Jesus wird bekanntlich in Oberammergau gekreuzigt. Insofern hat der bayerische Ministerpräsident Markus Söder recht, wenn er sagt, das Kreuz sei "ein grundlegendes Symbol unserer bayerischen Lebensart". Wenn allerdings zukünftig die staatlichen Behörden in Bayern zwangsweise mit einem Kreuz geschmückt werden sollen, dann mag das zwar "bayerische Lebensart" sein, mit dem Christentum jedoch hat es wenig zu tun. Und ob es verfassungsrechtlich erlaubt ist, werden die Gerichte entscheiden (siehe den Gastbeitrag von Udo Di Fabio).

Oberammergau ist nicht Jerusalem, und dass mit dem Kreuzestod Christi bei der bayerischen Landtagswahl im Herbst Stimmen zu holen wären, möchte man lieber nicht hoffen. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx jedenfalls hat dem Söderschen Umarmungsversuch mannhaft widerstanden und gesagt: "Das Kreuz kann man nicht haben ohne den Mann, der daran gehangen hat. Es ist ein Zeichen des Widerspruchs gegen Gewalt, Ungerechtigkeit, Sünde und Tod, aber kein Zeichen gegen andere Menschen." Und Marx fügte hinzu: "Der Staat kann nicht von sich aus das Zeichen des Kreuzes definieren. Das geschieht durch die Botschaft des Evangeliums und das Zeugnis der Christen."

Mit diesem Zeugnis steht es seit geraumer Zeit nicht sonderlich gut. Die Wiedervereinigung hat der alten Bundesrepublik die weitgehend entchristlichten Landstriche des Ostens hinzugefügt. Das westliche Konzept ungehemmter Selbstverwirklichung hat Traditionen und Loyalitäten geschwächt. Die Kirchen beider Konfessionen kämpfen gegen den Schwund ihrer Bedeutung und ihrer Mitgliederzahlen. Vielerorts gibt es nicht einmal genug Hirten, um die wenigen Schafe zu weiden. Deshalb ist die Vorstellung, man könne dem christlichen Abendland gewissermaßen von Amts wegen unter die Arme greifen, fast komisch.

Dem Kaiser Konstantin wird nachgesagt, ihm sei im Traum ein Kreuz mit der Inschrift "In hoc signo vinces" ("In diesem Zeichen wirst du siegen") erschienen. Er habe dann in der Schlacht gegen Maxentius (312 n. Chr.) ein Feldzeichen mit dem Christusmonogramm XP vor sich hertragen lassen und deshalb gewonnen.

Es ist sicherlich gut, dass die Christen solch heroische Träume nicht mehr träumen. Wer mit dem Feldzeichen des Kreuzes voranmarschieren wollte, der würde, wenn er sich umdrehte, bald merken, wie sich die Reihen hinter ihm lichten. In München, darauf hat Kardinal Marx aufmerksam gemacht, kann man kaum mehr als die Hälfte aller Bewohner Christen nennen, und in anderen Regionen sind es noch sehr viel weniger.

Trotz alledem bleibt es wahr, dass dieses Land von der christlichen Kultur zutiefst geprägt ist. Die abendländische Musik von Schütz bis Bach und Bruckner legt Zeugnis davon ab; die berauschende Architektur der Klöster und Kathedralen verherrlicht den Gott der Christen; die Pinakotheken sind voller Wunderwerke, die sich den biblischen Erzählungen widmen. Es ist eine Vergangenheit, die nicht vergeht, sondern fortwirkt bis in unsere Tage, und selbst noch unser Jahresrhythmus ist von den christlichen Festen bestimmt. Auch das Grundgesetz und seine Wertvorstellungen stehen unzweifelhaft in der Tradition christlichen Denkens.

Damit ist natürlich nichts über die Glaubensstärke der verbliebenen Christen gesagt. Die Zahl der Gottesdienstbesucher beweist wenig. Diejenigen, die seinerzeit dem Sonntagsritual folgten, um vor der Kirchentür nützliche Kontakte zu knüpfen oder drinnen die neue Garderobe vorzuführen, waren vermutlich nicht gläubiger als die heutigen Christen. Wie auch sollte man den Glauben messen können? Das Christentum ist eine ebenso grandiose wie rätselhafte Religion und die Botschaft Jesu ebenso tröstlich wie schockierend. Jeder Versuch, sie unmittelbar in politisches Handeln zu übersetzen, sieht sich vom Scheitern bedroht, und die Idee, damit eine bessere Ausgangslage für eine Landtagswahl zu schaffen, ist allenfalls oberschlau.

Die Christen können das Kreuz nur retten, indem sie es wahrhaft ernst nehmen, indem sie danach trachten, sich im Ritus und im Gebet dem "Geheimnis des Glaubens" anzunähern. Die religiöse Inbrunst, die man bei Muslimen findet, sollte nicht Anlass zum Spott geben, sondern zum Nachdenken über die eigene Praxis anregen. Man kann das Problem der nachlassenden Strahlkraft des Kreuzes aber nicht dadurch lösen, dass man anordnet, es an die Wand zu dübeln.

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