das ausgedacht haben: die linksalternative Stadtverwaltung um Bürgermeisterin Manuela Carmena, die Madrid seit 2015 regiert.

Mit diesem Plan, für den fast 550 Millionen Euro vorgesehen sind, will sie den Autoverkehr stark reduzieren. 2030 soll der Verkehr nur noch halb so viel Emissionen produzieren wie 2012.

Früher parkte Amaya Jiménez kostenlos vor der Unternehmensberatung im Zentrum Madrids, wo sie arbeitet. Hätte sie ein Elektroauto, wäre das weiterhin so. Aber Amaya Jiménez fährt einen alten Diesel, und den zu parken ist teuer geworden. Zahlte sie jeden Tag dafür, käme sie auf fast 300 Euro im Monat – viel Geld für eine Rezeptionistin. Außerdem müsste sie ihr Auto alle vier Stunden einige Straßen weiter fahren, länger darf sie als Auswärtige nicht mehr im selben Viertel des Zentrums parken.

Kameras überwachen die Umweltzone. Wer unangemeldet fährt, zahlt 90 Euro Strafe

Seit Jahren leiden die Madrilenen unter der boina, wie sie sagen, einer "Baskenmütze" aus Smog. 2,5 Millionen Fahrten machen Autos täglich durch die spanische Hauptstadt. Regelmäßig überschreitet sie die Grenzwerte der Europäischen Union für Stickstoffdioxid, noch im Mai will die Europäische Kommission entscheiden, ob sie deswegen Klage einreicht. Aber auch die Madrilenen selbst fordern, dass sich etwas ändert: Die Luftverschmutzung und der Verkehr seien nach der Sauberkeit die größten Probleme der Stadt, größer als Arbeitslosigkeit oder Kriminalität, gaben sie in einer repräsentativen Umfrage an.

Probleme, mit denen Metropolen weltweit kämpfen: Die Luft ist schlecht, die Straßen verstopft von Staus; Parkplätze und Straßen beanspruchen viel Platz. Es brauche eine Mobilitätswende, sagen Verkehrsforscher und Städteplaner. Bei der es aber nicht nur um Bemessungen von Straßen und Parkplätzen geht, sondern darum, wie die Stadt der Zukunft aussehen wird. Soll der Autoverkehr weiterhin so viel Raum beanspruchen dürfen? Wofür wünschen sich die Bewohner mehr Platz? Und wie müsste eine andere Stadt aufgebaut sein, damit trotzdem alle erreichen, was sie brauchen? Mit dem Plan A versucht Madrid, viele dieser Fragen anzugehen. Zwar wollen die meisten Madrilenen, dass sich der Verkehr in ihrer Stadt verändert. Doch ob Plan A der richtige ist – darüber streiten sie.

Die Frau, die den Plan entworfen und den Streit damit verursacht hat, steht an einem Tag im März an der Gran Vía, Prachtstraße und Verkehrsachse Madrids. Paz Valiente lehnt sich an ein Geländer, das seit einigen Monaten aus einer Autospur einen Gehweg macht. "Bald fangen die Bauarbeiten an", sagt sie. Vor einigen Monaten noch fuhren hier Autos, Busse und Taxis dreispurig in beide Richtungen. Künftig soll die Gran Vía nicht nur provisorisch, sondern dauerhaft verändert werden. Nur noch eine Spur soll in jede Richtung für Autofahrer bleiben – und diese müssen sie sich mit Radfahrern teilen; eine weitere bleibt für Busse und Taxis. "Jahrelang haben wir die Stadt auf die Bedürfnisse der Autofahrer hin gebaut. Das machen wir jetzt anders", sagt Valiente.

Würde Udo Becker, Verkehrsforscher an der Technischen Universität Dresden, Paz Valiente treffen, würde er ihr für den Mut, die Gran Vía umzubauen, wahrscheinlich gratulieren. Seit 24 Jahren hat Becker den Lehrstuhl für Verkehrsökologie inne, noch länger beschäftigt er sich mit Alternativen zum Auto. Seine Erkenntnisse haben ihn überzeugt, dass die Mobilitätswende nur mit mutigen Entscheidungen erreicht werden kann. "Bisher haben wir den Verkehr immer attraktiver gemacht, aber so kann das nicht weitergehen. Also muss man Radständer dort aufbauen, wo ein Parkplatz war. Und die neue Fahrradspur, wo eine Pkw-Spur wegfallen kann. Jahrzehntelang haben wir versucht, alle Probleme technisch zu lösen, und sind an Grenzen gekommen. Jetzt geht es nicht mehr ohne Verhaltensänderungen."

An diesem Punkt setzt der Plan A von Paz Valiente an. Sie will Autofahren unbequem machen. Auch von vielen anderen Straßen werden Autospuren entfernt. Auf Schnellstraßen, die ins Zentrum führen, wurde die Maximalgeschwindigkeit von 90 auf 70 Kilometer pro Stunde gesenkt, aus 50er-Zonen wurden 30er. Parkgebühren bemessen sich am Autotyp, für Diesel und Benziner sind sie stark gestiegen.